Über Weih­nach­ten wird ge­chillt

Aber dann geht’s für Sport­gym­nas­tin Ja­na Be­rez­ko-Marg­grander um das Olympia-Ti­cket

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SPORT -

Ja­na Be­rez­ko-Marg­grander rührt nach­denk­lich mit ei­nem Stäb­chen in ih­rer weih­nacht­lich ver­zier­ten Lat­te mac­chia­to. „Ja, ich den­ke 2015 war ein gu­tes Jahr“, sagt Deutsch­lands bes­te rhyth­mi­sche Sport­gym­nas­tin aus Lin­ken­heim-Hoch­stet­ten nach kur­zem Zö­gern. Zwar konn­te sie sich als 19. bei den Welt­meis­ter­schaf­ten in Stuttgart nicht di­rekt für ih­re zwei­ten Olym­pi­schen Spie­le qua­li­fi­zie­ren. Zieht man aber ih­re dor­ti­gen WM-Leis­tun­gen als Maß­stab her­an, hat die 20-Jäh­ri­ge Mit­te April beim so­ge­nann­ten Test-Event in der Olym­pia­stadt Rio de Janei­ro ei­ne her­vor­ra­gen­de Chan­ce, end­gül­tig den Sprung an die Co­paca­ba­na zu schaf­fen. „Aber ich weiß auch, die Kon­kur­renz schläft nicht. Je­der be­rei­tet sich na­tür­lich im Mo­ment akri­bisch vor, weil je­der ger­ne zu Olympia möch­te. Des­we­gen bin ich trotz al­lem ein biss­chen auf­ge­regt“, ver­rät sie. Der Test-Event sei für sie per­sön­lich da­her fast wich­ti­ger als die Olym­pi­schen Spie­le selbst: „Denn dort wer­de ich mich be­wei­sen müs­sen. Dort wer­den vie­le sein, die mit mir um die letz­te Chan­ce kämp­fen, noch ei­nes der letz­ten Olym­pia­ti­ckets zu er­gat­tern.“Viel Raum für an­de­re Ak­ti­vi­tä­ten bleibt da bei 40 St­un­den Trai­ning pro Wo­che, an­schlie­ßen­der Phy­sio­the­ra­pie und et­li­chen Wett­kampf­rei­sen nicht mehr. Des­we­gen will die Sport­gym­nas­tin mit den rus­si­schen Wur­zeln we­nigs­tens die Weih­nachts­fei­er­ta­ge noch ein­mal im Fa­mi­li­en­kreis ver­brin­gen. „Es wird auf dem So­fa ge­chillt. Ich es­se Plätz­chen, wenn es wel­che gibt. Wenn nicht, dann rus­si­sche Spe­zia­li­tä­ten“, sagt sie. Ei­gent­lich sei rus­si­sche Weih­nach­ten ja erst am 6./7. Ja­nu­ar. „Aber Zu­hau­se in Lin­ken­heim fei­ern wir am 24. De­zem­ber im Wech­sel ein Jahr bei mei­nem On­kel, der auf der Nach­bar­schaft wohnt, und ein Jahr bei uns“, er­zählt Ja­na Be­rez­ko-Marg­grander. Und so gibt es auch kei­ne gro­ßen Un­ter­schie­de zu den alt­her­ge­brach­ten Weih­nachts­tra­di­tio­nen. „Um 18 oder 19 Uhr es­sen wir, da­nach gibt’s Ge­schen­ke und dann re­den wir oder schau­en ge­mein­sam ei­nen Film. Ge­kocht ha­ben wir ei­gent­lich im­mer Deutsch. Gans mit Knö­del oder ge­füll­tes Hähn­chen“, er­in­nert sie sich. In die­sem Jahr wer­de es aber wohl ein „Cross-Over“-Weih­nachts­me­nü ge­ben. „Denn mei­ne Tan­te ist da und die wird mit mei­ner Mut­ter zu­sam­men rus­sisch ko­chen“, freut sie sich. Doch schon am 27. De­zem­ber ist wie­der Trai­ning an­ge­sagt; be­vor es am 4. Ja­nu­ar so rich­tig los geht. Mit zwölf Jah­ren kam Ja­na Be­rez­ko-Marg­grander 2007 oh­ne Sprach­kennt­nis­se nach Deutsch­land. Ihr au­ßer­ge­wöhn­li­ches sport­li­ches Ta­lent wur­de sehr schnell be­merkt. Die Ent­schei­dung, al­lei­ne ins In­ter­nat des Olym­pia­stütz­punkts nach Fell­bach-Schmi­den bei Stuttgart zu ge­hen, sieht sie heu­te po­si­tiv. „Mitt­ler­wei­le macht es mich stolz, dass ich die gan­ze Sa­che so über­wun­den ha­be. Und das in so ei­nem jun­gen Al­ter“, glaubt sie. Das al­les ha­be ihr Selbst­be­wusst­sein wach­sen las­sen. Vor al­lem in der Zeit nach den Olym­pi­schen Spie­len. Die meis­ter­te sie 2012 – als jüngs­te Gym­nas­tin im Star­ter­feld. „Am An­fang dach­te ich mir im­mer, das ist jetzt so Ja­na. Da musst du durch. Ok, du sprichst kein Wort Deutsch und bist oh­ne Mut­ter da. Aber das ist ja nichts Schlim­mes. Du musst nur zur Schu­le ge­hen. Und ne­ben­bei kannst Du noch das ma­chen, was Du am meis­ten liebst“, er­in­nert sie sich. Ne­ben ih­rer kör­per­li­chen und geis­ti­gen Fle­xi­bi­li­tät ist die Hart­nä­ckig­keit, mit der sie ih­re Zie­le ver­folgt, das größ­te Pfund im Kampf um die Olym­pia­teil­nah­me. Schon im Kin­der­gar­ten im rus­si­schen Toljat­ti war sie auf­ge­fal­len, weil sie ih­ren Spiel­ka­me­ra­din­nen in Sa­chen Dis­zi­plin und Auf­fas­sungs­ga­be um Län­gen vor­aus war. Vie­les da­von hat sie bis heu­te be­wahrt. „Ich bin im­mer pünkt­lich und ich ver­ges­se nie et­was“, sagt Ja­na Be­rez­ko-Marg­grander über sich selbst. Und al­le, die sie ein biss­chen nä­her ken­nen, be­stä­ti­gen das. In der Öf­fent­lich­keit möch­te sie vor al­lem als Hoch­leis­tungs­sport­le­rin wahr­ge­nom­men wer­den: „Vie­le den­ken, wir hüp­fen da ein biss­chen her­um und wer­fen mit dem Ball. Das ist aber ge­ra­de nicht so, das ist ein knall­har­ter Sport“, be­tont sie.

