Das et­was an­de­re Mu­se­um

Ein­bli­cke in die Psych­ia­trie-Ge­schich­te

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Kath­rin Kö­nig

Man ver­lässt das Il­len­au Ar­ka­den Mu­se­um in­ner­lich ver­än­dert. Der im­po­san­te Ge­bäu­de­kom­plex, zu dem das Mu­se­um ge­hört, und die weit­läu­fi­gen Park­an­la­gen ha­ben sich im Geist mit Le­ben ge­füllt. Schö­ne wie auch furcht­ba­re Sze­nen sind vor dem in­ne­ren Au­ge ent­stan­den: Psy­chisch kran­ke Men­schen, die mu­si­zie­ren, ma­len, Thea­ter spie­len. Geis­tes­kran­ke Men­schen aber auch, die auf ab­sur­de Wei­se ge­quält wer­den – schlicht­weg, weil die Ärz­te We­ge der Hei­lung für sie su­chen: Über ei­ne Ba­de­wan­ne zum Bei­spiel wird ein Brett ge­legt, um sie in kal­tes Was­ser zu zwin­gen. Bil­der von Pa­ti­en­ten, die – je nach So­zi­al­sta­tus – zen­tral bei der Kir­che in Ein­zel­zim­mern oder aber zu meh­re­ren in den Zim­mern der Au­ßen­flü­gel un­ter­ge­bracht wer­den. Bil­der von bis zu 260 geis­tes­kran­ken Men­schen, die 1940 ab­trans­por­tiert wer­den und ängst­lich fra­gen: „Wo­hin bringt ihr uns?“, als ahn­ten sie ih­re Er­mor­dung vor­aus. In die­se Bil­der der frü­he­ren Pfle­ge- und Heil­an­stalt mischt sich das ima­gi­nä­re Ge­läch­ter von Mäd­chen aus Süd­ti­rol, für die die Il­len­au nach 1940 zum In­ter­nat um­funk­tio­niert wur­de; Mäd­chen aus Po­len im an­de­ren Trakt wa­ren – un­frei­wil­lig – zur „Ger­ma­ni­sie­rung“nach Deutsch­land ge­bracht wor­den. Spä­ter die fran­zö­si­sche Be­sat­zung, dann die Um­nut­zung der Ge­bäu­de et­wa für das ört­li­che Rat­haus, und: seit 2012 der Bau des Mu­se­ums, das An­fang die­ses Jah­res of­fi­zi­ell er­öff­net wur­de. Die Ge­schich­te der „Ir­ren­an­stalt“mit all ih­ren Idea­len, Wi­der­sprü­chen und Hoff­nun­gen be­gann 1842: Erst­mals wur­den psy­chi­sche Krank­hei­ten hier als sol­che (und so­mit als the­ra­pier­bar) an­er­kannt, lan­ge Zeit gal­ten die me­di­zi­ni­schen Er­kennt­nis­se ih­rer Ärz­te als mo­dern und in­ter­na­tio­nal maß­ge­bend. In ge­wis­ser Wei­se ist die His­to­rie die­ser „Mus­ter­an­stalt“, die im Groß­her­zog­tum Ba­den auch mit­hil­fe groß­zü­gi­ger Geld­ge­ber er­rich­tet und er­hal­ten wur­de, noch lan­ge nicht zu En­de: Sie lebt in der Ge­gen­wart fort, und dies ist auch dem För­der­kreis Fo­rum Il­len­au zu ver­dan­ken, der schon vor zwei Jahr­zehn­ten die Idee ei­nes Mu­se­ums ent­wi­ckel­te und 2011 in die kon­kre­te Pla­nung ging. Zwei Vor­stands­mit­glie­der des För­der­krei­ses, Jür­gen Franck und Flo­ri­an Hof­meis­ter, er­zäh­len von Ent­ste­hung und Kon­zept. Franck ist als Mu­se­ums­füh­rer tä­tig, Hof­meis­ter für die gra­fi­sche Gestal­tung der Räu­me ver­ant­wort­lich. Ein Aspekt ist bei­den über­aus wich­tig: „Dies wä­re nie mög­lich ge­we­sen oh­ne das En­ga­ge­ment Acher­ner Bür­ger.“Die­se hät­ten sich auf der ei­nen Sei­te fi­nan­zi­ell an dem Pro­jekt be­tei­ligt: Durch zahl­rei­che Ak­tio­nen des För­der­krei­ses und groß­zü­gi­ge Spen­den von Pri­vat­leu­ten und Fir­men wur­den rund 570 000 Euro er­wirt­schaf­tet (die ver­blei­ben­den 50 Pro­zent der Kos­ten über­nahm das Land). Hof­meis­ter: „We­sent­lich ist aber, dass die Men­schen hier ihr enor­mes Po­ten­zi­al ein­brach­ten und ein­brin­gen, von his­to­ri­schem Wis­sen über per­sön­li­che Er­in­ne­run­gen an die letz­ten An­stalts­jah­re bis hin zu Schen­kun­gen und hand­werk­li­chem Ein­satz.“Un­ter­stützt wor­den sei das Pro­jekt zu­dem durch das Stadt­ar­chiv. Der Ein­satz hat sich ge­lohnt: Seit sei­ner Er­öff­nung ist das Mu­se­um ein Be­su­cher­ma­gnet. Über 100 Füh­run­gen wur­den seit der Er­öff­nung durch­ge­führt. Ziel ist nicht nur, die Er­in­ne­rung wach­zu­hal­ten: „Wir möch­ten gera­de jun­ge Men­schen für je­ne sen­si­bi­li­sie­ren, die ‚an­ders‘ sind“, sagt Franck. Zum Kon­zept ge­hört auch aus die­sem

