Rio fei­ert sich selbst

Bra­si­li­ens Me­tro­po­le wird 450

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Si­len­cio“, „Ru­he“, ruft Al­f­re­do Me­lo un­ge­hal­ten in die Run­de. Wenn der mür­ri­sche Bar­be­sit­zer ei­nes nicht aus­ste­hen kann, dann sind es Tou­ris­ten, die mit ih­rem Ge­quat­sche die bes­te Mu­sik der Welt über­tö­nen. Dass das der Bos­sa No­va ist, er­fun­den in „Alf­re­gi­nos“Hei­mat­stadt Rio de Janei­ro, dar­an lässt der Al­te kei­nen Zwei­fel. Sei­ne Bar „Bip Bip“wur­de an­läss­lich des 450-jäh­ri­gen Be­ste­hens der Stadt ge­ra­de erst vom Bür­ger­meis­ter zum „Kul­tur­er­be von Rio“er­klärt. Und so tun die Ca­rio­cas, die Ein­woh­ner der bra­si­lia­ni­schen Me­tro­po­le, hier ge­nau das, was sie am bes­ten kön­nen: Sie fei­ern sich selbst. Im For­te São João, wo das bra­si­lia­ni­sche Mi­li­tär heu­te noch ein Trai­nings­zen­trum be­treibt, stieg so­zu­sa­gen die ers­te Par­ty am Zu­cker­hut. Übe­r­all in der Guana­ba­ra-Bucht sa­ßen da­mals die Fran­zo­sen, was Es­tácio de Sá und sei­ne por­tu­gie­si­schen Mit­strei­ter am 1. März 1565 nicht da­von ab­hielt, ein or­dent­li­ches Holz­kreuz in den ein­zi­gen frei­en Sand­wall zu ram­men und São Se­bas­tião do Rio de Janei­ro zu grün­den. Der Stem­pel „450 Jah­re Rio“wird übe­r­all dort auf­ge­drückt, wo sich ein biss­chen Platz fin­det: auf Bier­do­sen und Su­per­markt­tü­ten, Sand­bur­gen und Strand­bars, Kon­zert­rei­hen und Film­fes­ti­vals. Nur die his­to­ri­schen Or­te der Stadt blei­ben von der Eti­ket­tie­rungs­wut er­staun­li­cher­wei­se un­be­rührt: Rund um die Pra­ça Ti­ra­den­tes gibt es hin­ter den bun­ten, halb ver­fal­le­nen Häu­ser­fas­sen­den des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts noch Re­stau­rants mit dem ge­ka­chel­ten Charme der Jahr­hun­dert­wen­de, Ki­nos mit Mes­sing-ge­rahm­ten Frei­trep­pen und die be­rühm­te Con­fei­ta­ria Co­lom­bo als un­ver­än­der­li­ches Sym­bol für die lu­kra­ti­ven Kaf­fee­ex­por­te seit Be­ginn der 1830er Jah­re. Auch die Ha­fen­ge­gend rund um die Pra­ça Maua, wo Skla­ven einst die in den Na­tur­fels ge­haue­ne Trep­pe er­klim­men muss­ten, liegt seit der Ab­schaf­fung des Men­schen­han­dels 1888 im Dorn­rös­chen­schlaf. Und das, ob­wohl aus­ge­rech­net hier dut­zen­de Kreuz­fahrt­schif­fe ih­re Pas­sa­gie­re nach Rio ent­las­sen. Doch die zieht es schnell an die Co­paca­ba­na, den Ge­burts­ort des Tou­ris­mus in Rio. 1886 sorg­te die fran­zö­si­sche Schau­spie­le­rin Sa­rah Bern­hardt hier für ei­nen Eklat als sie im Meer ba­den ging. Sechs Jah­re spä­ter er­fand der eng­li­sche Bar­bier Wal­lace Gree­ne an der Co­paca­ba­na das Strand­hand­tuch, weil er ge­ra­de kei­ne sonst als Sitz­un­ter­la­ge üb­li­che Zei­tung da­bei hat­te. Und 1923 schließ­lich lan­de­te man mit der Er­öff­nung des strah­lend wei­ßen „Co­paca­ba­na Pa­lace“den wah­ren Coup. Von Mar­le­ne Dietrich bis Nat King Co­le sind sie al­le in dem Lu­xus­ho­tel auf­ge­tre­ten, Nel­son Man­de­la ge­hör­te eben­so zu den Gäs­ten wie jüngst Oli­ver Kahn. In­zwi­schen ist das Bra­ten am Strand so et­was wie Volks­sport ge­wor­den. In Ipa­ne­ma fei­ern die Ca­rio­cas auf ei­nem Fel­sen all­abend­lich

