Hin­auf zur Schnee­kop­pe

Gip­fel­sturm auf den höchs­ten Berg der Su­de­ten

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB -

Goe­the war schon da und Ger­hardt Haupt­mann auch. Mit­ten im Win­ter pfeift dem Wan­de­rer der Wind ins Ge­sicht, wäh­rend er lang­sam, Schritt für Schritt, nach oben steigt, hin­auf zum Gip­fel des gut 1600 Me­ter ho­hen Ber­ges. Wer die Schnee­kop­pe als Ers­ter be­zwun­gen hat, weiß man nicht. Der ers­te nach­weis­ba­re Gip­fel­sturm war im Jahr 1456. Da­mals wan­der­te ein ve­ne­zia­ni­scher Kauf­mann zur Spit­ze des Ber­ges. Ums Gip­fel­glück ging es ihm nicht, er war auf der Su­che nach Edel­stei­nen. Die Schnee­kop­pe liegt nur knapp 90 Ki­lo­me­ter von der deutsch-pol­ni­schen Gren­ze in Gör­litz ent­fernt. Vor der Wen­de zähl­te der Berg im Rie­sen­ge­bir­ge zu den be­lieb­tes­ten Aus­lands­rei­se­zie­len ost­deut­scher Tou­ris­ten, und auch heu­te stel­len die Deut­schen – aus Ost und West zu­sam­men­ge­zählt – in der Re­gi­on die wich­tigs­te aus­län­di­sche Be­su­cher­grup­pe. Die­sen Rang ha­ben sie von den Rus­sen zu­rück­er­obert, die in Fol­ge der Ukrai­ne­kri­se und dem da­mit ver­bun­de­nen Ver­fall des Ru­bels wie­der ver­mehrt im ei­ge­nen Land Ur­laub ma­chen. Der An­stieg hin­auf zum Gip­fel der Schnee­kop­pe ist lang und an­stren­gend, er­for­dert aber – zu­min­dest bei schö­nem Wet­ter – kei­ne be­son­de­ren berg­stei­ge­ri­schen Fä­hig­kei­ten. Wenn man es lang­sam an­ge­hen lässt, reicht auch ei­ne durch­schnitt­li­che Kon­di­ti­on. Im Win­ter kann das Wet­ter schnell wech­seln. Bei Ne­bel oder Schnee­trei­ben kommt man dann leicht vom Weg ab. Da ver­traut man sich bes­ser ei­nem Gui­de wie Pa­trycja Osci­ak an. Die jun­ge, sport­li­che Frau er­zählt von den tra­di­ti­ons­rei­chen We­gen. Denn frü­her sei man lie­ber über die Ber­ge ge­gan­gen als un­ten durch die Tä­ler. Der Räu­ber we­gen, die drun­ten auf die Rei­sen­den lau­er­ten. Mu­si­ka­lisch setz­te das der deut­sche Kom­po­nist Carl Ma­ria von We­ber um, der sich für sei- nen Frei­schütz vom Rie­sen­ge­bir­ge in­spi­rie­ren ließ. Nach knapp drei St­un­den er­reicht die klei­ne Grup­pe die Teich­bau­de. Hin­ter der Tür der auf 1195 Me­ter Hö­he ge­le­ge­nen Hüt­te re­giert Gra­zyz Zaleck. Wenn die 64-jäh­ri­ge Hüt­ten­wir­tin von Win­tern er­zählt, in de­nen man hier oben ein­ge­schneit und die Hüt­te bis zum ers­ten Stock im Schnee ver­sun­ken war, wird schnell klar, dass es hier rich­tig kalt wer­den kann. Vor dem Fens­ter liegt der Teich zu­ge­fro­ren in der Son­ne. Ein­zig der Wind, der ums Haus pfeift, schafft die Il­lu­si­on des gro­ßen Aben­teu­ers. Gra­zyz Zaleck ist ei­gent­lich Flach­län­de­rin, sie kommt von der Ost­see­küs­te, hilft aber den Be­sit­zern schon seit Jah­ren aus. Die Ein­sam­keit lie­be sie hier oben am meis­ten, sagt sie, und die ge­nie­ße sie vor al­lem, wenn schlech­tes Wet­ter die Wan­de­rer fern der Hüt­te hält. Nach der Pau­se schnal­len die Wan­de­rer die Schnee­schu­he wie­der un­ter die Fü­ße und stei­gen den Berg wei­ter hin­auf. Bis zur nächs­ten Hüt­te ist es nur ei­ne knap­pe hal­be St­un­de. In der Ham­pel­bau­de hat schon Goe­the über­nach­tet und nach ihm vie­le an­de­re, die den Son­nen­auf­gang auf der Spit­ze der Schnee­kop­pe er­le­ben woll­ten. Wer mit Schnee­schu­hen die Stre­cke auf den Gip­fel und zu­rück an ei­nem Tag schaf­fen will, muss früh auf­ste­hen und auf lan­ge Pau­sen wäh­rend des Wan­derns ver­zich­ten. Pa­trycja mahnt zur Ei­le und spannt sich für den End­an­stieg als Lo­ko­mo­ti­ve vor die Grup­pe. Der Schnee knirscht un­ter dem Plas­tik der Schnee­schu­he, der im­mer stär­ker we­hen­de Wind lässt die ge­fühl­te Tem­pe­ra­tur in den Kel­ler rau­schen. Da kommt auch die tap­fer schei­nen­de Win­ter­son­ne nicht da­ge­gen an. End­lich, ei­ne gu­te St­un­de spä­ter, ha­ben die Wan­de­rer ihn er­reicht – den Gip­fel, auf dem schon Goe­the und Haupt­mann stan­den.

An­stren­gen­des Ver­gnü­gen: Wer mit Schnee­schu­hen auf die Schnee­kop­pe möch­te, muss früh am Mor­gen star­ten. Fo­to. srt

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