Die neue Welt der al­ten Klei­der

Vin­ta­ge im Trend: Auch be­stimm­te Pro­duk­ti­ons­for­men er­le­ben ei­ne eher ex­klu­si­ve Wie­der­ge­burt

Der Sonntag (Mittelbaden) - - MODE & STIL - Su­san­ne Forst mag

Al­lein der Na­me adelt: Vin­ta­ge. Der Markt flo­riert, ob mit Ac­ces­soires oder Klei­dung. Aber was ist das, Vin­ta­ge? Schlicht Se­cond-Hand, ge­brauch­te oder viel­leicht gar nicht ge­tra­ge­ne „al­te“Klei­dung? Oder ein State­ment mit Klas­si­kern der Mo­de­ge­schich­te, gern neu auf­ge­legt, wie Dia­ne von Furs­ten­bergs Mar­ken­zei­chen aus den 1970er-Jah­ren, das Wi­ckel­kleid? Spä­tes­tens seit Ka­te Moss mit „Pi­ra­ten­stie­feln“, die ei­nes Cap­tain Jack Spar­row im Film „Pi­ra­tes of the Ca­rib­be­an“wür­dig sind, zu se­hen war, ist klar: Mit Vin­ta­ge lässt sich Geld ver­die­nen. Nach Moss’ Auf­tritt er­leb­te der Stie­fel von Vi­vi­en­ne West­wood aus dem Jahr 1981 ei­ne Neu­auf­la­ge: mar­kan­te Schnal­len, be­weg­li­cher Schaft. Vin­ta­ge als Sam­mel­ob­jekt und Ver­kaufs­stra­te­gie. We­ni­ger auf pro­mi­nen­te Mo­del­le der Hau­te Cou­ture, die oh­ne­hin ei­nen ho­hen Samm­ler­und Markt­wert ha­ben, als auf ty­pi­sche, für den Zeit­geist, den Schnitt, Ma­te­ria­li­en oder Mus­ter re­le­van­te Mo­del­le greift Ni­cky Al­brecht­sen zu­rück. Sie ver­spricht nichts Ge­rin­ge­res als „Al­les über Vin­ta­ge Mo­de.“In der Tat lie­fert ihr 432 Sei­ten star­kes Buch ei­ne Fül­le von Fotos, Zeich­nun­gen und In­for­ma­tio­nen rund um Mo­de seit den 1920er und bis in die 1980er-Jah­re – und dar­über hin­aus. Die ak­tu­el­len Be­zü­ge sprin­gen ins Au­ge. Die ewi­ge Wie­der­kehr der Tup­fen, die un­ver­wüst­li­chen Ma­tro­sen­strei­fen und der ver­bal ge­adel­te „ma­ri­ti­me“Look, der weit ge­dehnt, auch als Crui­se-Collection Kund­schaft lockt. Der Teu­fel steckt im De­tail. Al­brecht­sen zeich­net die gro­ßen Li­ni­en. Aber, und das ist ih­re Spe­zia­li­tät, sie lenkt den Blick auch aufs De­tail, das mit­un­ter den Un­ter­schied macht: ei­ne Be­son­der­heit des Schnitts, ei­ne Raf­fung, die Vor­lie­be für ei­nen Stoff, für Jer­sey, Ny­lon oder Sei­de. Sie hin­ter­fragt, ob die Ver­wer­tung ei­nes al­ten Stoffs in ei­nem „neu­en“Kleid aus der Not ge­bo­ren ist oder rei­ner Krea­ti­vi­tät ent­springt. Die Au­to­rin, die selbst ei­ne gro­ße Vin­ta­ge-Mo­de­samm­lung (oder soll­te man Alt­klei­der­samm­lung sa­gen?) be­sitzt, zitiert ei­ne Fül­le von De­si­gnern, oft aus dem an­glo­pho­nen Raum und er­wei­tert so den oft auf Eu­ro­pa und fran­zö­si­schen „Chic“be­schränk­ten Blick auf Mo­de. Ni­cky Al­brecht­sens Buch il­lus­triert auch, wie selbst­ver­ständ­lich noch vor we­ni­gen Jahr­zehn­ten be­stimm­te Pro­duk­ti­ons­for­men, die heu­te ein eher ex­klu­si­ves Re­vi­val er­le­ben, wa­ren: Die Ate­lie­ro­der Ma­nu­fak­tur­qua­li­tät, das Hand­ge­näh­te und das „Kunst­hand­werk“. Nicht nur beim (Haus-)Schnei­der oder der (Haus-)Schnei­de­rin ließ die Da­me ih­re Gar­de­ro­be fer­ti­gen. Bis in die 1960er/ 70er-Jah­re näh­ten Frau­en durch­aus noch selbst, oh­ne dass dem so ge­schaf­fe­nen Out­fit der Ruch des Gef­ri­ckel­ten oder Zu­sam­men­ge­stop­pel­ten an­haf­te­te. Im Ge­gen­teil, Rock, Kleid oder Ho­se wa­ren Maß­ar­beit, gut ge­ar­bei­tet – Lu­xus, ver­gli­chen mit man­cher Kon­fek­ti­ons­wa­re und dem heu­ti­gen Mas­sen­markt. Im Ide­al­fall war das selbst ge­schnei­der­te Mo­dell hoch in­di­vi­dua­li­siert und tat­säch­lich Aus­druck der Per­sön­lich­keit. Ne­ben den Ex­kur­sen in die Welt der Hü­te und Ta­schen, der Ba­de­mo­de und der Schu­he, er­weist sich Al­brecht­sens Vin­ta­ge-Schau

