Ech­te Töp­fe, fal­sche Köp­fe?

Von ver­schlun­ge­nen We­gen hin­ter den Din­gen im Mu­se­um

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Tho­mas Liebs­cher

Die Aus­stel­lung „Ob­jek­te mit Ge­schich­te“lockt mit ku­rio­sen oder be­denk­li­chen Hin­ter­grün­den in die Samm­lun­gen des Ba­di­schen Lan­des­mu­se­ums.

Über ein wert­vol­les Ge­schenk freut sich selbst ein Mu­se­um, das Geld und Geist ein­setzt, um sei­ne Samm­lung zu per­fek­tio­nie­ren. Dem Ba­di­schen Lan­des­mu­se­um wur­den im Jahr 2010 ein über 2 500 Jah­re al­tes Ge­fäß-Trio aus ei­nem Gr­ab der Ei­sen­zeit über­ge­ben: ei­ne Tas­se, ei­ne Scha­le und ein gro­ße Ur­ne. Al­les Ke­ra­mi­ken aus der äl­te­ren Hall­statt­zeit zwi­schen 800 und 650 vor Chris­tus. Über­reicht wur­den sie von ei­ner Frau aus Neckargemünd, die Ob­jek­te und ei­nen Schrift­wech­sel ent­deck­te sie bei ei­ner Haus­halts­auf­lö­sung. Ihr Ur­groß­va­ter, ein evan­ge­li­scher Pfar­rer, hat­te das „Be­stat­tungs-Ser­vice“1911 aus­ge­gra­ben – in der ba­di­schen Re­gi­on links des Neckars zwi­schen Neckar­ge­rach und Aglas­ter­hau­sen.

Ob­jek­te mit Ge­schich­te im Karls­ru­her Schloss

Es stell­te sich her­aus, dass die Ob­jek­te – und ei­ni­ge an­de­re – schon da­mals von den Karls­ru­her Fach­leu­ten er­fasst, in­ven­ta­ri­siert und in Zeich­nun­gen fest­ge­hal­ten wur­den. Aber merk­wür­di­ger­wei­se nie den Um­zug ins Mu­se­um an­tra­ten. Der fin­den­de und fin­di­ge Pfar­rer be­hielt sie ein­fach als „An­den­ken“an sei­ne Ent­de­ckung. Ja er über­mal­te sie so­gar, viel­leicht um ei­ne „Tarn­far­be“auf­zu­tra­gen? Im­mer mal wie­der, 1925, 1940, 1948 und spä­ter ging es zwi­schen Denk­mal­amt/Mu­se­um und Fa­mi­lie um die Rück­ga­be. Aber das „Durch­hal­te­ver­mö­gen“der Ke­ra­mi­ken, zu­erst in der Er­de seit der Hall­statt­zeit, dann im Pfarr­haus, wa­ren groß. Bis die Uren­ke­lin die Fund­sa­chen dem Mu­se­um über­ließ. Um sol­che „Ob­jek­te mit Ge­schich­te“dreht sich ei­ne Son­der­aus­stel­lung des Ba­di­schen Lan­des­mu­se­ums im Karls­ru­her Schloss. Des Pfar­rers Pöt­te sind ein Bei­spiel für die ku­rio­sen, manch­mal auch trau­ri­gen, wit­zi­gen oder ver­schlun­ge­nen We­ge, auf de­nen Din­ge ins Mu­se­um ge­lan­gen. Pro­vi­ni­en­z­for­schung heißt der Fach­be­griff, wenn nach der Her­kunft der Ex­po­na­te ge­fragt wird. Aus dem lässt sich aber auch ein Sta­tio­nen­rund­gang ma­chen. Ei­ner wie Di­plo­mat und Kunst­ken­ner Fried­rich Ma­ler dräng­te im 19. Jahr­hun­dert sei­ne Samm­lung von etrus­ki­schen Kunst­schät­zen den groß­her­zog­li­chen Samm­lun­gen ge­ra­de­zu auf – heu­te ist die Kol­lek­ti­on ei­ne der äl­tes­ten im Karls­ru­her Schloss. Echt oder nicht echt – die­se Fra­ge stellt sich bei vie­len Din­gen auf dem Kunst- und An­ti­ken­markt. Stam­men die drei klei­nen schö­nen nu­bi­schen Köp­fe wirk­lich aus der Zeit um 1300 vor Chris­tus? Oder hat sich das Ba­di­sche Lan­des­mu­se­um 1968 nicht aus dem Nach­lass des An­ti­ken­händ­lers As­la­ni­an be­dient, son­dern aus des­sen, in sei­nen An­fangs­jah­ren, exis­tie­ren­der Fäl­scher­werk­statt? Es gibt Be­den­ken über die Echt­heit, aber auch ent­las­ten­de Ar­gu­men­te. Die­ser Fall bleibt vor­erst un­ge­löst, an­de­re Sto­rys ha­ben An­fang und En­de. Zehn jun­ge Frau­en und ein jun­ger Mann, die Vo­lon­tä­re am BLM, al­so die Nach­wuchs­wisWo­her-Wo­hin sen­schaft­ler, ha­ben in den De­pots ge­forscht und 27 Ge­schich­ten samt Ob­jek­ten aus­ge­gra­ben. Die Epi­so­den hin­ter den Mu­se­ums­ku­lis­sen sind nicht im­mer spek­ta­ku­lär. Aber in ih­rer Viel­falt bil­den die Sto­rys den Zeit­geist in­mit­ten der Ge­sell­schafts­ge­schich­te seit fast 200 Jah­ren doch ab. Die Lie­be zum De­tail der Schwarz­wäl­der Hei­mat und der Nah­ost­kon­flikt ver­bin­den sich bei den Trach­ten­pup­pen der Samm­lung Sche­rer. Pup­pen mit Trach­ten ließ Gi­se­la Sche­rer aus Ohls­bach in den 1980er Jah­ren an­fer­ti­gen. Die her­vor­ra­gen­den Näh­ar­bei­ten von Bäue­rin­nen sind nun im Karls­ru­her Schloss in der Ba­den-Ab­tei­lung zu be­wun­dern. Trach­ten aus dem Ha­nau­er­land, aus Hau­sach, Gutach, Elz­ach und Wald­kirch sind en mi­nia­tu­re ei­ne Au­gen­wei­de. Das Geld aus dem Ver­kauf wert­vol­ler Samm­lungs­tei­le nutz­te Gi­se­la Sche­rer für den Frei­k­auf ei­nes pa­läs­ti­nen­si­schen Ge­fan­ge­nen aus is­rae­li­scher Haft.

Fo­to: Gold­sch­mitt/Mon­ta­ge SO

Die­se Trach­ten­pup­pen sind im Ba­di­schen Lan­des­mu­se­um ein Bei­spiel Hand­werks­kunst und Tra­di­ti­on aus dem Schwarz­wald. Klei­dung aus dem Ha­nau­er­land, aus dem Kin­zig- und Elz­tal ist mit Lie­be zum De­tail dar­ge­stellt. Wie die Pup­pen­samm­lung ins Mu­se­um ge­lang­te und was die frü­he­re Be­sit­ze­rin mit dem Er­lös mach­te, wird in der Aus­stel­lung „Ob­jek­te mit Ge­schich­te“als ei­nes von 27 Bei­spie­len na­he­ge­bracht. Fo­to: Gold­sch­mitt

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