Stei­ner­nes Wun­der­land

Kap­pa­do­ki­en im tür­ki­schen Bin­nen­land ge­währt un­ver­gess­li­che Ein­bli­cke

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB - Chris­ti­an Bo­er­gen

An gu­ten Ta­gen hän­gen 200 Heiß­luft­bal­lons wie Christ­baum­ku­geln am Him­mel über Gö­re­me in Kap­pa­do­ki­en. Un­ter ih­nen er­stre­cken sich Wo­gen aus wei­ßem Tuff­stein, wie Zip­fel­müt­zen ge­form­te Fels­na­deln, Wohn­fel­sen und Höh­len­kir­chen, oder der 60 Me­ter ho­he Burg­berg von Uçhi­sar. Zwar herrscht in dem zen­tral­a­na­to­li­schen Wel­ter­be kein Man­gel an At­trak­tio­nen, doch die Bal­lon­fahrt zu Prei­sen ab 150 Eu­ro pro Na­se ist ein Muss. Ab­dul­lah Key­íflí, li­zen­zier­ter Pi­lot mit vie­len tau­send St­un­den Er­fah­rung, steu­ert den Bal­lon mit dem Gas­bren­ner und nutzt da­für die Luft­strö­mun­gen in un­ter­schied­li­cher Flug­hö­he. Bis zu 20 Pas­sa­gie­re fasst die Gon­del. Ih­nen bie­tet sich ein un­ver­gess­li­cher An­blick. Un­ten las­sen sich Häu­ser und Stra­ßen in den Ort­schaf­ten zwi­schen den „Fe­en­ka­mi­nen“stu­die­ren, wie die bi­zar­ren Tuff­stein­for­ma­tio­nen auch ge­nannt wer­den. Zum Grei­fen