Bür­ger en­ga­gie­ren sich für die Il­len­au in Achern

Grund ein Bis­tro, zum Mu­se­ums­be­reich hin of­fen, in dem Men­schen mit Han­di­caps (von der Le­bens­hil­fe) an­ge­stellt sind. Das Mu­se­um be­steht aus zwei Eta­gen: Im un­te­ren, vor­wie­gend in in­ten­si­vem Rot ge­hal­te­nen Be­reich wird über Ex­po­na­te wie ei­ne über­di­men­sio­na­le Schöpf­kel­le, die auf den Aut­ar­kie-Ge­dan­ken der An­stalt hin­weist, über Schlüs­sel oder auch Be­steck, il­lus­trier­te In­fo-Ta­feln mit kur­zen Tex­ten so­wie Fil­me ein Ein­druck von dem ver­mit­telt, was die Il­len­au einst war, in­klu­si­ve „16 Me­ter Di­rek­to­ren“(Hof­meis­ter), de­ren Vi­ta, Por­traits und The­ra­pie­me­tho­den auf­ge­zeigt wer­den. Ei­ne nach­ge­stell­te Ton­auf­nah­me er­mög­licht, ein Lied zu hö­ren, wie es da­mals hier wohl ge­sun­gen wur­de. Be­son­ders be­ein­dru­ckend sind aber die Bil­der von psy­chisch kran­ken Künst­lern, die zeit­wei­se in die Il­len­au ein­ge­wie­sen wor­den wa­ren: Carl Sand­haas et­wa oder Franz Karl Büh­ler zeich­ne­ten mit be­rüh­ren­der Aus­drucks­kraft auch ih­re psy­chisch kran­ken Mit­be­woh­ner (die Bil­der stam­men aus der Samm­lung Prinz­horn). Die zwei­te Eta­ge ist auch vi­su­ell ab­ge­grenzt: Hof­meis­ter wähl­te flam­men­des Oran­ge, um den Weg der Pa­ti­en­ten in den Tod und die wir­ren Fol­ge­jah­re farb­lich zu be­glei­ten. Ein be­klem­men­der, düs­te­rer Ge­denk­raum er­in­nert an die Men­schen, die die Il­len­au ver­las­sen muss­ten: Ihr Le­ben wur­de von den Na­zis als „un­wer­tes Le­ben“er­ach­tet. Hans Ro­emer üb­ri­gens, der in der NS-Zeit zu­nächst noch Di­rek­tor der An­stalt war, hat­te sich ge­wei­gert, die Be­woh­ner in den Tod zu schi­cken: „Ich las­se mich nicht zum Mör­der der mir an­ver­trau­ten Pa­ti­en­ten ma­chen“, wird er zi­tiert. Ro­emer wur­de durch ei­nen NS-treu­en Arzt er­setzt, als „Di­rek­tor“möch­te Franck die­sen in­des nicht gel­ten las­sen. Oben be­fin­den sich auch ein Vor­trags­raum so­wie Mo­ni­to­re mit In­ter­net­an­schluss: Über das mu­se­um­s­ei­ge­ne Ma­te­ri­al hin­aus sol­len ins­be­son­de­re Schü­ler die Op­ti­on ha­ben, zu for­schen und zu re­cher­chie­ren. Die letz­ten Kriegs­jah­re und die Be­sat­zungs­zeit mün­den hier üb­ri­gens in ein fried­li­ches Grün, das Bil­der der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit um­rahmt, auch Fo­tos von För­der­kreisMit­glie­dern bei der Ar­beit. Durch die gro­ßen Fens­ter des Mu­se­ums scheint der­weil warm die Son­ne: Der Mor­gen­ne­bel ist ge­wi­chen.

Klein, aber be­ein­dru­ckend und ge­stal­te­risch durch­dacht: Das Il­len­au Ar­ka­den Mu­se­um in Achern. Die Il­len­au in Achern war von 1842 bis zur Auf­lö­sung durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1940 ei­ne Heil- und Pfle­ge­an­stalt für die Be­hand­lung psy­chisch kran­ker Men­schen. Fo­tos: Kath­rin Kö­nig

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.