Vom Lu­xus des Selbst­ge­näh­ten

als Buch der Klei­der, Ko­s­tü­me und Rö­cke: Sie schwin­gen, zei­gen viel Far­be und Mut zum Mus­ter. Un­ver­wüst­lich und im 21. Jahr­hun­dert nach wie vor ak­tu­ell ist der Blei­stift­rock. „Wenn dann aber rich­tig“, kom­men­tiert die viel­fach aus­ge­zeich­ne­te Maß­schnei­de­rin Ali Thomp­son. „Der Rock muss sich nach un­ten ver­jün­gen und wirk­lich eng wer­den – und der Po mo­del­liert sein.“Sex-Ap­peal ver­leiht nicht nur der Blei­stift­rock. Tail­le, De­kol­le­tés, Raf­fun­gen, ein Schlitz an der rich­ti­gen Stel­le zeich­nen vie­le der ge­zeig­ten Mo­del­le aus. Auch die durch­schei­nen­de Spit­ze ver­fehl­te und ver­fehlt ih­re Wir­kung nicht. Als Vin­ta­ge-Mo­de ist sie, nach­dem sie in den 1980er-Jah­ren nur noch we­ni­ge Lieb­ha­ber fand, höchst be­gehrt. Ver­schwun­den war sie nie. Sie erlebt ei­nen Auf­schwung, güns­tig oder ex­klu­siv, mit ei­nem wei­te­ren Stoff der Träu­me, der Sei­de, die von Kunst­stof­fen ver­drängt wor­den war. Jen­seits von Street­we­ar aus Baum­wol­le und der in­zwi­schen als all­tags­taug­lich de­kla­rier­ten Jog­ging­ho­se hat sie heu­te wie­der ih­ren Platz. Vin­ta­ge, das kann ge­schmack­vol­les Ge­tra­ge­nes mit Samm­ler­wert, neu Auf­ge­leg­tes, ei­nen Re­tro-Look oder raf­fi­niert aus Al­tem und Neu­em-Kom­bi­nier­tes be­zeich­nen. Ni­cky Al­brecht­sen führt in die Welt der „al­ten“Klei­der, ih­re Be­wer­tung und die da­mit ver­knüpf­te Ge­schich­te der Mo­de. Oft nicht mit den spek­ta­ku­lä­ren Bil­dern be­kann­ter Fo­to­gra­fen oder Mo­dels, aber mit spre­chen­den Fo­to­bei­spie­len. Die Au­to­rin lässt wech­seln­de Frau­en­bil­der vor­bei­zie­hen, er­zählt Ma­te­ri­alund Mus­ter­ge­schich­ten und lässt, mit mehr oder we­ni­ger Samm­ler­wert, abs­trak­te und schöns­te Blu­men­bil­der spre­chen. Wie duf­tet der Win­ter? 2015/16 nach Scho­ko­la­de, Va­nil­le, Ka­ra­mell und Pra­li­né. Geht es um Par­füms, spricht der Ex­per­te von Gour­man­do­der auch Gour­met-No­ten. Und die­se sind der­zeit groß an­ge­sagt, er­läu­tert El­mar Keldenich, Ge­schäfts­füh­rer des Bun­des­ver­bands der Par­fü­me­ri­en. „Gour­mand-Düf­te ver­strö­men gleich­zei­tig Behaglichkeit und Sinn­lich­keit und sind so­mit das olfak­to­ri­sche Pen­dant zu ei­nem ed­len Kasch­mir­schal.