Haupt­ge­frei­te bei der Bun­des­wehr in Todt­nau

Der Wech­sel zur Sport­för­der­grup­pe der Bun­des­wehr in Todt­nau im Schwarz­wald fiel ihr nach dem Schul­ab­schluss da­her auch nicht son­der­lich schwer. „Ich ha­be es noch kei­nen Mo­ment be­reut, die­se Ent­schei­dung ge­trof­fen zu ha­ben“, sagt sie, ob­wohl ihr Ent­schluss an­fangs meist be­lä­chelt wur­de. Ei­ne Gym­nas­tin bei der Bun­des­wehr? „Zu­erst ha­ben mich fast al­le aus­ge­lacht“, er­in­nert sie sich. Die Gr­und­aus­bil­dung ha­be sie aber in vol­lem Um­fang mit­ge­macht. „Kein Aus­bil­der nimmt da Rück­sicht, nur weil du Sport­ler bist und Ju­do oder Gym­nas­tik machst“, sagt die 20-Jäh­ri­ge. Mitt­ler­wei­le hat sich auch ihr Um­feld lang­sam an das Bild der Gym­nas­tin im Kampf­an­zug ge­wöhnt. Am 1. De­zem­ber wur­de sie zur Haupt­ge­frei­ten be­för­dert. „Und nächs­tes Jahr im Herbst ma­che ich noch den Feld­we­bel-An­wär­ter-Lehr­gang. Das wird be­stimmt span­nend“, glaubt Ja­na Be­rez­koMarg­grander. Dann beugt sie sich über das mitt­ler­wei­le lee­re Lat­te-Mac­chia­to-Glas und senkt ver­schwö­re­risch die Stim­me: „Ehr­lich ge­sagt bin ich ja nicht im­mer so. Ok, meis­tens viel­leicht nicht. Aber wenn es jetzt auf die Fei­er­ta­ge zu­geht und ich nichts Wich­ti­ges mehr vor mir ha­be, dann ma­che ich wie die meis­ten an­de­ren Men­schen ein biss­chen we­ni­ger. Dann wer­de ich faul, lie­ge manch­mal ein­fach nur so auf der Couch her­um und ge­nie­ße die schö­ne Weih­nachts­zeit.“

Kör­per­li­che Fle­xi­bi­li­tät: Das au­ßer­ge­wöhn­li­che sport­li­che Ta­lent von Ja­na Be­rez­ko-Marg­grander und die Hart­nä­ckig­keit, mit der sie ih­re Zie­le ver­folgt, sind das größ­te Pfund im Kampf um das Olym­pia­ti­cket. Foto: GES

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