In­stru­ment für Fest­li­ches

Or­geln sind Orches­ter in Kir­chen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - Foto: © hubb67 – Fo­to­lia.com/Montage: SO

Um mäch­ti­ge und me­di­ta­ti­ve Klän­ge so­wie um Or­ga­nis­ten geht es auf Sei­te 3.

Der SONN­TAG wünscht al­len Le­sern und An­zei­gen­kun­den fro­he Weih­nach­ten.

Wil­helm Frie­de­mann Bach soll in Hal­le an ei­nem ho­hen kirch­li­chen Fei­er­tag schon früh mor­gens in der Kir­che ge­ses­sen sein. Da­bei war der äl­tes­te Sohn von Jo­hann Se­bas­ti­an Bach in Ge­dan­ken so mit dem Kom­po­nie­ren be­schäf­tigt, dass er sei­nen Di­enst ver­gaß. Als die Glo­cken läu­te­ten, blieb die Or­gel stumm. Bach schüt­tel­te den Kopf über die Pflicht­ver­ges­sen­heit des Or­ga­nis­ten – da­bei soll­te er selbst am In­stru­ment sit­zen. Als chao­ti­sches Ge­nie wird der über­ra­gen­de In­stru­men­ta­list Frie­de­mann Bach (1710–1784) in die­ser An­ek­do­te vor­ge­stellt, als ein Mu­si­ker, der mit der Fül­le der Auf­ga­ben ei­nes haupt­amt­li­chen Kir­chen­mu­si­kers über­for­dert ge­we­sen sei. In der Ad­vents- und Weih­nachts­zeit sind die heu­ti­gen Or­ga­nis­ten be­son­ders be­an­sprucht. In fest­li­chen Got­tes­dienst­be­glei­tun­gen und zu­sätz­li­chen Kon­zer­ten wird die re­li­giö­se Be­deu­tung die­ser Wo­chen aus­ge­drückt und die Ver­kün­di­gung un­ter­stützt. Do­ro­thea Leh­mann-Horsch lei­te­te ver­gan­ge­nen Sonn­tag an der Karls­ru­her Lu­ther­kir­che die Kan­ta­ten zur „Ro­man­ti­schen Weih­nacht“, heu­te um 17 Uhr steht sie vor ih­ren ju­gend­li­chen Sän­gern und dem Po­sau­nen­chor. An Hei­lig­abend um 16 und 18 Uhr di­ri­giert sie Chö­re und Orches­ter und wech­selt zwi­schen­durch zu ih­rer Or­gel in der evan­ge­li­schen Kir­che der Ost­stadt. In dem Ju­gend­stil­bau ist das In­stru­ment un­ge­wöhn­li­cher­wei­se hin­ter Al­tar und Kan­zel plat­ziert, aber die Or­ga­nis­tin sieht man trotz­dem nicht – und sie hat kei­nen di­rek­ten Blick in die Kir­che. „Mit ei­ner Ka­me­ra ver­fol­ge ich das Ge­sche­hen“, er­zählt die ein­zi­ge weib­li­che Kir­chen­mu­sik­di­rek­to­rin Karls­ru­hes. Sie schätzt die tie­fen und war­men Re­gis­ter der 2001 grund­le­gend er­neu­er­ten Mön­ch­or­gel – und ganz be­son­ders gern lässt sie das „al­te und zeit­lo­se“Lied „Toch­ter Zi­on“durch das Got­tes­haus von 1907 schal­len. Die ers­te Or­gel dar­in stamm­te von der Fir­ma Voit aus Dur­lach. Dort, wo heu­te Aus­stel­lun­gen, Ka­ba­rett und (Som­mer-)Thea­ter Raum fin­den, in der Dur­la­cher Or­gel­fa­brik, wur­den bis 1932 die auf­wen­di­gen In­stru­men­te ge­baut. Sie wa­ren in ganz Süd­west­deutsch­land so­wie bis Prag und Budapest ver­brei­tet. Ei­ne er­hal­te­ne VoitOr­gel steht in St. Cy­ria­kus von Bu­lach und stammt von 1906. Die Or­gel mit mäch­ti­gen Tö­nen oder an­ge­neh­mem Säu­seln gilt als Kö­ni­gin der In­stru­men­te. Und wie je­de mensch­li­che Kö­ni­gin hat sie ih­ren sehr ei­ge­nen Cha­rak­ter. Wo die Tö­ne mit Luft durch Hun­der­te oder Tau­sen­de von Me­tall- und Holz­pfei­fen er­zeugt wer­den, da stellt sich nir­gends ein iden­ti­scher Klang ein. Die Or­ga­nis­ten er­zeu­gen die ver­schie- Klang­far­ben, wenn sie „die Re­gis­ter zie­hen“, al­so die Pfei­fen­rei­hen ei­ner Bau­art ein­set­zen. Was in­zwi­schen durch Knopf­druck pas­siert. In