Ne­pal: Neun Mo­na­te nach dem schwe­ren Erd­be­ben

Auch neun Mo­na­te nach der Ka­ta­stro­phe in Ne­pal sind die Aus­wir­kun­gen noch sicht­bar

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SITE - Nat­ha­lie Klüver

Vor neun Mo­na­ten, am 25. April 2015, beb­te in Ne­pal die Er­de. Das Erd­be­ben und die star­ke Nach­be­ben An­fang Mai zer­stör­ten wei­te Tei­le des Lan­des im Hi­ma­la­ya. Vie­le Men­schen ver­lo­ren al­les: ih­re Häu­ser, ih­re Mö­bel, ihr ge­sam­tes Hab und Gut. Bau­ern ver­lo­ren ih­re Tie­re, ihr Saat­gut, ih­re Vor­rä­te. Vie­le Fa­mi­li­en stan­den vor dem Nichts. Und das kurz vor dem Mon­sun, der je­des Jahr im Ju­ni in dem süd­asia­ti­schen Land ein­setzt und star­ke Re­gen­fäl­le bringt. 180 000 Men­schen ver­lo­ren al­les, ein­fach al­les. Bei dem Be­ben und den Nach­be­ben, die in den Wo­chen da­nach das Land er­schüt­ter­ten, star­ben fast 9 000 Men­schen. Auch heu­te, ein drei­vier­tel Jahr spä­ter, le­ben vie­le Men­schen im­mer noch in Not­un­ter­künf­ten, weil ih­re Dör­fer noch nicht wie­der auf­ge­baut sind. Die 13-Jäh­ri­ge Man­ju lebt mit ih­ren El­tern in ei­nem Berg­dorf na­he Dol­ak­ha und er­in­nert sich gut an die Ka­ta­s­tro- phe: „Ich hat­te gro­ße Angst, als die Er­de plötz­lich zu be­ben be­gann. Ich wuss­te über­haupt nicht, was mit mir ge­schah. Spä­ter ha­be ich mir Sor­gen ge­macht, dass ich nicht mehr zur Schu­le ge­hen konn­te. Ich dach­te, dass ich nie wie­der et­was Sinn­vol­les wür­de ma­chen kön­nen.“Auch wenn es in Ne­pal häu­fig Erd­be­ben gibt – so ein star­kes Erd­be­ben hat­ten die Men­schen noch nie ge­se­hen. Man­jus El­tern­haus war kom­plett zer­stört, kein St­ein stand mehr auf dem an­de­ren, so wie die an­de­ren Häu­ser in ih­rem Dorf. Auch ih­re Schu­le, das mas­sivs­te und größ­te Haus in dem Dorf, droh­te ein­zu­stür­zen. Die Mau­ern hat­ten gro­ße Ris­se. Das Kin­der­hilfs­werk Plan In­ter­na­tio­nal bau­te kurz nach dem Erd­be­ben Zel­te und ein­fa­che Ge­bäu­de aus Bam­bus, Holz und Zelt­pla­nen, um den Men­schen ein vor­über­ge­hen­des Zu­hau­se und Schutz zu ge­ben. Auch die Schu­le wur­de so ge­baut. Ein­fach – aber erd­be­ben­si­cher. Ein Ge­bäu- de, das für den Über­gang hel­fen soll, dass die Kin­der wie­der zur Schu­le ge­hen kön­nen. Und ein we­nig Nor­ma­li­tät und All­tag in ihr Le­ben zu­rück­kommt. In ganz Ne­pal wa­ren 35 000 Klas­sen­räu­me zer­stört. Man­jus Leh­rer Tri­tha er­in­nert sich: „An­fangs hat­ten die Kin­der gro­ße Ängs­te, sich in der Schu­le auf­zu­hal­ten. Sie be­fürch­te­ten, dass ein neu­es Erd­be­ben kom­men und die Wän­de zum Ein­stür­zen brin­gen wür­de.“Vie­le Kin­der ka­men aus Angst gar nicht mehr zum Un­ter­richt. Erst als die neue Schu­le fer­tig war, wur­de es all­mäh­lich bes­ser. „Heu­te kom­men die Kin­der ger­ne her und freu­en sich wie­der auf den Un­ter­richt“, sagt der Leh­rer. Auch Man­ju ist froh, dass sie wie­der zum Un­ter­richt in die Schu­le gleich auf der an­de­ren Fluss­sei­te ge­hen kann: „Ich möch­te ei­ne bes­se­re Zu­kunft ha­ben. Es sind oft nur die Män­ner, die Re­spekt bei uns be­kom­men, Mäd­chen und Frau­en nicht.“Dass Mäd­chen bei ih­rem Schul­be­such un­ter­stützt wer­den, ist in Ne­pal nicht selbst­ver­ständ­lich. Auch Man­jus El­tern Shan­ta und Dil wa­ren nicht im­mer da­von über­zeugt, dass ih­re Toch­ter ei­ne Schu­le be­su­chen soll­te. Shan­ta, Man­jus Mut­ter, durf­te sel­ber nie ler­nen: „Un­se­re El­tern wa­ren ein­fa­che und un­ge­bil­de­te Men­schen. Sie ha­ben ge­sagt, dass ein Mäd­chen kei­nen Nut­zen von der Schu­le hat. Des­halb sind wir auch so ge­wor­den, wie wir heu­te sind.“Heu­te sieht sie es an­ders: „So groß un­se­re Not nun auch ist, wir müs­sen al­les da­für tun, dass un­se­re Kin­der zur Schu­le ge­hen. Dann kön­nen sie spä­ter ei­ne gu­te Ar­beit fin­den und müs­sen nicht Hilfs­ar­bei­ten ver­rich­ten so wie wir.“Man­jus El­tern sind Land­ar­bei­ter. Sie be­sit­zen ein klei­nes Stück Land, das meis­te, was sie ern­ten, be­nö­ti­gen sie selbst, nur we­nig kön­nen sie ver­kau­fen. Durch das Erd­be­ben hat­te die Fa­mi­lie nicht nur das Haus, son­dern auch al­le Tie­re ver­lo­ren. Man­jus Va­ter Dil wur­de nach dem Erd­be­ben eben­falls von der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Plan un­ter­stützt. Er half zu­sam­men mit an­de­ren Män­nern da­bei, die Hän­ge­brü­cke über den Fluss, der das Dorf in zwei Tei­le teilt, wie­der auf­zu­bau­en. Der Mon­sun in den Som­mer­mo­na­ten mit sei­nen Erd­rut­schen ist über­stan­den. Doch vie­le Ern­ten wur­den ver­nich­tet – so dass im­mer noch vie­le Men­schen nicht ge­nug zu es­sen ha­ben. Nun steht den Men­schen ei­ne neue Her­aus­for­de­rung be­vor: Die kal­ten Win­ter­mo­na­te. Nach Unicef-Schät­zun­gen sind rund 400000 Men­schen noch nicht rich­tig auf die Käl­te vor­be­rei­tet, da die meis­ten Not­un­ter­künf­te nicht win­ter­fest sind. Für die Men­schen und Hel­fer in der Re­gi­on gibt es noch viel zu tun, um das Land, das schon vor dem Erd­be­ben ei­nes der ärms­ten der Welt war, wie­der auf­zu­bau­en. Doch die Men­schen in Ne­pal ha­ben ih­ren Mut nicht ver­lo­ren. So wie Man­ju und ih­re Fa­mi­lie. Man­ju hat Plä­ne für ih­re Zu­kunft:

