Rück­kehr der Ay­ma­ra-In­dia­ner

Tou­ris­mus­pro­jekt ge­gen Land­flucht

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB - Oli­ver Ger­hard

Von Null auf 4 000 Me­ter – die Stra­ße ins Hoch­land ist wie ein Fahr­stuhl in den Him­mel. Mit dröh­nen­dem Mo­tor nimmt der Bus ei­ne Ser­pen­ti­ne nach der an­de­ren. Hin und wie­der muss Fah­rer Manuel kurz brem­sen, wenn ei­ne Grup­pe Al­pa­kas über die Stra­ße bum­melt, die Chi­les Nord­küs­te mit dem Al­ti­pla­no ver­bin­det. Zwei St­un­den dau­ert es, um vom „Erd­ge­schoss“in den „vier­ten Stock“der An­den zu ge­lan­gen. Ganz un­ten liegt die Küs­te mit Strän­den und Pal­men­hai­nen. Dar­über er­stre­cken sich tief aus­ge­schnit­te­ne Tä­ler – blü­hen­de Oa­sen mit Mais- und Zwie­belHö­he feldern. Im „drit­ten Stock“dann die Vor­kor­dil­le­re, ei­ne kar­ge Ein­öde mit Kan­de­la­b­er­kak­te­en, die bis in 4 000 Me­ter Hö­he reicht. „Das „Al­ti­pla­no“, das Hoch­land ist ein Über­fall auf die Au­gen: die glei­ßen­de Son­ne am Him­mel, dar­un­ter schnee­be­deck­te Vul­ka­ne. Bet­ten aus gras­grü­nem Moos leuch­ten aus der St­ein- und Ge­röll­wüs­te. Dann hält der Bus am See von Chun­gará, ei­nem der höchst­ge­le­ge­nen der Welt, auf des­sen Ober­flä­che sich der 6348 Me­ter ho­he Ke­gel des Pa­ri­n­a­co­ta spie­gelt. Der Chun­gará­see ist Teil des Lau­ca-Na­tio­nal­parks, in dem nicht nur La­mas, Gua­na­cos und Vi­cuñas un­ter Schutz ste­hen, son­dern auch rund 120 Vo­gel­ar­ten und der sel­te­ne Berg­pu­ma. Die Men­schen der Re­gi­on da­ge­gen wur­den lan­ge Zeit ver­nach­läs­sigt: Am Fu­ße der Ber­ge lebt das Volk der Ay­ma­ra. Jahr­zehn­te­lang war es Po­li­tik, die Ur­ein­woh­ner zum Ar­bei­ten an die Küs­te zu lo­cken. Die­sen Trend um­keh­ren, will die „Fund­a­ción Al­ti­pla­no“. Die Stif­tung in­ves­tiert in den Auf­bau ei­ner „Rou­te der Mis­sio­nen“. Sie re­stau­riert his­to­ri­sche Kir­chen und un­ter­stützt Ay­ma­ra, die in die Ber­ge zu­rück­keh­ren wol­len, beim Auf­bau von Pen­sio­nen und Re­stau­rants. Im Dorf Belén, dem Haupt­ort der Rou­te, ging die Stra­te­gie schon auf: Die al­te Lehm­kir­che von 1793 ist sa­niert, das eins­ti­ge Pfarr­haus wur­de in ei­ne Un­ter­kunft ver­wan­delt. Den­noch ist es schwer, die Ay­ma­ra von dem Kon­zept zu über­zeu­gen. Die Ur­ein­woh­ner sind miss­trau­isch ge­gen­über Initia­ti­ven von Wei­ßen. Frü­her wur­den sie ab­fäl­lig als „La­mas“be­schimpft. „Die Dis­kri­mi­nie­rung hat heu­te nach­ge­las­sen“, sagt Es­te­la Gon­zá­les, ei­ne Rei­se­füh­re­rin, die mit ei­nem Ayama­ra ver­hei­ra­tet ist. „Frü­her woll­ten die Ur­ein­woh­ner kei­ne ,In­dí­ge­nas‘ sein“, sagt die Chi­le­nin, „heu­te sind sie stolz dar­auf.“Vie­le ler­nen wie­der ih­re über­lie­fer­te Spra­che, die zwi­schen­zeit­lich schon am Ver­schwin­den war. Das Miss­trau­en der In­dia­ner zeig­te sich auch im idyl­li­schen Dörf­chen So­co­ro­ma, als die Al­ti­pla­no-Stif­tung die his­to­ri­sche Kir­che re­stau­rie­ren woll­te – ori­gi­nal­ge­treu mit Lehm und Stroh. In den Au­gen der Spen­der ist das Got­tes­haus aus dem Jahr 1570 ein ko­lo­nia­les Schmuck­stück, nach Mei­nung vie­ler Ay­ma­ra ein ma­ro­der al­ter Bau. Sie woll­ten ihn lie­ber ab­rei­ßen und aus Be­ton neu er­rich­ten. Erst nach lan­ger Dis­kus­si­on setz­te sich die Stif­tung durch. Je tie­fer man ins Hoch­land vor­stößt, des­to rau­er wird die Land­schaft. Der Bus rat­tert und bockt auf der Well­blech­pis­te. Ein­sa­me Tä­ler glei­ten vor­über und klei­ne Schluch­ten. Rauch­wol­ken schwe­ben über dem ak­ti­ven Vul­kan Gual­la­ti­re. Dann schim­mert ei­ne wei­ße Flä­che am Ho­ri­zont: In 4 245 Me­tern er­streckt sich mit dem Sa­lar de Sur­i­re ein ge­wal­ti­ger Salz­see. Von ei­ner grü­nen Pflan­zen­krus­te über­zo­ge­ne St­ei­ne wir­ken wie aus dem Wel­tall ab­ge­wor­fen. Zwi­schen den Bro­cken lau­fen Nan­dus um­her, Fla­min­gos pi­cken im Salz­was­ser. Hin und wie­der dringt ein Schwe­fel­hauch von den be­nach­bar­ten hei­ßen Qu­el­len her­über. So stellt man sich das En­de der Welt vor. Wer noch wei­ter möch­te, der muss in den „fünf­ten Stock“: auf die ei­si­gen Gip­fel der Vul­ka­ne.

In der „vier­ten Eta­ge“: Der Vul­kan Pa­ri­n­a­co­ta spie­gelt sich im Chun­gará-See im Lau­ca-Na­tio­nal­park. Das Hoch­land Chi­les, das Al­ti­pla­no, litt lan­ge un­ter Land­flucht. Jetzt sol­len die ver­las­se­nen Dör­fer wie­der be­lebt wer­den. Foto: Ger­hard

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