Wan­del und Wie­der­kehr

Köl­ner Aus­stel­lung „Look“: Hin­ter­sin­ni­ger Blick auf Kör­per­bil­der und Mo­de

Der Sonntag (Mittelbaden) - - MODE & STIL - Su­san­ne Forst

Der Schritt stockt. Viel Platz ist hier nicht. Rechts und links Ka­bi­net­te, ge­ra­de­aus, als ob das Ob­jekt Sog­wir­kung aus­übe, zieht ein blau­es Kleid an: Emi­lio Puc­ci. Doch bis der Be­su­cher der Köl­ner Aus­stel­lung zum blau­en Farb­fest vor­dringt, ist er auf Ab­we­gen. Stau­nend, ir­ri­tiert, amü­siert folgt er den Fähr­ten, die Ku­ra­to­rin Patri­cia Brat­tig im Köl­ner Mu­se­um für An­ge­wand­te Kunst aus­ge­legt: „Look, Mo­de­de­si­gner von A bis Z“, heißt die klei­ne, aber se­hens­wer­te Schau. Schon der An­fang ver­blüfft. Der Blick fällt auf ein eher un­schein­ba­res, fast farb­los wir­ken­des Kleid. Doch die Ta­sche mit der schil­lern­den Pfau­en­fe­dern­vor­der­sei­te fängt ein und führt auf das schma­le, zar­te Et­was zu­rück: A, wie Alex­an­der McQueen. Kein gro­ßer thea­tra­li­scher Auf­tritt, wie ihn der De­si­gner gern in­sze­nier­te, son­dern fei­ner, mit Fal­ten modellierter Chif­fon und ein rät­sel­haf­tes Mus­ter fes­seln: Pferd-, Rep­til-, Raub­kat­zen­mo­tiv? Die Be­su­cher tas­ten mit dem Au­ge McQueens sub­til-vir­tuo­se Schnei­der­kunst ab. Gut 60 Stü­cke, Klei­der und Ac­ces­soires aus der ei­ge­nen Samm­lung zeigt die Schau. Die Aus­wahl der Neu­er­wer­bun­gen über­spannt die 1960er Jah­re bis heu­te. Das jun­ge let­ti­sche La­bel QooQoo packt Lied­tex­te auf den Rock, De­si­gne­rin Iri­na Hee­mann um­hüllt von Kopf bis Fuß mit Wol­le, Ca­rol Lim und Hum­ber­to Le­on dru­cken asia­tisch an­mu­ten­de Mo­ti­ve auf Neo­pren. Ex­tra­va­gan­tes und Klas­si­sches sind zu se­hen. Durch die kon­trast­rei­che Aus­wahl und lust­voll-iro­ni­sche Ins­ze­nie­rung sprin­gen Fa­cet­ten ins Au­ge, Cha­rak­te­ris­ti­ka tre­ten her­vor und La­bels, Far­ben und Sti­le, nebst Stil­blü­ten, fin­den ab­seits der gro­ßen Mar­ken­ma­schi­ne­rie und mo­di­scher Ste­reo­ty­pen ih­ren Platz. Di­or er­scheint hier nicht als Schöp­fer des New Look, son­dern ist mit dem Jahr 1990 ver­tre­ten, in der Hand­schrift Gi­an­fran­co Fer­rés, mit Le­der­kos­tüm und Goucho-An­flü­gen als „Di­or-Bou­tique“. Das Cha­nel-Ko­s­tüm at­met den Geist der frü­hen 1980er Jah­re, als das Haus düm­pel­te. La­ger­feld ist als Kon­ter­fei auf ei­nem H&M-T-Shirt ver­ewigt. An­schau­li­cher lässt sich der Weg von der Cou­ture in den Mas­sen­markt kaum il­lus­trie­ren. Paul Smith amü­siert, very bri­tish und ma­de in Ita­ly, mit dem Blüm­chen­tas­sen auf ei­nem Da­men­kos­tüm. Pra­da be­sticht durch die kla­re Li­nie ei­ner Ta­sche und ei­nen hoch­e­le­gan­ten blau­en Schuh. Von bi­zar­ren An­flü­gen oder In­no­va­ti­on, mit de­nen das ita­lie­ni­sche Haus ger­ne sein