Oh­ne Hel­fer geht’s nicht

In ei­ner Wo­che be­ginnt in der Karls­ru­her Süd­stadt die drit­te Ve­sper­kir­che

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Mo­ni­ka John

Für vie­le Men­schen aus Karls­ru­he und Um­ge­bung ist die Ve­sper­kir­che am Wer­der­platz ei­ne Art Pa­ra­dies. Vier Wo­chen lang gibt es dort täg­lich ein war­mes Mit­tag­es­sen samt Nach­tisch. Die­ses Glück ken­nen Men­schen, die sich am Ran­de der Ge­sell­schaft be­we­gen, sonst nicht. Täg­lich ein sü­ßes Stück­chen oder ein Stück Ku­chen, das ist für die meis­ten Gäs­te ei­ne Sel­ten­heit. Meist un­be­zahl­bar und auch nicht selbst her­stell­bar. Und am Nach­mit­tag darf man so­gar noch ein Ve­sper­brot für den Abend mit­neh­men. Zwi­schen dem 10. Ja­nu­ar und 7. Fe­bru­ar la­ben sich täg­lich ver­mut­lich zwi­schen 200 und 400 Gäs­te in der Jo­han­nis­kir­che am Wer­der­platz. „Die­se Zah­len sind vom ver­gan­ge­nen Jahr“, sagt Pfar­re­rin La­ra Pflaum­baum. „Mög­lich, dass es in die­sem Jahr noch mehr wer­den.“Da­bei geht es in der Ve­sper­kir­che nicht nur um Es­sen und Trin­ken, son­dern auch um Ge­sprä­che, Spie­le, Kon­tak­te und Be­geg­nun­gen. Vie­le Men­schen sind ein­sam und hung­rig nach Zu­wen­dung. Leib und See­le ste­hen da­her im Mit­tel­punkt auch die­ser drit­ten Ve­sper­kir­che. Auch die See­le wird hier satt. Oh­ne eh­ren­amt­li­che Hel­fer lässt sich das nicht be­wäl­ti­gen, er­zählt Pro­jekt­lei­te­rin La­ra Pf laum­baum. Weit mehr als 300 Eh­ren­amt­li­che ha­ben sich nach ih­ren An­ga­ben an­ge­mel­det. Aber im­mer wie­der kä­men Men­schen spon­tan da­zu. Auch In­sti­tu­tio­nen wie die Hags­fel­der Werk­stät­ten Karls­ru­he oder ver­schie­de­ne Schu­len bie­ten nach Aus­sa­ge der Pfar­re­rin ih­re Hil­fe an. Ei­ner der Hel­fer ist Al­bert Mai­er. Der 44Jäh­ri­ge ist von An­fang an da­bei. Er ist zu­stän­dig für den Ein­kauf vor Ort und schaut auch im La­ger nach dem Rech­ten. „Ich bin Mäd­chen für al­les“, lacht er. „Al­bert ist un­ser Bin­de­glied zur Wer­der­platz-Sze­ne“, er­klärt Pflaum­baum. „Er kennt die Men­schen hier seit Jah­ren, über­nimmt Ver­ant­wor­tung und man kann sich voll auf ihn ver­las­sen.“Ver­su­che bei­spiels­wei­se ein Schlitz­ohr sei­nen Flach­mann in die Kir­che zu schmug­geln, so las­se ihm Al­bert kei­ne Chan­ce. „Al­bert sieht al­les und was er nicht sieht, riecht er“, lacht die Pfar­re­rin. Al­ko­hol und Dro­gen sind in der Kir­che ta­bu. Wer er­wischt wird, wird höf­lich aber be­stimmt raus­kom­pli­men­tiert. „Ja, das kommt schon im­mer mal wie­der vor“, sagt Al­bert. Er weiß auch Rat, wenn ein Mensch Hun­ger hat, aber den sym­bo­li­schen Preis von ei­nem Eu­ro für das Mit­tag­es­sen nicht be­zah­len kann. „Es kommt so viel Dank­bar­keit zu­rück“, strahlt der Mann im blau­en Sweat­shirt. „Und man lernt im­mer et­was da­zu.“Die­se Auf­fas­sung ver­tritt auch Mechtild Schrempp. Die 66-Jäh­ri­ge en­ga­giert sich eben­falls von An­fang an in der Ve­sper­kir­che. Als Be­reichs­lei­te­rin für die Ser­vier­wa­gen in der Kir­che ist sie zu­stän­dig da­für, dass es an nichts fehlt. Vier Wa­gen mit Kaf­fee, Tee und an­de­ren Ge­trän­ken, mit sü­ßen Stück­chen und Ku­chen schie­ben die Hel­fer durch den Kir­chen­raum. „100 Li­ter Kaf­fee ko­chen wir pro Tag“, be­rich­tet sie. „Wir ha­ben drei gro­ße In­dus­trie-Kaf­fee­ma­schi­nen“. Ger­ne un­ter­hält sie sich mit den Gäs­ten, und wenn die Zeit es zu­lässt, spielt sie auch mal „Mensch är­ge­re dich nicht“mit oder hört ein­fach nur zu. Al­bert Mai­er und Mechtild Schrempp sind der Mei­nung: „Die Gäs­te sol­len sich wohl­füh­len. Da­für brin­gen wir Hel­fer uns ein.“Vie­le Rent­ner sei­en un­ter der Be­su­chern, da­zu so­zia­le Rand­grup­pen, die Wer­der­platz-Sze­ne so­wie vie­le Men­schen, die ne­ben dem war­men Es­sen die mensch­li­che Be­geg­nung su­chen. Je­man­den, der sie ernst nimmt und ih­nen zu­hört. „Manch­mal ist so ein Tag ganz schön stres­sig“, ge­ste­hen Mai­er und Schrempp. „Aber abends, zu Hau­se, ist man dann rund­um zu­frie­den.“Rund 100 000 Eu­ro an Spen­den­gel­dern sind not­wen­dig, um die Ve­sper­kir­che zu rea­li­sie­ren. Das Ve­sper­kir­chen-Pro­jekt wird von der Ko­ope­ra­ti­on von Evan­ge­li­scher Kir­che in Karls­ru­he, der Dia­ko­nie Karls­ru­he und der Jo­han­nis-Pau­lus-Ge­mei­ne in der Süd­stadt ge­tra­gen. Ge­braucht wer­den auch vie­le Sach­spen­den. So sor­gen die Ede­ka Fleisch­fa­brik und ei­ni­ge Metz­ger fürs Fleisch, Brot

