„Herr Pfle­ger“war der Chef­arzt

An­ek­do­ten aus Karls­ru­hes Stadt­ver­wal­tung

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Tho­mas Liebs­cher

Bei der Stadt­ver­wal­tung Karls­ru­he war in den 1960er Jah­ren Erich Schwan­der der per­sön­li­che Chauf­feur ei­nes Bür­ger­meis­ters. Die­ser Chef, Paul Hu­go Jahn, galt als nicht ganz ein­fach. Nach ei­ni­gen Jah­ren stimm­te es zwi­schen Fah­rer und sei­nem „Be­för­de­rungs­ob­jekt“nicht mehr. Schwan­der wur­de ver­setzt, zum Tief­bau­amt, Ab­tei­lung Müll­ab­fuhr. Ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter wur­de der Ex-Chauf­feur von sei­nen Kol­le­gen der Fahr­be­reit­schaft ge­fragt, wie es ihm nun ge­he. Schwan­der ant­wor­te­te tro­cken: „Oh, mir geht es gut. Und ich se­he über­haupt kei­nen Un­ter­schied, ob ich Bür­ger­meis­ter oder Müll­ei­mer trans­por­tie­re.“Sol­che klei­nen, le­gen­dä­ren Ge­schich­ten aus der Ar­beits­welt, von den skur­ri­len Chefs und den schlag­fer­ti­gen klei­nen Leu­ten, wer­den in je­der grö­ße­ren Fir­ma, die ei­ni­ge Jahr­zehn­te be­steht, wei­ter­erzählt. Aber wer sam­melt die Sto­rys und schreibt sie auf? Oft fehlt die Per­son, die so et­was macht oder da­für auch die Zeit hat. Dass sich öf­fent­li­che Ver­wal­tun­gen als durch­aus er­gie­big nicht nur im Aus­stoß von Ak­ten, son­dern auch von An­ek­do­ten er­wei­sen, zeigt ei­ne ein­drucks­vol­le Samm­lung von Ot­to Vel­ten. Der frü­he­re Karls­ru­her Ver­wal­tungs­di­rek­tor hat fest­ge­hal­ten, was er aus den Rat­häu­sern und Di­enst­stel­len der Fä­cher­stadt er­fuhr. So soll einst ein Be­su­cher im C-Bau des Städ­ti­schen Kli­ni­kums ver­zwei­felt ein wich­ti­ges Ört­chen ge­sucht ha­ben. Schließ­lich fand er ei­nen Mit­ar­bei­ter im wei­ßen Kit­tel und frag­te: „Herr Pfle­ger, wo fin­de ich denn ei­ne Toi­let­te?“Der An­ge­spro­che­ne gab grum­melnd Aus­kunft und ha­be an­schlie­ßend an­ge­ord­net, das al­le Mit­ar­bei­ter Na­mens­schil­der tra­gen soll­ten. Denn der „Herr Pfle­ger“war kein an­de­rer als Pro­fes­sor Kurt Sp­ohn, Di­rek­tor und Chef­arzt der Chir­ur­gie. Um ho­he Be­am­te, die gro­ßen Wert auf an­ge­mes­se­ne Be­hand­lung und von klei­nen An­ge­stell­ten, die cle­ver das Bes­te aus an­stren­gen­den Schreib­tisch-Tä­tig­kei­ten ma­chen, er­zäh­len vie­le Ge­schich­ten im Buch „Un­ser Bür­ger­meis­ter im Bor­dell“. Es han­delt sich da­bei um den an­ek­do­ti­schen Nach­lass von Ot­to Vel­ten, der 2012 über­ra­schend starb. So er­leb­te er lei­der nicht mehr mit, wie 2015 der Nach­fol­ge­band von „Des Bür­ger­meis­ters Schu­he“er­schien. Sei­ne Frau, Bär­bel Ma­lis­ke-Vel­ten, hat ihn her­aus­ge­ge­ben und wie­der von Diet­mar Kup il­lus­trie­ren las­sen. Nun kön­nen sol­che „wah­ren Er­eig­nis­se“, wenn sie ans Licht der Öf­fent­lich­keit ge­lan­gen, leicht Är­ger ein­han­deln. Denn man­ches Kli­schee vom ge­müt­li­chen, be­que­men öf­fent­li­chen Di­enst wird dort be­stä­tigt. Von Sex­fil­men im Schlacht­hof und frü­her „dienst­stun­de­lang“skat­spie­len­den Rech­nungs­amts­leu­ten er­fährt man. Und ein nicht schlecht be­sol­de­ter Amts­lei­ter hat­te es nö­tig, sich als Pen­sio­när die einst pri­vat auf­ge­ho­be­nen „Di­enst­un­ter­hem­den Fein­ripp“beim frü­he­ren „Di­enst­klei­der­ver­wal­ter“ge­gen neue Wä­sche in nun pas­sen­der um­tau­schen zu las­sen. In die­sem Fall hat Ot­to Vel­ten na­tür­lich nicht den Na­men des Amts­lei­ters ge­nannt. In den meis­ten an­de­ren Ge­schich­ten blei­ben die Haupt­ak­teu­re je­doch nicht ver­bor­gen, „denn mein Mann hat al­les je­weils mit den Be­trof­fe­nen ab­ge­stimmt und ihr Ein­ver­ständ­nis ein­ge­holt“, be­rich­tet Bär­bel Ma­lis­ke-Vel­ten. Al­so er­fah­ren wir, dass ei­ne jun­ge Frau im