Al­les be­gann mit or­dent­li­chem Holz­kreuz

den Son­nen­un­ter­gang mit Ap­plaus – und ir­gend­wie be­glück­wünscht man sich da­mit auch selbst, in der schöns­ten Stadt der Welt zu le­ben. Ein Auf­zug ver­bin­det Ipa­ne­ma mit den zu­sam­men­ge­wach­se­nen Fa­ve­las Pa­vão, Pa­vão­z­in­ho und Can­tagalo. „Die Leu­te wol­len ein­fach et­was an­de­res er­le­ben – ei­ne an­de­re Kul­tur und Le­bens­art“, sagt Maximilian Pai­xão. Der 28-Jäh­ri­ge ist Ma­na­ger des „Ti­ki Hos­tels“, der Ei­gen­tü­mer wohnt un­ten im schi­cken Ipa­ne­ma. Sechs Gäste­häu­ser gibt es mitt­ler­wei­le in der Fa­ve­la, die ers­ten ha­ben gleich nach der Pa­zi­fi­zie­rung er­öff­net, mit der die bra­si­lia­ni­sche Re­gie­rung die Vier­tel von den Dro­gen­gangs be­frei­en und fit für die Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft ma­chen woll­te. Noch im­mer lebt mehr als ei­ne Mil­li­on Men­schen in den Fa­ve­las, doch manch ei­ner sieht zum ers­ten Mal ein ge­wis­ses In­ves­ti­ti­ons­po­ten­zi­al. Sport­ler und Schau­spie­ler sol­len sich schon in den Hän­gen, die die Bucht von Rio de Janei­ro über­bli­cken, nach Grund­stü­cken um­ge­se­hen ha­ben. Aben­teu­er­lus­ti­ge Ca­rio­cas wol­len nur ein Bier trin­ken, an­de­re kom­men aus der Nord­zo­ne und ha­ben noch nie das Meer ge­se­hen. Trotz ex­klu­si­ver La­ge in Co­paca­ba­na gibt es auch im „Bip Bip“Bier aus der Do­se. Die Gäs­te be­die­nen sich selbst, ab­ge­rech­net wird per Strich­lis­te. Und al­le lie­ben Bos­sa No­va: schi­cke Mitt­vier­zi­ge­rin­nen eben­so wie tä­to­wier­te Män­ner mit Base­ball-Kap­pe, jun­ge Müt­ter ge­nau­so wie al­te Her­ren in Strick­wes­ten. „Alf­re­gi­no“, des­sen Ar­me im Ja­ckett ste­cken, die nack­ten Fü­ße in Turn­schu­hen, bringt das Le­bens­ge­fühl der Ca­rio­cas auf den Punkt: „Beim Bos­sa No­va geht es dar­um, das Le­ben zu ge­nie­ßen“– und das nicht nur zur 450-Jahr-Fei­er.

Ei­ne Stadt fei­ert sich selbst: Rio de Janei­ro wird im Som­mer 2016 nicht nur die olym­pi­schen Spie­le aus­rich­ten, die Stadt am Zu­cker­hut fei­ert auch noch Ge­burts­tag. Ih­re Grün­dung jährt sich zum 450. Mal. Foto: Geo­rei­sen

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