„Ge­dan­ken macht man sich oft“

Nach Pa­ris: Sport­fo­to­graf Mar­kus Gil­li­ar über Ter­ror­angst und Si­cher­heit im Sta­di­on

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sport -

Nur lang­sam kann Sport­fo­to­graf Mar­kus Gil­li­ar die Ein­drü­cke der At­ten­ta­te von Pa­ris ver­ar­bei­ten. Be­grei­fen oder gar ver­ges­sen wird er sie wohl nie. Gil­li­ar ist Mit­be­grün­der und In­ha­ber der Det­ten­hei­mer Fo­to­agen­tur GES; er ar­bei­tet auch re­gel­mä­ßig für den SONN­TAG. Dar­über hin­aus ge­hört der 52-Jäh­ri­ge seit 2011 als ein­zi­ger deut­scher Fo­to­graf der zwölf­köp­fi­gen Me­di­en­kom­mis­si­on des Welt­fuß­ball­ver­ban­des Fi­fa an, die sich un­ter an­de­rem mit den Ar­beits­be­din­gun­gen der Me­di­en be­fasst. Be­reits seit 1993 ist er Fo­to­gra­fen-Spre­cher beim Ver­band Deut­scher Sport­jour­na­lis­ten (VDS). Mar­kus Gil­li­ar be­glei­tet seit Jahr­zehn­ten die Na­tio­nal­mann­schaft als Fo­to­graf des Deut­schen Fuß­ball-Bun­des (DFB). Mit dem SONN­TAG spricht er nun über die Ein­drü­cke von Pa­ris. Über „mul­mi­ge Ge­füh­le“bei Mas­sen­sport­ver­an­stal­tun­gen und die Ri­si­ken sei­nes Jobs. Über die Si­cher­heit in den Bun­des­li­ga-Sta­di­en – und dar­über, was er sich in punc­to Si­cher­heit für kom­men­de Spie­le oder Groß­sport­ver­an­stal­tun­gen wünscht.

Wie ge­sagt, ein­fach ist es nicht. Aber: Ich und mei­ne Kol­le­gen im Sta­di­on wa­ren ja nur mit­tel­bar Be­trof­fe­ne. Für je­den der un­mit­tel­bar da­bei war oder für Men­schen, die An­ge­hö­ri­ge ver­lo­ren ha­ben, ist das na­tür­lich ei­ne ganz an­de­re Di­men­si­on. In­so­fern hat­ten wir rie­si­ges Glück – und ei­nen Schutz­en­gel.

Als ich ins Sta­di­on ge­fah­ren bin und die vie­len Si­cher­heits­kräf­te sah, hat­te ich Ver­trau­en in die­se. Ein mul­mi­ges Ge­fühl mach­te sich ab dem Zeit­punkt breit, als ich im Me­di­en­zelt war, in das ein Si­cher­heits­be­am­ter kam und sag­te: So­fort das Zelt ver­las­sen, al­les lie­gen las­sen, das Spiel ist ab­ge­sagt! Ich muss­te mit mei­ner klei­nen Aus­rüs­tung raus. Das gro­ße Equip­ment war noch im Sta­di­on, mein Au­to stand im Sta­di­on­be­reich – ho­len durf­te ich bei­des erst mal nicht.

Man über­legt, wird nach­denk­lich. Zu­mal dann auch das Ge­rücht die Run­de mach­te, dass ei­ne Bom­be in ei­nem Ret­tungs­wa­gen sei. Das war wie­der wie in Pa­ris, weil ich nicht wuss­te: Was pas­siert als nächs­tes, wie geht’s wei­ter. Des­halb hät­te ich das Spiel in Han­no­ver schon ger­ne ge­habt, auch als Rück­kehr zur „Nor­ma­li­tät“. Dann ist es ge­nau ins Ge­gen­teil um­ge­schla­gen.

Ge­dan­ken macht man sich oft, mitt­ler­wei­le im­mer. Aber ich bin da­mit ja nicht al­lei­ne. Um solch ei­ne Ver­an­stal­tung zu or­ga­ni­sie­ren, sind ja in­zwi­schen tau­sen­de Men­schen not­wen­dig.

Ich per­sön­lich glau­be schon. Die Hemm­schwel­le der At­ten­tä­ter sinkt und die Bru­ta­li­tät steigt. Es hängt aber auch da­von ab, wo Ver­an­stal­tun­gen statt­fin­den. Die Ge­fahr ei­nes An­schlags bei der Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft in Ka­tar ist mei­nes Erach­tens ge­rin­ger, als bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Frank­reich.

Wenn ich nicht kon­trol­liert wer­de, ha­be ich im Sta­di­on mitt­ler­wei­le ein schlech­tes Ge­fühl. Ich war nach Pa­ris bei Bun­des­li­gaBe­geg­nun­gen, da gab es für Me­di­en­ver­tre­ter kei­ner­lei Kon­trol­len. Da konn­te man mit den gro­ßen Aus­rüs­tungs­kof­fern vom Au­to bis zum Sta­di­on-In­nen­raum oh­ne ei­nen ein­zi­gen Check durch­kom­men! Nicht aus­zu­den­ken, was in den Kof­fern al­les drin sein könn­te. Das sorgt schon für Un­wohl­sein. Na­tür­lich gibt es kei­ne hun­dert­pro­zen­ti­ge Si­cher­heit. Aber ge­wis­se Grund­kon­trol­len soll­ten da­zu ge­hö­ren. In Sta­di­en, in Hal­len, bei al­len gro­ßen Sportveranstaltungen.

