Der Fuß­ball ka­pi­tu­liert nicht

EM-End­run­de fin­det trotz der Ter­ror­an­schlä­ge von Pa­ris in Frank­reich statt

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DAS SPORTJAHR 2016 - Pe­ter Tre­bing

Die Dis­kus­si­on dar­über, ob die Fuß­ball­Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2016 tat­säch­lich noch in Frank­reich statt­fin­den soll­te, war nach den Ter­ror­an­schlä­gen von Pa­ris lo­gisch, le­gi­tim und not­wen­dig. Doch sie war auch schnell be­en­det, weil es zwi­schen Po­li­tik und Sport kei­ne Dif­fe­ren­zen dar­über gab, dass die (ver­meint­lich) bes­ten 24 Na­tio­nal­mann­schaf­ten des Kon­ti­nents ih­ren nächs­ten Eu­ro­pa­meis­ter in den zehn Are­nen zwi­schen Lil­le und Mar­seil­le und schließ­lich im Fi­na­le im Sta­di­on Saint-De­nis er­mit­teln sol­len und wer­den. Und das liegt in Pa­ris. Ei­ne Ka­pi­tu­la­ti­on vor dem Ter­ror aber kam de­fi­ni­tiv nicht in Be­tracht. Ei­ne viel in­ten­si­ve­re Dis­kus­si­on gab es da­ge­gen über die Ex­pan­si­on der Ti­tel­kämp­fe. Auf 24 Teil­neh­mer wur­de die EM auf­ge­stockt.

Bier­hoff: Neu­er Mo­dus sorgt für Ver­wäs­se­rung

Aus sport­li­cher Sicht si­cher sehr frag­wür­dig, denn da­durch wird das Tur­nier ex­trem auf­ge­bläht. Ins­ge­samt 51 Spie­le wer­den nun aus­ge­tra­gen – für die Teams, die es bis ins Fi­na­le schaf­fen, dau­ert die Eu­ro­pa­meis­ter­schaft ei­nen Mo­nat (Be­ginn: 10. Ju­ni; En­de: 10. Ju­li). Für die eu­ro­päi­schen Spit­zen­clubs, die vie­le Spie­ler ab­stel­len müs­sen, ei­ne Ka­ta­stro­phe. Zum Ver­gleich: Bei der EM 2012 in Po­len und der Ukrai­ne stand der neue Ti­tel­trä­ger schon nach 31 (!) Spie­len fest, das Tur­nier war ei­ne gan­ze Wo­che kür­zer, weil nur 16 Na­tio­nen am Start wa­ren. Doch die Aus­wei­tung der EM war die Kon­se­quenz ei­nes Wahl­ver­spre­chens des in­zwi­schen sus­pen­dier­ten Ue­fa-Prä­si­den­ten Mi­chel Pla­ti­ni. Der Fran­zo­se hat­te von sei­nem eins­ti­gen Pa­tron Sepp Blat­ter sehr schnell ei­ne ganz wich­ti­ge Lek­ti­on ge­lernt: Er si­cher­te sich die Sym­pa­thie der klei­nen eu­ro­päi­schen Ver­bän­de vor sei­ner Wahl 2007 durch die Zu­sa­ge ei­ner grö­ße­ren Be­tei­li­gung an der EM oder der Cham­pi­ons Le­ague. Ei­ne wahl­neue tak­ti­sche Maß­nah­me, die Pla­ti­ni auch in Zu­kunft die Stim­men aus Al­ba­ni­en, Ge­or­gi­en und Co ge­si­chert hät­te. Zu­min­dest für fünf Na­tio­nen hat sich die Än­de­rung beim EMMo­dus aus­ge­zahlt: Is­land, Wa­les, Nord­ir­land, die Slo­wa­kei und Al­ba­ni­en wa­ren näm­lich noch nie bei ei­ner End­run­de da­bei. Doch an­de­rer­seits müs­sen mit den Nie­der­lan­den, Dä­ne­mark oder Grie­chen­land auch drei ehe­ma­li­ge Eu­ro­pa­meis­ter zu­schau­en, wenn im Som­mer in Frank­reich der EM-Ball „Beau Jeu“über den Ra­sen rollt. Auch Schott­land, Bul­ga­ri­en, Nor­we­gen oder Ser­bi­en schei­ter­ten be­reits in der Qua­li­fi­ka­ti­on. „Ge­fühlt ist der Mo­dus ei­ne Ver­wäs­se­rung“, sag­te DFBTeam-Ma­na­ger Oli­ver Bier­hoff schon vor län­ge­rer Zeit und steht mit sei­ner Kri­tik nicht al­lei­ne da. „Der sport­li­che Wert ein­zel­ner Spie­le, aber auch des ge­sam­ten Wett­be­werbs sinkt“, glaubt auch Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw. Doch für die Ue­fa er­öff­ne­ten sich da­durch völ­lig neue kom­mer­zi­el­le Mög­lich­kei­ten spe­zi­ell bei der TV-Ver­mark­tung, die klei­nen Na­tio­nen stan­den schon in der Qua­li­fi­ka­ti­on im Ram­pen­licht und Mi­chel Pla­ti­ni hat­te sich mit sei­ner „Po­li­tik“durch­ge­setzt, die ihm auf lan­ge Zeit den Prä­si­den­ten­pos­ten si­chern soll­te. Welch ei­ne Iro­nie, dass der ver­meint­lich so cle­ve­re Fran­zo­se nun nicht ein­mal in die Sta­di­en darf, wenn „sei­ne“EM in sei­ner Hei­mat aus­ge­tra­gen wird.

Hier fin­det das Fi­na­le statt: Im Pa­ri­ser Vo­r­ort Saint-De­nis steht das Sta­de de Fran­ce, das Platz für 81 338 Zu­schau­er bie­tet. Beim Freund­schafts­spiel zwi­schen Frank­reich und Deutsch­land am 13. No­vem­ber kam es in un­mit­tel­ba­rer Nä­he der Are­na zu Ter­ror­an­schlä­gen – es wur­den meh­re­re Bom­ben ge­zün­det. Foto: imago

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