Rot­stift ist in Rio übe­r­all prä­sent

Fi­nan­zi­el­le Pro­ble­me brin­gen die Olympia-Or­ga­ni­sa­to­ren in die Bre­douil­le

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DAS SPORTJAHR 2016 - Pe­ter Tre­bing

Tier­ka­da­ver, Plas­tik­fla­schen, Fä­ka­li­en und Ab­fall – hört sich nach ei­ner Müll­kip­pe an, ist aber das, was die olym­pi­schen Seg­ler in we­ni­gen Mo­na­ten in der Guana­ba­ra-Bucht er­war­ten wird. Ei­ne nach­hal­ti­ge Bes­se­rung ist bis da­hin nicht in Sicht. Für die Sport­ler ist die Ge­fahr der In­fek­ti­on zwar rie­sig, doch wer ei­ne Me­dail­le will, der muss rein in die­se Kloa­ke. Ei­ne Al­ter­na­ti­ve gibt es nicht. Nur ein klei­nes Man­ko, das ei­nen win­zi­gen Schat­ten auf die Olym­pi­schen Spie­le 2016 in Rio de Janei­ro wer­fen könn­te? Mit­nich­ten. Die Lis­te der Män­gel ist lang, die einst so eu­pho­ri­schen Plä­ne sind we­gen ge­wal­ti­ger fi­nan­zi­el­ler Pro­ble­me längst Ma­ku­la­tur. „Die Zei­ten, in de­nen das Geld zum Fens­ter hin­aus­ge­wor­fen wur­de, sind vor­bei“, sagt Má­rio And­ra­de, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­rek­tor des Co­mitê Rio 2016. So wur­den et­wa die für je­des der 3 600 Ap­par­te­ments des Olym­pi­schen Dor­fes (Ci­da­de Olím­pi­co) ge­plan­ten Fern­se­her ge­stri­chen. Ge­blie­ben sind nur noch 50 TV-Ge­rä­te, die für die Ge­mein­schafts­räu­me an­ge­schafft wur­den. Bei den Or­ga­ni­sa­to­ren kennt die kei­ne Gren­zen, wenn es dar­um geht, den Rot­stift an­zu­set­zen. So hat­te man zwi­schen­zeit­lich so­gar die Idee, dass die Teil­neh­mer die Kos­ten für die Kli­ma­an­la­gen in ih­ren Un­ter­künf­ten selbst tra­gen soll­ten – die­se Plä­ne hat man in­zwi­schen wie­der zu den Ak­ten ge­legt. Doch da­für wird in­ten­siv beim Per­so­nal und so­gar bei den frei­wil­li­gen Hel­fern ge­spart, de­ren Zahl um 5 000 re­du­ziert wird, um Ver­pfle­gung und Klei­dung ein­zu­spa­ren. Die Wirt­schafts­kri­se in Bra­si­li­en, der dra­ma­ti­sche ge­fal­le­ne Wech­sel­kurs für den Re­al, der ein Drit­tel sei­nes Wer­tes ein­ge­büßt hat, die all­ge­gen­wär­tig Kor­rup­ti­on, von der auch das Olympia-Pro­jekt nicht ver­schont blieb – die Rah­men­be­din­gun­gen ha­ben sich an der Co­paca­ba­na seit der Fuß­ball-WM 2014 wei­ter ver­schlech­tert. Kri­mi­na­li­tät, Um­welt­ka­ta­stro­phen, gro­ße Fi­nan­zie­rungs­lü­cken: Op­ti­mis­mus kommt so na­tür­lich nicht auf. Die Kos­ten sind auch des­halb ex­plo­diert, weil vie­le Ver­trä­ge, die das Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee ab­ge­schlos­sen hat, auf der Ba­sis des US-Dol­lars ver­rech­net wer­den. Und ein En­de der Pro­ble­me ist nicht in Sicht. Im Ge­gen­teil. Er­neu­te Mas­sen­pro­tes­te sind nicht aus­zu­schlie­ßen, denn die so­zia­len Pro­ble­me sind nach wie vor nicht ge­löst. Für die Si­cher­heit wäh­rend der Spie­le müs­sen bis zu 65000 Po­li­zis­ten und Sol­da­ten sor­gen. Wei­te­re 15 000 Mann ste­hen als Re­ser­ve be­reit. Ein Auf­ge­bot, das dop­pelt so groß ist, wie 2012 bei den Olym­pi­schen Spie­len in Lon­don. Rio soll zwi­schen dem 5. und 21. Au­gust der „si­chers­te Ort der Welt“sein. Be­haup­tet Co­mitê-Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­rek­tor And­ra­de. Klar, was soll er auch sonst sa­gen – er muss die­se Spie­le ja schließ­lich po­si­tiv „ver­kau­fen“. Kei­ne leich­te Auf­ga­be in die­sen Ta­gen. Denn längst steht fest, dass sich Bra­si­li­en am „Dop­pel­pack“(Fuß­ball-WM 2014 und Olympia 2016) ge­wal­tig ver­ho­ben hat. Mit der Aus­rich­tung die­ser glo­ba­len Events woll­te man sich als Gi­gant im Rei­gen der Na­tio­nen pro­fiFan­ta­sie lie­ren. Doch hat­te man of­fen­sicht­lich nicht ein­kal­ku­liert, dass da­bei auch vie­le na­tio­na­le Pro­ble­me in den Fo­kus rü­cken wür­den. Ein Fest soll es trotz­dem wer­den. Die Büh­ne Olympia soll un­ge­ach­tet der ne­ga­ti­ven Schlag­zei­len ge­nutzt wer­den, um das Land po­si­tiv zu prä­sen­tie­ren. Denn auch das nach­olym­pi­sche Ge­schäft ist für Bra­si­li­en von gro­ßer Be­deu­tung. Schö­ne und ein­drucks­vol­le Bil­der von den Traum­strän­den sind ga­ran­tiert, sie sol­len in den Fol­ge­jah­ren wie­der mehr Tou­ris­ten an­lo­cken. Ei­ne Image­kam­pa­gne für ein ge­beu­tel­tes Land. Für die sport­li­che Qua­li­tät sind aber aus­schließ­lich die Ath­le­tin­nen und Ath­le­ten zu­stän­dig. Wie hoch der An­teil ein­hei­mi­scher Sport­ler am „Me­dail­len­ku­chen“wird, steht in den Ster­nen. Auch bei ih­nen wird ge­spart, vie­le kön­nen sich nicht op­ti­mal auf ihr „Heim­spiel“vor­be­rei­ten. Au­ßer­dem ha­ben sich schon ei­ni­ge aus­län­di­sche Trai­ner we­gen feh­len­der Ge­häl­ter aus dem Staub ge­macht. Par­al­lel zur wirt­schaft­li­chen Mi­se­re in ei­ner der größ­ten Volks­wirt­schaf­ten der Er­de, lei­det eben auch der Sport ganz mas­siv.

Ne­ga­ti­ve Schlag­zei­len an der Ta­ges­ord­nung

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