der evan­ge­li­schen Stadt­kir­che Karls­ru­he aber zieht Chris­ti­an-Mar­kus Rai­ser noch gern Re­gis­ter. Die Re­my-Mah­ler-Or­gel macht’s mög­lich. Seit zehn Jah­ren steht das herr­li­che klei­ne In­stru­ment wie ei­ne Skulp­tur im Kir­chen­schiff. Kürz­lich be­wun­der­te Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert die „Prin­zes­sin“in der Stadt­kir­che am Markt­platz. Am Haupt­ar­beits­platz oben auf der Em­po­re ste­hen Rai­ser bei der St­ein­mey­er-Or­gel 73 Re­gis­ter und vier Ma­nua­le, al­so Tas­ten­rei­hen, zur Ver­fü­gung. „Wenn an Hei­lig­abend oder am Fei­er­tag dann bei­de Or­geln zu­sam­men er­klin­gen, dann ist das ein­fach im­mer er­he­bend, da zit­tern die Wän­de“, schwärmt der Kir­chen­mu­sik­di­rek­tor. Na­tür­lich macht nicht nur Laut­stär­ke die Qua­li­tät von Kir­chen­mu­sik aus. Ge­ra­de in Karls­ru­he hat sie ein Ni­veau er­reicht, das vom zahl­rei­dens­ten chen Pu­bli­kum dank­bar an­ge­nom­men wird. Da­zu trägt auch Kir­chen­mu­sik­di­rek­tor Cars­ten Wie­busch an der evan­ge­li­schen Chris­tus­kir­che am Mühl­bur­ger Tor bei. De­ren Klais-Or­gel mit 86 Re­gis­tern und 6 000 Pfei­fen er­klingt seit 2010 und war das größ­te Or­gel­bau­pro­jekt der Lan­des­kir­che seit 100 Jah­ren. Wenn die Kan­to­ren an ih­rem „Or­gel-Orches­ter“üben, dann sind die Got­tes­häu­ser nicht im­mer ge­heizt. Zwar wird es ei­nem vom Or­gel­schla­gen durch­aus warm, aber bei zehn oder we­ni­ger Grad brin­gen doch man­che Mu­si­ker ei­nen Heiz­strah­ler mit. Wich­tig für Or­ga­nis­ten, ob­wohl man sie oft gar nicht sieht, ist auch die rich­ti­ge Be­klei­dung – für die Fü­ße. „Es gibt Or­gel­schu­he, so ei­ne Art Tanz­schu­he, leicht und schmal mit gu­tem Ab­satz“, ver­rät Do­mi­nik Axt­mann. Denn die Mu­si­k­er­fü­ße ma­chen Mu­sik. Sie glei­ten über die Pe­da­le und sol­len stand­haft sein, aber nicht hän­gen blei­ben. Der Kan­tor ist an drei ka­tho­li­schen Pfar­rei­en Karls­ru­hes tä­tig. Er schätzt am Pen­deln zwi­schen Kir­chen wie St. Bo­ni­fa­ti­us in der West­stadt und St. Pe­ter und Paul in Mühl­burg, dass er an un­ter­schied­li­chen Or­geln nicht in Rou­ti­ne er­starrt. Zu­dem ste­hen ihm für Kon­zer­te ver­schie­de­ne Kö­ni­gin­nen-In­stru­men­te zur Ver­fü­gung. Über­haupt blickt Axt­mann auf be­ein­dru­cken­de „Tour­nee-Sta­tio­nen“als Or­ga­nist zu­rück. Hun­der­te von Spiel­plät­zen hat er auf sei­ner Home­page auf­ge­lis­tet. Bis nach Ho­no­lu­lu war sei­ne Kunst ge­fragt. Aber wie schafft man es über­haupt, so weit zu kom­men und die­ses In­stru­ment zu be­herr­schen? Laut Jo­hann Se­bas­ti­an Bach steckt gar kein Ge­heim­nis hin­ter sei­nem als bril­lant ge­lob­ten Spiel: „Man muss nur zur rech­ten Zeit die rech­ten Tas­ten mit der rech­ten Stär­ke drü­cken, dann gibt die Or­gel ganz von selbst die al­ler­schöns­te Mu­sik“.

Mu­si­k­er­fü­ße ste­cken in Tanz­schu­hen

Foto: Ar­tis

Ei­ne be­son­ders gro­ße Or­gel steht in Karls­ru­hes Chris­tus­kir­che am Mühl­bur­ger Tor: Aus 6 000 Pfei­fen be­steht das neue­re In­stru­ment der Fir­ma Klais. Un­ter­schied­lich lan­ge Pfei­fen mit glei­cher Klang­far­be wer­den als Re­gis­ter be­zeich­net. Frü­her „zo­gen“die Or­ga­nis­ten das Re­gis­ter. Heu­te drü­cken sie meist Schal­ter.

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