„Das ist ei­ne Win-win-Si­tua­ti­on“

Lauf­ta­lent Hab­tom Wel­du flüch­te­te aus Eri­trea – und ist bei der LGR Karls­ru­he an­ge­kom­men

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sport - Man­fred Spitz

Hab­tom Wel­du stammt aus Eri­trea. In dem ar­men nord­ost­afri­ka­ni­schen Land herrscht ei­ne bru­ta­le Dik­ta­tur. Hun­dert­tau­sen­de ver­las­sen des­halb ih­re Hei­mat am Ro­ten Meer, so wie Hab­tom Wel­du. Als ei­ner von vie­len Flücht­lin­gen kam er im Som­mer in die Lan­des­erst­auf­nah­me­ein­rich­tung (LEA) in die Karls­ru­her Kriegs­stra­ße. Seit die­ser Zeit trai­niert der Asyl­be­wer­ber bei der Leicht­ath­le­tik Ge­mein­schaft Re­gi­on (LGR) Karls­ru­he – sei­ne sport­li­chen Qua­li­tä­ten hat der 29-Jäh­ri­ge, der bei afri­ka­ni­schen Cross-Meis­ter­schaf­ten be­reits für Eri­trea ge­star­tet ist, kurz dar­auf beim Golf­par­klauf in St. Le­on-Rot über 10 Ki­lo­me­ter un­ter Be­weis ge­stellt: Wel­du ge­wann das Ren­nen vor sei­nem LGR-Ver­eins­kol­le­gen Jan­nik Ar­bo­gast (2015 un­ter an­de­rem DM-Zwei­ter 10 000