Über 300 Hel­fer ha­ben sich an­ge­mel­det

kommt von Bä­cke­rei­en und für die Ku­chen sind eben­falls vie­le flei­ßi­ge Hän­de tä­tig. Die Stadt­mis­si­on lie­fert das Mit­tag­es­sen samt Nach­spei­se. Acht Hel­fer sind un­er­müd­lich da­bei, Ve­sper­bro­te zu schmie­ren. Pro­jekt­lei­te­rin La­ra Pflaum­baum macht klar, dass auch die Ar­beits-Si­cher­heits­be­stim­mun­gen und die Le­bens­mit­tel­hy­gie­ne-Ver­ord­nung ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen. Nach dem Mit­tag­es­sen gibt es ei­ne Arz­tSprech­stun­de. Auch Fri­seu­re en­ga­gie­ren sich und schnei­den eh­ren­amt­lich Haa­re. Ih­re Be­din­gung ist: Kei­ne Läu­se. So­gar ein Tier­arzt schaut bei Be­darf vor­bei. Da­ne­ben läuft ein Kul­tur­pro­gramm. Künst­ler tra­gen zur Un­ter­hal­tung bei oder be­treu­en Pro­jek­te. Ab 15.30 Uhr ste­hen die Ve­sper­bro­te be­reit und die Kir­che wird leer. Ab 16 Uhr wird auf­ge­räumt und es ist Zeit fürs täg­li­che Feed­back, sagt Pfar­re­rin La­ra Pflaum­baum. „Falls wir dann nicht zu mü­de sind“.

Es gibt so­gar ein Kul­tur­pro­gramm

Pfar­re­rin La­ra Pflaum­baum (Mit­te) ist froh, dass sie sich wäh­rend der Ve­sper­kir­che auf Hel­fe­rin­nen und Hel­fer wie Mechtild Schrempp und Al­bert Mai­er ver­las­sen kann. Oh­ne Eh­ren­amt­li­che wä­re der im­men­se Auf­wand nicht zu be­wäl­ti­gen. Foto: John

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