Von der Poe­sie der Far­be

Blau für Ver­geis­ti­gung, Rot für die Ag­gres­si­on: Aus­stel­lung in der Staats­ga­le­rie Stuttgart

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Mt ww

Im De­zem­ber 1910 dis­ku­tier­ten die Maler­freun­de Au­gust Ma­cke und Franz Marc in ih­rem Brief­wech­sel über die äs­the­ti­sche Be­deu­tung der Pri­mär­far­ben. Au­gust Ma­cke stell­te da­bei ziem­lich knapp fest: „3 Far­ben Blau Gelb Rot. Par­al­le­ler­schei­nung. Trau­rig hei­ter bru­tal.“Auf die De­fi­ni­ti­on der drei Pri­mär­far­ben sei­nes Freun­des ant­wor­te­te Franz Marc noch im sel­ben Mo­nat: „Blau ist das männ­li­che Prin­zip, herb und geis­tig. Gelb das weib­li­che Prin­zip, sanft, hei­ter und sinn­lich. Rot die Ma­te­rie, bru­tal und schwer.“Die emo­tio­na­len Ka­te­go­ri­en „Me­lan­cho­lie – Hei­ter­keit – Bru­ta­li­tät“reg­ten die Staats­ga­le­rie Stuttgart an zu ei­ner Aus­stel­lung mit dem Ti­tel „Poe­sie der Far­be“. Rund 160 Zeich­nun­gen und Druck­gra­fi­ken so­wie 26 Ge­mäl­de der Klas­si­schen Mo­der­ne aus der stän­di­gen Samm­lung mit Wie­der- und Neu­ent­de­ckun­gen aus den De­pots des Hau­ses sind in der Schau zu se­hen. Die Künst­ler­ver­ei­ni­gun­gen, die sich zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts zu­sam­men­fan­den, stell­ten ne­ben der Sicht auf die Fi­gur und die Form auch die Far­be zur Dis­kus­si­on. So schuf die 1905 in Dresden ge­grün­de­te „Brü­cke“ex­pres­si­ve Far­bräu­sche in der Ma­le­rei wie in der Grafik. Die Künst­ler Ernst Lud­wig Kirch­ner, Fritz Bleyl, Erich He­ckel und Karl Schmidt-Rott­luff blie­ben je­doch bis zur Auf­lö­sung ih­rer Kunst- und Le­bens­ge­mein­schaft im Jahr 1913 der Fi­gür­lich­keit treu. In München wur­de mit der Re­dak­ti­on „Der Blaue Rei­ter“(1911), die ei­nen Al­ma­nach und zwei Aus­stel­lun­gen or­ga­ni­sier­te, die Far­be zum Pro­gramm er­klärt. Der weit­ge­hen­de Ver­zicht auf Ge­gen­ständ­lich­keit zu­guns­ten der Ei­gen­stän­dig­keit von Far­be, Form und Li­nie führte die Künst­ler Was­si­ly Kand­ins­ky, Franz Marc, Hein­rich Cam­pen­donk, Ro­bert De­lau­nay, Paul Klee, Al­f­red Ku­bin, Au­gust Ma­cke und Emil Nol­de zu­sam­men. Sie ver­tre­ten „Blau“als Prin­zip der Ver­geis­ti­gung und Abs­trak­ti­on. Ins­be­son­de­re Franz Marc und Was­si­ly Kand­ins­ky hiel­ten zu­dem an der spi­ri­tu­el­len Be­deu­tung der Far­be fest. Der Fran­zo­se Ro­bert De­lau­nay al­ler­dings wand­te sich ge­gen die­se mys­ti­sche Schwär­me­rei und fass­te die Far­be als das rei­ne Se­hen auf. Sei­ne poe­ti­sche Kraft der Far­be wur­de Vor­bild für den „Blau­en Rei­ter“wie auch sei­ne Stadt- und Eif­fel­turm­bil­der, wel­che dann wie­der die Groß­stadt­vi­sio­nen von Ge­or­ge Grosz be­ein­fluss­ten. Die Far­be „Rot“steht für Bru­ta­li­tät, Ag­gres­si­on und Krieg. Das un­be­greif­ba­re Ge­sche­hen ver­such­ten Künst­ler wie Max Beck­mann, Ot­to Dix, Ge­or­ge Grosz und Paul Klee – je­der auf sei­ne Wei­se – zu ver­ar­bei­ten. Beck­mann the­ma­ti­sier­te in sei­ner „Apo­ka­lyp­se“die un­aus­weich­li­che Fort­set­zung in ei­ne wei­te­re Ka­ta­stro­phe. Die Grat­wan­de­rung zwi­schen Be­ru­hi­gung und Unsicherheit ab den 1920er