„Von sei­nem Ehr­geiz kön­nen wir al­le ler­nen“

Me­ter Bahn; 2014 u.a. DM-Zwei­ter/U23 10 000 Me­ter Bahn/Stra­ße). Bei den hoch­ka­rä­ti­gen „Asics Grand 10“An­fang Ok­to­ber in Ber­lin setz­te sich das „Team“Wel­du (10./ 29:51 Mi­nu­ten) und Ar­bo­gast (11./29:52) eben­so er­folg­reich auf der 10-Ki­lo­me­ter-Stre­cke in Sze­ne wie am 1. No­vem­ber beim Ho­cken­heim­ring­lauf. Da wur­de Wel­du Zwei­ter; hin­ter Kum­pel Ar­bo­gast. Hab­tom Wel­du ist nicht der ein­zi­ge Asyl­be­wer­ber in der Grup­pe von Gün­ther Schee­fer, dem Mit­tel- und Langstre­cken­trai­ner der LGR Karls­ru­he. Auch Ephrem, wie Wel­du ein Langstre­cken­läu­fer aus Eri­trea, und Ebri­ma, ein 800-Me­ter-Läu­fer aus Gam­bia, ge­hö­ren da­zu. Au­ßer­dem dre­hen zur­zeit Ah­mad (Sy­ri­en/400 Me­ter), Mo­ha­med (Se­ne­gal/ Sprint) so­wie Sha­rifo (Gam­bia/Sprint) in der Eu­ro­pa­hal­le ih­re Run­den. Sie ka­men von der se­pa­ra­ten Auf­nah­me­stel­le für Ju­gend­li­che in Dur­lach zur LGR. „Hab­tom ist sehr ta­len­tiert. Er hat si­cher das größ­te Po­ten­zi­al“, sagt Gün­ther Schee­fer und be­tont: „Hab­tom kann nicht nur mit Jan­nik trai­nie­ren, al­le un­se­re Top-Leu­te pro­fi­tie­ren von ihm. Das ist ei­ne Win-win-Si­tua­ti­on.“Aber noch ei­nen wei­te­ren, über den Leis­tungs­sport­be­trieb bei der LGR hin­aus­ge­hen­den, po­si­ti­ven Ef­fekt hat der Gym­na­si­al­leh­rer aus­ge­macht, seit Hab­tom Wel­du da ist: „Der Ver­ein, vor al­lem die Grup­pe, denkt viel so­zia­ler als vor­her“, so Schee­fer im Ge­spräch mit dem SONN­TAG. „Vie­le brach­ten Lauf­klei­dung für ihn mit, oder ha­ben für ei­ne Fahr­kar­te ge­sam­melt – es ist toll zu se­hen, wie die Grup­pe sich da­durch wei­ter­ent­wi­ckelt.“Hab­tom Wel­du wohnt seit kur­zem in ei­ner so­ge­nann­ten An­schluss­un­ter­kunft in Kraich­tal im nörd­li­chen Land­kreis Karls­ru­he. „So lan­ge, bis sein Asyl-An­trag ge­neh­migt ist“, er­klärt Gün­ther Schee­fer. Das könn­te bis zu zwei Jah­re dau­ern. „Sport­lich ver­lo­re­ne Zeit, weit weg von Trai­nings­stät­ten und -part­nern“, wie er meint. Täg­lich fährt Wel­du mit der Stadt­bahn nach Karls­ru­he. Zwei, drei Ta­ge die Wo­che wird er ab dem neu­en Jahr vor­mit­tags auf ei­nem Pfer­de­hof ar­bei­ten, um et­was da­zu zu ver­die­nen. Da­nach geht’s di­rekt zum Deutsch­kurs nach Bruch­sal und von dort nach Karls­ru­he zum täg­li­chen Trai­ning. „Al­les si­cher nicht so ein­fach für Hab­tom, aber er ist wil­lens, das an­zu­ge­hen. Von sei­nem Ehr­geiz kön­nen wir al­le ler­nen“, be­tont Schee­fer und fügt hin­zu: „Man merkt, dass die Flucht Spu­ren hin­ter­lässt. Da sind vie­le klei­ne Pro­ble­me zu be­wäl­ti­gen.“Schee­fer ar­bei­tet nicht nur Trai­nings­plä­ne für den 29jäh­ri­gen Eri­tre­er aus, er ist auch sonst für ihn da. Un­ter­stüt­zung er­fährt der Coach „durch vie­le Ein­zel­per­so­nen, de­nen die Sa­che am Her­zen liegt.“Jan­nik Ar­bo­gast zum Bei­spiel . „Er“, sagt Schee­fer, „hilft Hab­tom sehr viel.“ Der LGR-Spit­zen­ath­let aus Gr­a­ben-Neu­dorf holt sei­nen neu­en Mann­schafts­kol­le­gen hin und wie­der ab, kauft mit ihm Schu­he oder be­glei­tet ihn wenn nö­tig zum Arzt. „Hab­tom könn­te so­gar bei der Fa­mi­lie Ar­bo­gast woh­nen, das geht aber lei­der erst ab dem Zeit­punkt, wenn sein Asyl-An­trag durch ist, vor­her nicht“, so Gün­ther Schee­fer. „Hab­tom wur­de seit vie­len Jah­ren zum Mi­li­tär ge­zwun­gen – Ge­walt, Re­pres­sio­nen: da lau­fen Din­ge, die wir uns gar nicht vor­stel­len kön­nen“, be­rich­tet Schee­fer. Die Ge­le­gen­heit, die­ses Mar­ty­ri­um hin­ter sich zu las­sen, nutz­te der Eri­tre­er, „der wohl noch sechs Ge­schwis­ter hat“, nach ei­nem Wett­kampf. „Er war mit sei­nem Na­tio­nal­team zu ei­nem 10Ki­lo­me­ter-Lauf in Du­bai. Da wur­de Hab­tom Zwei­ter, mit der ge­won­ne­nen Prä­mie setz­te er sich zum Flug­ha­fen ab, und weil er bei die­sem Aus­lands­start ei­nen Aus­weis da­bei hat­te, konn­te er sich ein Ti­cket kau­fen und flüch­ten“, be­rich­tet Schee­fer. „Ei­gent­lich woll­te er in die Schweiz, weil er dort je­man­den kann­te. Weil er aber zu­erst in Deutsch­land ge­lan­det war, wur­de er wie­der ab­ge­scho­ben“– und kam ir­gend­wann in die „LEA“nach Karls­ru­he. Wie es der Zu­fall woll­te, wur­de von der eh­ren­amt­li­chen Be­treue­rin gera­de ei­ne Lauf­grup­pe ge­grün­det. „Hab­tom ist ihr gleich auf­ge­fal­len. Sie hat sich an die LGR ge­wandt und jetzt star­tet er für uns“, so Schee­fer. „Die strah­len­den Au­gen, als wir ihm sein LGRT­ri­kot ge­ge­ben ha­ben, die wer­de ich nicht ver­ges­sen.