Zwei när­ri­sche Tra­di­tio­nen

Bei „Ho-Nar­ro“und „Ahoi“ge­hen die Meinungen aus­ein­an­der: Wie man im Süd­wes­ten fei­ert

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Die ei­nen schun­keln zur Mu­sik der Mot­to­wa­gen, die an­de­ren sprin­gen mit Häs und Mas­ke in den Gas­sen: Durch Ba­den-Würt­tem­berg ver­läuft wäh­rend der fünf­ten Jah­res­zeit ei­ne un­sicht­ba­re Gren­ze. In Kon­stanz ruft man „Ho-Nar­ro“, in Mann­heim „ Ahoi“– an der schwä­bi­scha­le­man­ni­schen Fast­nacht im Sü­den und dem Kar­ne­val im Nor­den schei­den sich die Geis­ter. Da­bei ist das gar kein Wi­der­spruch, sagt der Volks­kund­ler Wer­ner Mez­ger. „Das sind zwei ver­schie­de­ne Er­schei­nungs­for­men ein und des­sel­ben Phä­no­mens.“Um zu ver­ste­hen, war­um sich die bei­den Tra­di­tio­nen so un­ter­schied­lich ent­wi­ckelt ha­ben, muss man ei­ni­ge Jah­re zu­rück­ge­hen: En­de des 18. Jahr­hun­derts steck­te das Brauch­tum der Fast­nacht in ei­ner Kri­se – es galt auf­grund der Auf­klä­rung als nicht mehr zeit­ge­mäß. Ei­ne Grup­pe Köl­ner woll­te sich mit dem Aus des Fast­nachts­trei­bens aber nicht ab­fin­den: Sie ta­ten sich zu­sam­men, um die Bräu­che des „Fa­s­tel­ovend“zu er­hal­ten und zu er­neu­ern. Die neu ent­wi­ckel­te Art des Fast­nachts­trei­bens nann­ten sie Kar­ne­val. „Das war die Ge­burts­stun­de der bis heu­te üb­li­chen rhei­ni­schen Au­s­prä­gung der när­ri­schen Ta­ge“, sagt Mez­ger. 1823 zog das ers­te Mal der „Held Kar­ne­val“in die Dom­stadt ein. Und das Köl­ner Bei­spiel mach­te Schu­le – auch im deut­schen Süd­wes­ten ha­be es ei­ne un­glaub­li­che Strahl­kraft ent­wi­ckelt, sagt Mez­ger. Im 19. Jahr­hun­dert sei et­wa auch in Kon­stanz und Rott­weil Kar­ne­val ge­fei­ert wor­den. In Karls­ru­he ka­men in den 1830er Jah­ren von bür­ger­li­chen Ver­ei­nen ver­an­stal­te­te Mas­ken­bäl­le und Saal­um­zü­ge in Mo­de. Den ers­ten Karls­ru­her Stra­ßen­um­zug gab es vor 175 Jah­ren: Da­mals ging die 1835 ge­grün­de­te „Ge­sell­schaft Ein­tracht“mit ih­rem zu­nächst nur in­tern ge­zeig­ten Um­zug spon­tan auf die Stra­ße – und fand bei den Freun­den harm­lo­ser Hei­ter­keit viel Bei­fall, wie man in der Karls­ru­her Zei­tung le­sen konn­te. Ne­ben Fast­nachts­fi­gu­ren wie dem Har­le­kin tra­ten un­ter an­de­rem die Jungfrau von Or­leans, Wal­len­stein und Na­po­le­on mit sei­ner Gar­de auf – die fünf­te Jah­res­zeit stand in der Fä­cher­stadt zu­nächst in der Tra­di­ti­on der his­to­ri­schen Fe­st­um­zü­ge, er­läu­ter­te Pe­ter Pretsch, der Chef des Karls­ru­her Stadt­ar­chivs, in sei­nem 1995 er­schie­ne­nen Buch „Ge­öff­ne­tes Nar­ren-Tur­ney“. Das war wohl der Ha­ken: Der Kar­ne­val mit sei­nen gro­ßen The­men­um­zü­gen sei meist von bil­dungs­bür­ger­li­chen Schich­ten kon­zi­piert wor­den, sagt Volks­kund­ler Mez­ger. Oft mach­ten aka­de­misch ge­bil­de­te Ma­ler die Ent­wür­fe. Die klei­nen Leu­te, die zu­vor die Fast­nacht ge­tra­gen