Lei­se rie­selt der Schnee

Die Ge­schich­te der Schnee­ku­gel be­gann im Jahr 1900 in Wi­en

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SONNTAGSKINDER - Tan­ja Ka­sisch­ke

An ei­nem Ort in An­tons Zim­mer schneit es – in der Schnee­ku­gel mit der klei­nen Kir­che drin. Wenn Anton die Ku­gel schüt­telt, wir­beln wei­ße Flo­cken durch die Flüs­sig­keit. Ech­ter Schnee ist das nicht, er sieht aber ge­nau­so aus. Mit ei­ner Kir­che und ei­ner Hand­voll Grieß als Schnee-Er­satz be­gann im Jahr 1900 die Ge­schich­te der Schnee­ku­gel. Sie ist ei­ne Wie­ner Er­fin­dung. In Wi­en, der Haupt­stadt Ös­ter­reichs, leb­te der Me­di­zin­tech­ni­ker Er­win Per­zy. Ei­nes Ta­ges be­kam er den Auf­trag ei­nes Arz­tes, die Schus­ter­ku­gel so wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, dass sie als Licht­quel­le bei Ope­ra­tio­nen ein­ge­setzt wer­den könn­te. Schus­ter­ku­geln wa­ren mit Was­ser ge­füll­te Glas­ku­geln, hin­ter de­nen ein Schuster Ker­zen auf­stell­te und sich da­vor setz­te, wenn er beim Schu­he nä­hen abends oder im Win­ter Licht be­nö­tig­te. Das war, ehe es elek­tri­sches Licht im Haus gab. Die Schus­ter­ku­gel ver­grö­ßer­te den Licht­ke­gel der Ker­ze wie ei­ne Lu­pe. Ein Arzt be­nö­tig­te noch hel­le­res Licht,

Die Er­fin­dung war eher ein Zu­fall

des­halb kam Er­win Per­zy der Ge­dan­ke, Glasspä­ne ins Was­ser der Schus­ter­ku­gel zu ge­ben und sie re­gel­mä­ßig auf­zu­wir­beln. Das ver­stärk­te den Licht­ef­fekt zwar, hielt aber nicht lan­ge an, weil sich die Glas­teil­chen zu schnell auf den Bo­den der Ku­gel senk­ten. Das Bild des fun­keln­den Schus­ter­ku­gel fas­zi­nier­te Er­win Per­zy und er­in­ner­te ihn an Schnee­ge­stö­ber. In ei­ner ru­hi­gen Mi­nu­te nahm er ei­ne klei­ne­re Glas­ku­gel, gab Grieß hin­ein, der leicht war und des­halb lan­ge in der Flüs­sig­keit schweb­te, und ließ es „schnei­en“. Prompt kam ihm die nächs­te Idee: Er be­saß ei­ne Mi­nia­tur der be­rühm­tes­ten ös­ter­rei­chi­schen Wall­fahrts­kir­che Ma­ria­zell, die er sich bei sei­nem Be­such dort als Sou­ve­nir ge­kauft hat­te. Per­zy nahm das Kirch­lein aus dem Re­gal, stell­te es in die Schnee­ku­gel, schraub­te ei­nen De­ckel drauf und schüt­tel­te er­neut. Die Schnee­ku­gel war ge­bo­ren. Die Fir­ma Per­zy exis­tiert bis heu­te, in­zwi­schen lei­tet sie Er­win Per­zys En­kel. Er kann von sich be­haup­ten, Chef des äl­tes­ten Schnee­ku­gel­her­stel­lers der Welt zu sein. Zu sei­nen Kun­den ge­hör­te so­gar der ehe­ma­li­ge USPrä­si­dent Bill Cl­in­ton. Er be­stell­te ei­ne in der statt wei­ßer Flo­cken bun­te Kon­fet­ti wir­beln soll­ten: Ori­gi­nalKon­fet­ti vom Abend sei­ner Prä­si­den­ten­Wahl. Per­zy er­füll­te den Wunsch. Die bei­den deut­schen Schnee­ku­gel-Fir­men in Hes­sen (Ko­zi­ol) und Bay­ern (Wal­ter & Pre­di­ger in Kauf­beu­ren) pro­du­zie­ren seit 60 Jah­ren. Bei der hes­si­schen Fir­ma Ko­zi­ol aus dem Oden­wald wur­de Se­ni­or­chef Bern­hard Ko­zi­ol da­zu an­ge­regt, als er an ei­nem Win­ter­tag des Jah­res 1950 mit sei­nem VW Kä­fer durch die ver­schnei­te Land­schaft fuhr und am Wald­rand Re­he ent­deck­te. Be­geis­tert sah er noch ein­mal durch die hin­te­re Schei­be des Wa­gens. Die Tie­re wa­ren ste­hen ge­blie­ben und sa­hen, um­ge­ben von ver­schnei­ten Bäu­men, dem Au­to nach. Bern­hard Ko­zi­ol woll­te das Bild am liebs­ten fest­hal­ten. Er tat’s – als Schnee­ku­gel. Statt Grieß rie­seln Kunst­stof­fSchnee­flo­cken. Auf mehr als 9 000 Win­ter­land­schaf­ten in al­len Grö­ßen und Far­ben bringt es

der Nürn­ber­ger Schnee­ku­gelSchnee­ku­gel, samm­ler Jo­sef Kar­di­nal. Er be­kam 1984 sei­ne ers­te Schnee­ku­gel von Freun­den ge­schenkt und wuss­te nicht, wo­hin da­mit. „Al­so stell­te ich die Ku­gel zu Hau­se aufs Kla­vier. Mei­ne Freun­de be­merk­ten es, sie dach­ten, ich hät­te Freu­de an Schnee­ku­geln. Prompt be­kam ich noch mehr ge­schenkt. In­zwi­schen kauft er sie im Ur­laub und auf Floh­märk­ten. Sei­ne teu­ers­te Schnee­ku­gel hat 400 Eu­ro ge­kos­tet. Jo­sef Kar­di­nals äl­tes­te Schnee­ku­gel ist über 100 Jah­re alt und lässt es am Pa­ri­ser Eif­fel­turm schnei­en. Aus Pa­ris stamm­te an­geb­lich auch der Vor­läu­fer der Schnee­ku­gel, ein glä­ser­ner Brief­be­schwe­rer, in dem ein Mann mit auf­ge­spann­tem Schirm durch den Re­gen spa­zier­te. Da­von exis­tiert aber kein Foto. Zwei Räu­me in sei­nem Kel­ler be­an­sprucht Jo­sef Kar­di­nals Schnee­ku­gel­samm­lung in­zwi­schen. Al­le vier Mo­na­te füllt er nach, denn das Was­ser in den Ku­geln ver­duns­tet und dann klumpt der Schnee. Da­ge­gen hilft nur eins: re­gel­mä­ßi­ges Schüt­teln.

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