Schreib­dienst, In­ge­borg Stöt­zer, 1960 plötz­lich ins Haus Solms, dem Gäste­haus der Stadt, ge­schickt wur­de, um ein Dik­tat von OB Gün­ther Klotz auf­zu­neh­men. Nur war nie­mand im Haus Solms. Das ge­schah an ei­nem 1. April. Ur­he­ber war Karl Geck. 13 Jah­re spä­ter, die Frau hieß in­zwi­schen Done­cker und ar­bei­te­te im Vor­zim­mer von OB Ot­to Dul­len­kopf, bat sie den Ko­or­di­na­tor Geck ins Rat­haus. Wie­der ver­geb­lich. Es han­del­te sich um ei­nen Gag, na­tür­lich wie­der an ei­nem 1. April. Scherz, Iro­nie und er­freu­li­cher­wei­se manch tie­fe­re Be­deu­tung trans­por­tiert Vel­ten. Er er­zählt von Auf­stiegs­ge­scha­che­re, nicht ge­wähl­ten Bür­ger­meis­tern, Par­tei-In­tri­gen und auch mal von Fehl­leis­tun­gen und Skan­dälGrö­ße chen von füh­ren­den Ver­wal­tungs-Köp­fen zwi­schen 1946 und 2010. Auch man­che BNNBe­richt­er­stat­tung führ­te ihn auf neue hei­te­re Spu­ren. Der Au­tor selbst war en­ger Mit­ar­bei­ter der Bür­ger­meis­ter Horst Reh­ber­ger (FDP) und Ull­rich Ei­den­mül­ler (FDP). So er­klärt sich auch, dass der Li­be­ra­le Vel­ten sei­nen früh­ren Chef Ei­den­mül­ler in den Buch­ti­tel brach­te. Er war der „Bür­ger­meis­ter im Bor­dell“und führ­te selbst 2007 je­ne „Kampf­trup­pe“, die das Haus „La Bel­le“in Dur­lach auf­brach, um das trick­reich ver­tei­dig­te, aber ver­bo­te­ne Trei­ben dort zu un­ter­bin­den. Schon Vel­tens Büch­lein „Des Bür­ger­meis­ter Schu­he“han­del­te in der Ti­tel­ge­schich­te von Ei­den­mül­ler, der bei ei­nem Ter­min mit zwei ver­schie­de­nen Schu­hen auf­trat. Lei­der ist die­ser ers­te – von OB Ger­hard Sei­ler an­ge­reg­te – An­ek­do­ten­band aus dem Jahr 2005 ver­grif­fen. Ei­ne Neu­auf­la­ge wä­re wün­schens­wert, denn die frü­he­re Samm­lung quoll über von Spit­zen-Ge­schich­ten. Sie ver­sam­mel­te ein „Best of Rat­haus“. Im Nach­fol­ge­band wä­re we­ni­ger mehr ge­we­sen. Zahl­rei­che der 150 Epi­so­den rund um den „Bür­ger­meis­ter im Bor­dell“sind zu lang ge­ra­ten oder im Kern we­nig un­ter­hal­tend. Wenn sich SPD-Stadt­rä­tin­nen über Ein­weg­ge­schirr bei ei­ner Feu­er­wehr-Fei­er be­schwe­ren, muss die­ses nor­ma­le kom­mu­nal­po­li­ti­sches Han­deln nicht mit er­ho­be­nem Zei­ge­fin­ger kom­men­tiert wer­den. Wett­ge­macht wird sol­che Ab­schwei­fung durch wert­vol­le his­to­ri­sche Ein­bli­cke, gera­de in die An­fän­ge der Ver­wal­tung nach 1945. Samm­ler Vel­ten be­rich­tet auch von sich selbst. So agier­te er als Jä­ger und ver­trieb vor der Er­öff­nung des ZKM höchst­per­sön­lich die Wild­tau­ben im Hal­len­bau A. Der loya­le Be­am­te hat­te den sym­pa­thisch-kri­ti­schen Blick auf sei­ne Bran­che und lässt uns hin­ter die Ku­lis­sen der Amts­stu­ben bli­cken. Und die Ach­tung vor dem un­er­müd­li­chen Pflicht­be­wusst­sein ei­nes Staats­die­ners steigt doch gleich, wenn man von der Frau ei­nes frü­he­ren städ­ti­schen Schlacht­hofChefs er­fährt, wie sie und ihr Mann ei­nen 14-tä­gi­gen Ur­laub in Deutsch­lands Nor­den ver­brach­ten: Mit der aus­gie­bi­gen Be­sich­ti­gung von zwölf an­de­ren Schlacht­hö­fen, um An­re­gun­gen für Um­bau­ten in Karls­ru­he ein­zu­ho­len Ot­to Vel­ten, Un­ser Bür­ger­meis­ter im Bor­dell. Noch mehr Hei­te­res, Be­sinn­li­ches und Un­glaub­li­ches aus dem Karls­ru­her Rat­haus, 392 Sei­ten, Lin­de­manns Bi­b­lio­thek, 19, 80 Euro.

Fo­to: Ar­tis

Was im Karls­ru­her Rat­haus und an­de­ren städ­ti­schen Stel­len an Hei­te­rem oder Un­glaub­li­chem pas­sie­ren konn­te, er­fährt man aus der An­ek­do­ten­samm­lung „Un­ser Bür­ger­meis­ter im Bor­dell“. Das noch von Ot­to Vel­ten zu­sam­men­ge­stell­te Buch wur­de post­hum von sei­ner Frau Bär­bel Ma­lis­ke-Vel­ten her­aus­ge­ge­ben.

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