Ler­nen ist ihr wich­tig. Denn sie möch­te ein­mal Jour­na­lis­tin wer­den. „Ich möch­te Ar­ti­kel schrei­ben und da­mit an­de­re El­tern über­zeu­gen, dass auch sie ih­re Töch­ter zur Schu­le schi­cken sol­len, denn wir Mäd­chen wol­len die Zu­kunft von Ne­pal mit­ge­stal­ten“, sagt sie mit fes­ter Stim­me.

Vor neun Mo­na­ten gab es in Ne­pal ein schwe­res Erd­be­ben. Die 13-Jäh­ri­ge Man­ju lebt mit ih­ren El­tern in ei­nem Berg­dorf na­he Dol­ak­ha und er­in­nert sich gut an die Ka­ta­stro­phe. In­zwi­schen kann sie wie­der zur Schu­le ge­hen.

Fo­tos: Plan In­ter­na­tio­nal

Hier se­hen wir Man­ju in der Schu­le. Sie sagt: „Ich möch­te ei­ne bes­se­re Zu­kunft ha­ben. Es sind oft nur die Män­ner, die Re­spekt bei uns be­kom­men, Mäd­chen und Frau­en nicht.“

So sah die Schu­le, das mas­sivs­te und größ­te Haus in dem Dorf, nach dem Erd­be­ben aus. In Ne­pal wur­den ins­ge­samt rund 35 000 Klas­sen­räu­me zer­stört.

Be­vor die Schu­len wie­der neu ge­baut wur­den, fand der Un­ter­richt in Zel­ten wie die­sem statt. Vie­le Men­schen le­ben noch heu­te in Not­un­ter­künf­ten.

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