“Für na­tio­na­le Lauf-Ver­an­stal­tun­gen hat Hab­tom Wel­du be­reits grü­nes Licht. „Au­ßer lan­des, zum Bei­spiel mit in un­ser Trai­nings­la­ger nach Ita­li­en, darf er al­ler­dings noch nicht“, ver­deut­licht der LGR-Coach. „Bei deut­schen Meis­ter­schaf­ten könn­te er nach Ver­bands­re­geln dann nach ei­nem Jahr an­tre­ten“, fügt er hin­zu. „Aber wir be­treu­en die Leu­te nicht, um mehr Me­dail­len zu ge­win­nen.“Mit sei­ner bei den „Asics Grand 10“in Ber­lin er­ziel­ten Zeit von 29:51 Mi­nu­ten hät­te es Hab­tom Wel­du in der 2015er Män­ner-Bes­ten­lis­te des Deut­schen Leicht­ath­le­tik Ver­ban­des im 10-Ki­lo­me­ter-Stra­ßen­lauf im­mer­hin auf Rang 20 ge­schafft. Zum Ver­gleich: Jan­nik Ar­bo­gast wird mit 29:46 auf Rang 13 ge­führt (Bahn: 29:23,15/6.). Sechs Flücht­lin­ge trai­nie­ren der­zeit re­gel­mä­ßig bei der LGR Karls­ru­he. „Da gibt es kur­ze We­ge zwi­schen den In­sti­tu­tio­nen und den Ver­ei­nen“, sagt Gün­ther Schee­fer. „Wir hat­ten aber schon ein paar Leu­te, die sind ge­kom­men und ha­ben ge­merkt, es passt nicht. Doch die, die bei uns an­fan­gen wol­len, neh­men wir bis jetzt al­le auf. Als Leis­tungs­sport­ver­ein müs­sen wir aber auf ge­wis­se Vor­aus­set­zun­gen ach­ten.“Pro­ble­ma­tisch bei den Flücht­lin­gen sei oft die Al­ters­fra­ge, ver­deut­licht Gün­ther Schee­fer, der nicht nur LGR­son­dern auch Ver­bands­trai­ner ist. Es ha­be schon Dis­kre­pan­zen von bis zu zehn Jah­ren zwi­schen „sport­li­chem“oder „nor­ma­lem“Al­ter ge­ge­ben. Gera­de in den Ju­gend­klas­sen ha­be er we­gen feh­len­der Do­ku­men­te „Bauch­schmer­zen“. Schee­fer: „Ich bin froh, da kein aus­län­di­sches Ham­mer­ta­lent zu ha­ben. Ich wüss­te nicht, wo ich es ein­grup­pie­ren soll­te.“Aber, so Schee­fer wei­ter, „es gibt auch vie­le Afri­ka­ner, die kei­ne Lauf­ta­len­te sind. Wir ver­su­chen dann, die­se Leu­te, die trotz­dem Sport trei­ben möch­ten, wei­ter zu ver­mit­teln. An Ver­ei­ne oder Lauf­treffs, die we­ni­ger leis­tungs­be­zo­gen sind, da wird in Karls­ru­he und der Re­gi­on viel ge­tan. Es ist sehr wich­tig, dass man für je­des Ni­veau das Pas­sen­de sucht, sonst bringt das kei­nem was.“Ebri­ma war der ers­te Flücht­ling, der zur LGR Karls­ru­he kam. „Er ist seit ei­nem oder ein­ein­halb Jah­ren hier – und ein Phä­no­men“, er­zählt Gün­ther Schee­fer. Ebri­ma kommt aus Gam­bia. „Die lä­cheln­de Küs­te Afri­kas“nen­nen die Ein­woh­ner ih­re Hei­mat. Es gibt dort we­der Krie­ge noch Seu­chen, den­noch ver­las­sen Zehn­tau­sen­de den kleins­ten Staat des afri­ka­ni­schen Fest­lan­des in Rich­tung Eu­ro­pa und ris­kie­ren da­bei ihr Le­ben – für den Traum von ei­nem bes­se­ren Le­ben. Zwei Jah­re dau­er­te Ebri­mas Flucht. „Wenn man die­se Ge­schich­ten hört, kom­men ei­nem die Trä­nen“, sagt Gün­ther Schee­fer. „Mich in­ter­es­sie­ren die Schick­sa­le schon. Wir müs­sen uns auch dar­auf ein­las­sen, was die­se Men­schen er­lebt ha­ben. Sonst ver­steht man vie­le Re­ak­tio­nen nicht.“Er weiß in­zwi­schen: Um mehr zu er­fah­ren oder fa­mi­liä­re Hin­ter­grün­de zu er­fra­gen, muss man den rich­ti­gen Zeit­punkt er­wi­schen. „Die Leu­te sind ex­trem vor­sich­tig“, sagt Gün­ther Schee­fer. „Aber“, freut er sich, „es macht Spaß zu se­hen, wie in­te­gra­ti­ons­wil­lig sie sind. Und je­den Tag kom­men wir ei­nen Schritt vor­an. Auch das ist für mich ein ab­so­lu­ter Ge­winn.“

Sechs Asyl­be­wer­ber in LGR-Trai­nings­grup­pen

Lau­fen ge­mein­sam beim Trai­ning der Leicht­ath­le­tik Ge­mein­schaft Re­gi­on (LGR) Karls­ru­he: Die jun­gen Flücht­lin­ge Ah­mad aus Sy­ri­en (vier­ter von links) und Sha­rifo aus Gam­bia (drit­ter von rechts) mit Mar­ven, Max, Nils, Philipp, Lau­ra und Ni­co­las (von links). Spaß bei der Sa­che ha­ben sie al­le. Fo­to: GES/Prang

Star­kes LGR-Trio: Jan­nik Ar­bo­gast, Hab­tom Wel­du und Fre­de­rik Une­wis­se (von links). Asyl­be­wer­ber Wel­du, der in Eri­tre­as Na­tio­nal­team war, er­reich­te bei 10-Ki­lo­me­ter-Stra­ßen­läu­fen be­reits Top-Re­sul­ta­te. Fo­to: pr

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