Image po­liert, kei­ne Spur. Avant­gar­de und Er­folgs­mo­del­le mit Arche­ty­pen-Charme kom­men zu­sam­men. Is­sey Miya­ke setzt ne­ben Tra­ge­kom­fort auf Be­we­gung. Er ex­pe­ri­men­tier­te mit Plis­sees und stell­te die Her­stel­lung pfle­ge­leich­ter und kof­fer­taug­li­cher Hül­len auf den Kopf: Zu­erst der Schnitt, dann die Fäl­te­lung. Auch ein Wi­ckel­kleid of­fen­bart sei­nen Reiz erst auf den zwei­ten Blick, Omas-Kit­tel­schür­ze lässt grü­ßen. 1973 ent­warf Dia­ne von Fürs­ten­berg das Mo­dell. Bis En­de der 1970er Jah­re wa­ren mehr als fünf Mil­lio­nen Ex­em­pla­re des tief de­kol­le­tier­ten Kleids mit dem abs­trak­ten Mus­ter, das heu­te als Vin­ta­ge auf­er­steht, ver­kauft. In jüngs­ter Zeit ist sie wie­der zu­rück: Far­be. Die Aus­stel­lung „Look“of­fen­bart, wie stark sie, nebst un­zäh­li­ger Blu­men­mus­ter, aus der Klei­dung ver­drängt war. Emi­lio Puc­ci be­scher­te 1967/68 schöns­tes Blau und ein pink grun­dier­tes Ba­de­cape mit sti­li­sier­ten Hor­ten­si­en. Guc­ci stell­te im Früh­jahr 2007 ein li­la-rot­wei­ßes Som­mer­kleid vor. Ema­nu­el Un­ga­ro hielt es in den 1970er und 80er Jah­ren mit „Pol­ka-Dots“, Punk­ten, die bis heu­te, wie Schnit­te, Sil­hou­et­ten und Ma­te­ria­li­en im Rück­griff auf Mo­de- und Ko­s­tümge­schich­te, im­mer wie­der als „neu­er“Trend aus­ge­ru­fen wer­den. Ema­nu­el Un­ga­ro ist mit ei­nem Mo­dell aus der Mit­te der 1980er Jah­re – schwar­ze Punk­te auf grün-tür­ki­sem Grund– ver­tre­ten. Ken­zo steht für Far­b­rausch und „Dschun­gel“. Yves Saint Lau­rents Mo­dell aus dem Jahr 1982 bringt Si­gnal­rot, Rot­li­la, Fuch­sia oder Nar­zis­sen­gelb in auf­re­gen­de Har­mo­nie. Erst bei ge­naue­rem Hin­se­hen wird Saint Lau­rents Kunst­fer­tig­keit of­fen­bar: In ei­nem schein­bar tra­di­tio­nel­lem Ko­s­tüm do­mes­ti­ziert er Far­be und ver­leiht der Sei­de samt Trä­ge­rin Ele­ganz und sub­ti­len Sex-Ap­peal. Die Aus­wahl und Prä­sen­ta­ti­on der Ac­ces­soires bleibt in nichts hin­ter der Klei­dung zu­rück. Ma­no­lo Blahníks Kult­schu­he aus „Sex in the Ci­ty“ge­hen mit Bern­hard Will­helms neon­grü­nem grob ge­schnür­ten Sport­schuh ein­her. High Heel und Snea­ker paa­ren sich mit ge­sta­chel­ten Stie­feln Wal­ter Stei­gers oder klas­si­schen Fer­ra­ga­mo Pumps. Po­li­tisch un­kor­rekt lo­cken ein blau-grau­es Fell­täsch­chen in Ver­sace-Li­zenz und ein pu­ris­ti­sches Kunst­stück aus Foh­len­fell und Lack­le­der von Pra­da. Die Köl­ner Schau „Look“ist ein be­ste­chen­der und hin­ter­sin­ni­ger Blick auf Kör­per­bil­der und Mo­de, auf Hand­werks­kunst, auf Wan­del und auf die ewi­ge Wie­der­kehr des Glei­chen.

Far­ben­froh: Das sei­de­ne Cock­tail­kleid von Emi­lio Puc­ci kam Mit­te der 1960er Jah­re auf den Markt.

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