….nein, sie muss 2016 jetzt erst recht in Frank­reich statt­fin­den.

Ich ha­be ei­gent­lich nie ernst­haft dar­an ge­dacht, die­ses Ri­si­ko zu mei­den. Ei­ne Ver­mei­dung kä­me ja ei­ner Be­rufs­auf­ga­be gleich. Ich ha­be viel­mehr auch das Ver­trau­en in die Po­li­tik, dass die höchst­mög­li­che Si­cher­heit ge­währ­leis­tet wird.

Ich bin die Hälf­te des Jah­res für mei­nen Job un­ter­wegs und in den ver­gan­ge­nen Jah­ren war ich auch re­gel­mä­ßig in der Ad­vents­zeit weg. Des­halb ha­be ich ent­schie­den, ein ru­hi­ges Ad­vent­wo­chen­en­de Zu­hau­se mit mei­ner Fa­mi­lie zu ver­brin­gen. Dar­auf ha­be ich mich rich­tig ge­freut! Der TGV nach Pa­ris war zwar schon ge­bucht, die Er­eig­nis­se von Pa­ris wa­ren dann letzt­lich aber das Züng­lein an der Waa­ge, nicht zu fah­ren.

Mit­ein­an­der re­den ist im­mer wich­tig, ge­ra­de mit den Kol­le­gen, die vor Ort wa­ren. Das hilft auch bei der Ver­ar­bei­tung. Ich muss aber sa­gen: Schon in Pa­ris ha­ben die Kol­le­gen su­per re­agiert. Sie ha­ben sich aus­ge­tauscht und ge­gen­sei­tig ge­hol­fen, zum Bei­spiel Fahr­ge­mein­schaf­ten zu­rück nach Deutsch­land or­ga­ni­siert. Auch da­nach hat man sich ge­trof­fen und dar­über ge­spro­chen. Man hat ge­merkt, dass das je­dem wich­tig war.

Zu­nächst muss ich für die Fi­fa ei­ne Lan­ze bre­chen. Die steht ja zur­zeit ge­ne­rell un­ter Be­schuss, aber nicht al­les ist schlecht und die Fi­fa ist nicht nur Kor­rup­ti­on. Die Kor­rup­ti­on muss na­tür­lich ge­stoppt wer­den und die Fi­fa muss sich er­neu­ern, gar kei­ne Fra­ge. Aber: Es gibt vie­le hun­dert An­ge­stell­te und Kom­mis­si­ons­mit­glie­der, die seit Jahr­zehn­ten gu­te Ar­beit leis­ten. Auch in mei­nem Be­reich ha­be ich wirk­lich her­vor­ra­gen­de und loya­le Leu­te ken­nen­ge­lernt. Jetzt kon­kret zur Fra­ge: Weil wir an der Schnitt­stel­le von Fans und Spie­lern im hoch­sen­si­blen Sta­di­on-In­nen­raum sit­zen, wird die Si­cher­heit zu­künf­tig ne­ben Ak­kre­di­tie­run­gen und Ar­beits­be­din­gun­gen zum Top-The­ma für die Me­di­en­kom­mis­si­on avan­cie­ren. Was mir aber noch wich­ti­ger ist: Als Fo­to­gra­fen-Spre­cher des Ver­ban­des Deut­scher Sport­jour­na­lis­ten VDS wer­de ich in Zu­kunft auf Si­cher­heits­as­pek­te bei Län­der­spie­len, Bun­des­li­ga-Be­geg­nun­gen, aber auch bei al­len an­de­ren Groß­sport­ver­an­stal­tun­gen, noch grö­ße­ren Wert le­gen und bei Miss­stän­den be­ra­tend auf Ver­ei­ne so­wie Ver­bän­de zu­ge­hen. Wir müs­sen den Si­cher­heits­as­pekt noch in­ten­si­ver in den Fo­kus rü­cken. Da gibt es bei dem ei­nen oder an­de­ren Ver­ein be­zie­hungs­wei­se Ver­an­stal­ter noch Hand­lungs­be­darf.

Ein ris­kan­ter Job? Vor dem Sta­di­on in Han­no­ver be­ar­bei­tet Mar­kus Gil­li­ar die ers­ten Fotos, nach­dem das Län­der­spiel Deutsch­land – Nie­der­lan­de we­gen An­schlags­ge­fahr ab­ge­sagt und die Are­na von Ein­satz­kräf­ten ge­räumt wur­de. Das Ri­si­ko für Sport­fo­to­gra­fen und -jour­na­lis­ten wer­de stei­gen, ver­mu­tet er. Foto: GES/Mar­vin Gün­gör

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