“In den kal­ten Mo­na­ten zieht man sich gern in die ge­müt­li­chen vier Wän­de zu­rück, ge­nießt die hei­me­li­ge At­mo­sphä­re. „Die­sem Wunsch nach dem so­ge­nann­ten Co­coo­n­ing tra­gen Gour­mand-Düf­te na­tür­lich im ho­hen Ma­ße Rech­nung“, er­klärt Mar­tin Rupp­mann, Ge­schäfts­füh­rer der Fra­gran­ce Foun­da­ti­on Deutsch­land. Da­zu muss man auch wis­sen: Düf­te sind mit un­se­ren Er­in­ne­run­gen ver­bun­den, sie wer­den von Kind­heit an in un­se­ren Ge­hir­nen ge­spei­chert. So kann ein be­stimm­ter Duft eben auch be­stimm­te Emo­tio­nen aus­lö­sen. Und Va­nil­le ge­hört wohl für je­den zu den schöns­ten Er­in­ne­run­gen – sei es, dass man das Aro­ma von den Plätz­chen kennt, sei es, dass man an Omas Va­nille­pud­ding denkt. Ge­nau­so ver­hält es sich mit Scho­ko­la­de. Nimmt der Mensch in sei­nem Un­ter­be­wusst­sein die­se Aro­men wahr, re­agiert er dar­auf meist mit Wohl­be­fin­den. Da­ne­ben sind Bee­ren-Nuan­cen bei den Duft­krea­teu­ren be­liebt. Das ist auf den ers­ten Blick über­ra­schend, nor­ma­ler­wei­se sind Him­bee­re und Co eher in Som­mer-Krea­tio­nen zu fin­den. „Tat­säch­lich aber wir­ken sie durch die Kom­bi­na­ti­on mit Aro­men wie Ca­fé oder Scho­ko­la­de ganz an­ders. Eben­falls sinn­lich, aber mit ei­nem fri­schen Touch“, sagt Keldenich.

Mo­del aus Me­tall­fa­sern im De­sign der 1920er Jah­re vom be­rühm­ten Hut­ma­cher Mr. John, der auch Gre­ta Gar­bo „be­hü­te­te“. Foto: © aus Daph­ne Cor­bins pri­va­ter Samm­lung fo­to­gra­fiert v. Dr­ew Gard­ner

Die frü­hen 1950er-Jah­re moch­ten bild­haf­te Mo­ti­ve – das bri­ti­sche La­bel Hor­rock­ses war be­kannt für sei­ne Baum­woll­dru­cke. Foto: © aus Liz Tre­gen­z­as pri­va­ter Samm­lung, fo­to­gra­fiert v. Dr­ew Gard­ner

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