Star-Di­ri­gent Ma­sur ist tot

Kurt Ma­sur leis­te­te Bei­trag zur fried­li­chen Re­vo­lu­ti­on

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - avs/SO

Der deut­sche Di­ri­gent Kurt Ma­sur ist tot. Er starb ges­tern im Al­ter von 88 Jah­ren. Ma­sur war ei­ner der größ­ten Orches­ter­chefs un­se­rer Zeit. 1970 bis 1996 war er Ge­wand­haus­Ka­pell­meis­ter in Leip­zig, 1991 bis 2002 Chef­di­ri­gent der New Yor­ker Phil­har­mo­ni­ker, zeit­wei­se auch Chef­di­ri­gent des Lon­don Phil­har­mo­nic Orches­tra und Mu­sik­di­rek­tor des Orches­t­re Na­tio­nal de Fran­ce. In der Aus­ein­an­der­set­zung um die Leip­zi­ger Mon­tags­de­mons­tra­ti­on vom 9. Ok­to­ber 1989 zähl­te Ma­sur zu den Mit­un­ter­zeich­nern des Auf­rufs „Kei­ne Ge­walt!“Mit „tie­fer Trau­er“ge­be er im Na­men der Fa­mi­lie Ma­sur und der New Yor­ker Phil­har­mo­ni­ker den Tod des Star­di­ri­gen­ten be­kannt, schrieb ges­tern der Lei­ter des be­rühm­ten Orches­ters, Mat­t­hew VanBe­si­en. Ma­sur hat­te im Herbst 2012 mit­ge­teilt, dass er an Par­kin­son litt.

Die Mu­sik war für Kurt Ma­sur mehr als ein Be­ruf. „Wenn man al­le Men­schen der Welt in ei­nen Kon­zert­saal set­zen könn­te, wür­den sie zu­min­dest für zwei St­un­den fried­voll sein“, sag­te er ein­mal. Ma­sur lieb­te die Mu­sik, er nann­te sie „mein Mo­tor“. Die­ser Mo­tor trieb den ehe­ma­li­gen Leip­zi­ger Ge­wand­haus­ka­pell­meis­ter auch im ho­hen Al­ter auf die Kon­zert-Büh­nen die­ser Welt, selbst als die Par­kin­son-Krank­heit ihm das Um­blät­tern der No­ten schwe­rer mach­te. Ges­tern ist Leip­zigs Eh­ren­bür­ger Kurt Ma­sur im Al­ter von 88 Jah­ren ge­stor­ben. Der in Schle­si­en ge­bo­re­ne Ma­sur be­gann als fünf­jäh­ri­ger Jun­ge, sich selbst das Kla­vier­spiel bei­zu­brin­gen. Ei­gent­lich woll­te er Or­ga­nist wer­den. Doch als 16-Jäh­ri­ger er­fuhr er von ei­nem Arzt, dass sei­ne Fin­ger we­gen ei­ner ge­ne­ti­schen Seh­nen­ver­kür­zung im Lau­fe der Zeit ver­krüp­peln wür­den. Er sat­tel­te aufs Di­ri­gie­ren um. 1970 trat er in die Fuß­stap­fen von Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy – als Ka­pell­meis­ter des Leip­zi­ger Ge­wand­hau­ses. Ma­sur präg­te den Klang des Ge­wand­haus­or­ches­ters, ab­sol­vier­te mit dem En­sem­ble 900 Tour­nee­kon­zer­te; zu DDR-Zei­ten auch im „ka­pi­ta­lis­ti­schen Aus­land“. 1981 er­füll­ten ihm die DDR-Obe­ren so­gar den Traum ei­ner neu­en Spiel­stät­te. Mit dem En­de der DDR kam Kurt Ma­sur ei­ne be­deut­sa­me Rol­le zu: Er wur­de „Di­ri­gent der deut­schen Re­vo­lu­ti­on“. Als 63-Jäh­ri­ger tausch­te der mit dem Na­tio­nal­preis der DDR aus­ge­zeich­ne­te Mu­si­ker zeit­wei­se den Takt­stock ge­gen das Me­ga­fon ein. Im Herbst 1989 trug er mit ei­nem Ge­walt­ver­zichtsAp­pell zum un­blu­ti­gen En­de der DDR bei. „Es ist mehr nach­voll­zieh­bar für je­ne, die es nicht mit­er­lebt ha­ben, was da­mals ge­sche­hen ist. Man kann es nicht er­klä­ren, aber et­was ist ge­blie­ben: der Geist der Leip­zi­ger Er­neue­rung“, sag­te er in ei­nem Interview. Ob­wohl Ma­sur spä­ter auch als Chef­di­ri­gent des New York Phil­har­mo­nic Orches­tra (1991– 2002) vom ame­ri­ka­ni­schen Pu­bli­kum ver­Kon­zert ehrt wur­de und da­nach als Chef des Lon­don Phil­har­mo­nic Orches­tra und des Orches­t­re Na­tio­nal de Fran­ce hoch ge­schätzt, woll­te er nie als Star be­zeich­net wer­den. „Der Un­ter­schied zwi­schen ei­nem gro­ßen Mu­si­ker und ei­nem Star ist ekla­tant“, mein­te der Di­ri­gent, der über sich sag­te, er sei scheu und ge­hemmt – und der im­mer an sei­ner mu­si­ka­li­schen Voll­kom­men­heit zwei­fel­te. Noch als über 80-Jäh­ri­ger tour­te der in­ter­na­tio­nal ge­frag­te Di­ri­gent neun Mo­na­te im Jahr um die Welt. „Es hält mich fit, wenn ich weiß, mor­gens um 10 Uhr ist Pro­be. Soll ich auf­hö­ren und auf den Tod war­ten?“, sag­te der Ma­e­s­tro. Auch nach ei­nem Sturz bei ei­nem im Früh­jahr 2012 in Pa­ris, bei dem er sich das Schul­ter­blatt ge­bro­chen hat­te, kehr­te er an das Pult zu­rück. Er mach­te sei­ne Par­kin­son-Er­kran­kung öf­fent­lich. Als jun­ger Mensch sei er ein Idea­list ge­we­sen, er­zähl­te Ma­sur 2012 in Leip­zig. Und füg­te an: „Was ist ge­blie­ben von die­sem Ma­sur, der ein Träu­mer war? Gott sei Dank kein ein­ge­bil­de­ter Künst­ler, der meint, dass er bes­ser sei als an­de­re. Gott sei Dank ei­ner, der nichts an Glaub­wür­dig­keit ver­lo­ren hat, von dem, was er sag­te und sa­gen woll­te.“So wird Kurt Ma­sur den Freun­den der klas­si­schen Mu­sik, aber auch ge­schichts­be­wuss­ten Men­schen in Er­in­ne­rung blei­ben.

Foto: avs

Die Mu­sik-Welt trau­ert: Kurt Ma­sur war ei­ner der größ­ten Orches­ter­chefs un­se­rer Zeit.

Foto: avs

Er war ein Welt­star der klas­si­schen Mu­sik: Kurt Ma­sur. Das Foto zeigt den Künst­ler bei sei­ner Ver­ab­schie­dung als Ge­wand­haus-Ka­pell­meis­ter 1997 vor ei­nem Por­trait von Bern­hard Hei­sig.

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