Jah­ren of­fen­bart sich mit dem erns­ten Blau in der Künst­ler­grup­pe „Die Blaue Vier“. Bei den Bau­haus-Meis­tern Lyo­nel Fei­nin­ger, Was­si­ly Kand­ins­ky und Paul Klee so­wie Ale­xej Jaw­lens­ky tref­fen kris­tal­li­ne Ar­chi­tek­tu­ren so­wie traum-tän­ze­ri­sche Vi­sio­nen auf kla­re Abs­trak­ti­on. „Gelb“ist das ab­schlie­ßen­de Sa­tyr­spiel, in dem ei­ni­ge der Künst­ler noch ein­mal zu­sam­men­kom­men – sinn­lich, iro­nisch, bis ins Gro­tes­ke ge­hend und da­mit al­len Ab­grün­den und Wid­rig­kei­ten mit Hil­fe der Kunst trot­zend. Da be­geg­net et­wa die schein­ba­re Hei­ter­keit von Paul Klee der Un­heim­lich­keit sei­nes Freun­des Al­f­red Ku­bin und dem Sar­kas­mus von Ot­to Dix steht der fei­ne Hu­mor von Emil Nol­de ge­gen­über. Die Chan­ce, Ge­mäl­de, Zeich­nun­gen und Druck­gra­fi­ken ver­schie­de­ner Künst­ler aus dem ge­sam­ten Be­stand zu ver­ei­nen, ist ei­ner der gro­ßen Glücks­fäl­le, die ein Mu­se­um wie die Staats­ga­le­rie Stuttgart bie­ten kann: Ihr wert­vol­ler Schatz ist das Er­geb­nis ei­ner rund 200-jäh­ri­gen Sam­mel­lei­den­schaft von Di­rek­to­ren und Kon­ser­va­to­ren, der sie un­ter­stüt­zen­den Lan­des­her­ren und Mi­nis­te­ri­en so­wie pri­va­ter Samm­ler mit ih­ren Stif­tun­gen und Leih­ga­ben. Die Viel­zahl der Wer­ke bringt im­mer wie­der Über­ra­schun­gen ans Licht. Be­reits Be­kann­tes aus der stän­di­gen Prä­sen­ta­ti­on kom­bi­niert mit Meis­ter­wer­ken aus den De­pots und Ma­ga­zi­nen, die aus kon­ser­va­to­ri­schen oder sim­plen Platz­grün­den nur sel­ten ans Licht kom­men, bie­ten ei­ne neue Sicht. Es ist schon et­was ver­blüf­fend: Vie­le Wer­ke wa­ren be­reits als Leih­ga­ben in al­ler Welt, sind aber noch nie in Stuttgart ge­zeigt wor­den. Da war selbst der um­trie­bi­ge Karls­ru­her Re­gis­seur Ser­dar Do­gan sprach­los: „Das ist ei­ne un­glaub­li­che Nach­richt“, freut sich der Fil­me­ma­cher. „Ich ha­be kei­nen Plan, wie es da­zu kam, aber wir sind mit ,Der 8. Kon­ti­nent‘ beim Ju­pi­ter-Award in der Ka­te­go­rie ,Bes­ter Film Na­tio­nal’ no­mi­niert!“Der Film be­fin­det sich da­mit in Kon­kur­renz mit Er­folgs­strei­fen wie „Frau Mül­ler muss weg!“, „Fack Ju Gö­the 2“oder „Der Nan­ny“. Seit 1979 wäh­len die Le­ser und User von Ci­ne­ma und TV Spiel­film den Ju­pi­ter Award. Deutsch­lands größ­ter Pu­bli­kums­preis für die bes­ten Fil­me und Stars aus Ki­no und TV wird in zwölf Ka­te­go­ri­en (na­tio­nal und in­ter­na­tio­nal) un­ter an­de­rem für „bes­ter Film“, „bes­te Darstel­ler/in“und „bes­te Se­rie“ver­lie­hen. Die Ga­la-Preis­ver­lei­hung mit et­wa 200 ge­la­de­nen VIP-Gäs­ten aus der in­ter­na­tio­na­len und na­tio­na­len Film- und Fern­seh­welt fin­det am 6. April in Ber­lin statt. Bis­he­ri­ge Preis­trä­ger wa­ren un­ter an­de­rem Ste­ven Spiel­berg, Qu­en­tin Ta­ran­ti­no, Jack Ni­chol­son, Harrison Ford, Syl­ves­ter Stal­lo­ne und John Tra­vol­ta. „Beim Ju­pi­ter Award ent­schei­den kei­ne ver­greis­ten Ju­ro­ren oder schlecht ge­laun­ten Kri­ti­ker über die Ver­ga­be, son­dern der ganz nor­ma­le Ki­nound TV-Zu­schau­er“, sagt Ci­ne­ma-Chef­Re­dak­teur Ar­tur Jung.

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