Zip­fel­müt­zen und Fe­en­ka­mi­ne

na­he scheint ein Gar­ten um­ge­ben von Zip­fel­müt­zen­fel­sen. Haar­scharf geht es vor­bei an spit­zen Fels­na­deln. Ent­stan­den sind sie durch Ero­si­on mit schwe­rer Mag­ma be­deck­ter Vul­kan­asche aus den in­zwi­schen in­ak­ti­ven, über 3 000 Me­ter ho­hen Vul­ka­nen Er­ciyes und Ha­san, zwi­schen de­nen sich Kap­pa­do­ki­en er­streckt. „Fest­hal­ten“, ord­net Ab­dul­lah an, dann rum­pelt es kurz, und die Gon­del steht ak­ku­rat auf dem An­hän­ger für den Ab­trans­port. Wäh­rend Hel­fer die Bal­lon­hül­le zu­sam­men­le­gen, schenkt der Pi­lot be­reits Scham­pus mit Jo­han­nis­be­er­li­kör in Sekt­glä­ser. Der Wein­an­bau in Kap­pa­do­ki­en, mit dem be­reits die He­thi­ter 1 500 Jah­re vor Chris­tus be­gan­nen, ist trotz Spit­zen­qua­li­tä­ten kein ein­fa­ches Ge­schäft mehr. Ent­spre­chend kri­tisch kom­men­tiert Me­tin, Pro­duk­ti­ons­lei­ter der Ür­gü­per Groß­kel­le­rei Tu­ra­san, die auf 62 Pro­zent ge­stie­ge­ne Be­steue­rung durch An­ka­ras AKP-Re­gie­rung. Zwei Mil­lio­nen Li­ter Wein pro­du­ziert sein Team jähr­lich, dar­un­ter hei­mi­sche Sor­ten wie den ro­ten Bo­gaz­ke­re oder die wei­ßen Emir und Na­rin­ce. Ähn­lich er­fri­schend wie der 5 400 Qua­drat­me­ter gro­ße Tu­ra­san-Wein­kel­ler prä­sen­tie­ren sich die Höh­len­kir­chen des Gö­re­me-Na­tio­nal­parks. Die Feuch­tig­keit der Tuff­wän­de wirkt als Kli­ma­an­la­ge und hat über Jahr­hun­der­te die Far­ben der Wand­ma­le­rei­en kon­ser­viert. In der Schnal­len­kir­che fas­zi­nie­ren die Blau­tö­ne und der Chris­tus­zy­klus. Be­schei­den wirkt da­ge­gen die ver­mut­lich von Mön­chen be­mal­te Bar­ba­ra­kir­che, wäh­rend das „Non­nen­klos­ter“wie ein Hoch­haus im Tuff wirkt. In der Schlan­gen­kir­che ma­chen die Hei­li­gen Ge­org und Theo­dor hoch zu Ross ei­nem py­thon­gro­ßen Rep­til den Gar­aus. Höh­len­kir­chen fin­den sich auch im Ihla­raTal, das der Me­len­diz bis zu 150 Me­ter tief in den kap­pa­do­ki­schen Fels ge­fräst hat. Nach sie­ben Ki­lo­me­tern be­loh­nen in Be­li­sir­ma Fo­rel­len und Fleisch vom Grill Wan­de­rer für ih­ren Weg durch die grüne Schlucht. Man­che der einst 200 Be­woh­ner Be­li­sir­mas sind nach Deutsch­land ge­zo­gen, an­de­re wie die 58-jäh­ri­ge, sie­ben­fa­che Groß­mut­ter Emi­ne wer­den von der tür­ki­schen Re­gie­rung um­ge­sie­delt. Das er­in­nert an die Alt­stadt der Töp­fer­stadt Ava­nos am Ro­ten Fluss Ki­zi­lirmak, wo vie­le Ge­bäu­de ver­fal­len. Auf der an­de­ren Sei­te des mit 1 533 Ki­lo­me­tern längs­ten Flus­ses der Tür­kei ist Omür­lü Ce­ra­mics an­säs­sig. Aus vom Ki­zi­lirmak, der sei­nen Na­men dem ei­sen­hal­ti­gen Was­ser ver­dankt, an­ge­schwemm­ten Ton fer­tigt Fir­men-Chef Omür­lü Bay­ra­mog­lu rasch ei­ne Tee­kan­ne mit Hil­fe sei­ner fuß­ge­trie­be­nen Töp­fer­schei­be. Die sei gut ge­gen Rheu­ma ver­si­chert grin­send der Va­ter ei­ner Toch­ter und ei­nes Soh­nes, der selbst im Al­ter von acht Jah­ren mit dem Töp­fern be­gon­nen hat. Er hofft, dass ei­ner der bei­den den 40-Mit­ar­bei­ter-Be­trieb fort­führt, der in­zwi­schen mehr Ke­ra­mik­tel­ler als ir­de­ne Ge­fä­ße ver­kauft. Knapp 60 Töp­f­er­fa­mi­li­en sei­en noch im auch für Zie­gel­stei­ne be­kann­ten Ava­nos an­säs­sig, sagt Bay­ra­mog­lu. Ei­ne Stadt fehlt noch, um das Bild von Kap­pa­do­ki­en ab­zu­run­den. Ge­nau ge­nom­men ist sie ei­ne von 36, de­ren Gän­ge, Wohn- und Vor­rats­kam­mern so­wie Kir­chen un­ter der Er­de in den Tuff­stein ge­gra­ben wur­den. Ober­ir­disch ist Kay­makli heu­te ein Dorf, un­ter­ir­disch auf acht Eta­gen aber ei­ne aus­ge­wach­se­ne Stadt mit mehr als 5000 Jah­ren Ge­schich­te. De­ren Ur­sprung geht ver­mut­lich auf die He­thi­ter zu­rück. Hö­he­punkt des un­ter­ir­di­schen Le­bens war je­doch die Zeit des Rö­mi­schen Rei­ches, als ur­christ­li­che Ge­mein­den dort Schutz vor Ver­fol­gung such­ten. Da­bei hal­fen Luft­schäch­te, Brun­nen, Wein­kel­ter und so­gar ei­ne un­ter­ir­di­sche Schu­le. Bei Ge­fahr ver­schloss man die Ein­gän­ge mit Mühl­stein-ähn­li­chen Rol­len. Au­ßer­dem gab es ein aus­ge­klü­gel­tes Sys­tem von Fluch­tTun­neln.

Bi­zar­re Bil­der: Wind und Was­ser ha­ben das wei­che Tuff­ge­stein der ana­to­li­schen Ebe­ne zu un­ge­wöhn­li­chen For­ma­tio­nen ge­schlif­fen. Men­schen gr­a­ben seit Jahr­tau­sen­den Höh­len und gan­ze Städ­te hin­ein. Foto: Geo­rei­sen

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