hat­ten, wa­ren vie­ler­orts nur noch Sta­tis­ten. Im schwä­bi­scha­le­man­ni­schen Raum kam es zu ei­ner Rück­be­sin­nung: „Die ein­fa­chen Leu­te ha­ben ge­sagt: Wir ho­len die al­ten Nar­ren­klei­der wie­der her­vor und fei­ern die Fast­nacht al­ten Stils, wie sie bis zum En­de des 18. Jahr­hun­derts üb­lich ge­we­sen war“, sagt Mez­ger. Und heu­te? Be­ein­flus­sen sich die bei­den For­men noch im­mer ge­gen­sei­tig. Zwar fin­det man in der schwä­bisch-ale­man­ni­schen Fast­nacht we­nig Mot­to­wä­gen und das Ko­s­tüm – „Häs“, „Hemd­le“oder „Kleid­le“ge­nannt – wird üb­li­cher­wei­se nicht ge­wech­selt. Die Nar­ren tra­gen „Lar­ven“oder „Sche­men“(Mas­ken) aus Holz, die kunst­voll ge­schnitzt sind und meist Fi­gu­ren aus der Dorf- und Stadt­ge­schich­te oder Fa­bel­we­sen und Tie­re ver­kör­pert. Al­ler­dings fin­den sich bei man­chen Zünf­ten kar­ne­val­es­ke „Res­te“, wie Mez­ger sagt; Gar­de­mäd­chen zum Bei­spiel oder Prin­zen­paa­re. So steht bei den Im­men­staa­der „Hen­nen­schlit­tern“am Bo­den­see je­des Jahr am „Sch­mot­zi­gen Dunsch­tig“– ei­nem Hö­he­punk­te der Fast­nacht – die Prin­zen­hoch­zeit an. „Das hat ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on bei uns“, sagt der dor­ti­ge Nar­ren­va­ter Wolf­gang Haas. „Wir hat­ten schon 1904 das ers­te Mal ei­nen Prinz Kar­ne­val.“Die ba­disch-pfäl­zi­sche Re­gi­on wird in der fünf­ten Jah­res­zeit so­gar zum re­gel­rech­ten Schmelz­tie­gel: Hier mi­schen sich ale­man­ni­sche und rheinische Fas­nacht­tra­di­tio­nen. Die Kur­pfalz sei qua­si der deut­sche „Nar­ren­äqua­tor“, sagt der Spre­cher der Ver­ei­ni­gung Ba­disch-Pfäl­zi­scher Kar­ne­vals­ver­ei­ne, Rai­ner Holz­hau­ser, in Mann­heim. Hier ge­be es ei­nen „herr­li­chen Nar­ren­misch­masch“: rheinische Fan­fa­ren­zü­ge und ale­man­ni­sche Gug­gen­mu­sik, Saal­fast­nacht und Stra­ßen­kar­ne­val, Nar­ren­kap­pen­trä­ger und Fast­nachts­he­xen. Das Ge­misch aus ver­schie­de­nen Kar­ne­valstra­di­tio­nen sei für die Re­gi­on ty­pisch, sagt Holz­hau­ser. Da kön­ne es durch­aus pas­sie­ren, dass ein Fan­fa­ren­zug den Auf­takt und Gug­gen­mu­sik den Ab­schluss ei­ner Prunk­sit­zung bil­de – was an­ders­wo völ­lig un­denk­bar wä­re. Kar­ne­va­lis­tisch ge­se­hen sei die Re­gi­on zwi­schen Süd­hes­sen, Nord­ba­den und der West­pfalz Nie­mands­land. „Je­der, der et­was aus­pro­bie­ren will, be­kommt hier sei­ne Chan­ce“, sagt Holz­hau­ser. Die ur­sprüng­lich aus dem Schwarz­wald und dem Ale­man­ni­schen stam­men­den He­xen­zünf­te et­wa gibt es längst auch in der Pfalz und Nord­ba­den. Mitt­ler­wei­le ha­be der Verband so­gar ei­nen Zunft­meis­ter, der über das Trei­ben der Fast­nachts­he­xen wa­che. Ty­pisch für den rhei­ni­schen Kar­ne­val sei­en Saal­fast­nach­ten, wie man sie et­wa in Mann­heim, Ho­cken­heim und Hei­del­berg, aber auch in Karls­ru­he liebt. Als Hoch­bur­gen der Wei­ber­fast­nacht gel­ten Ketsch und Ober­hau­sen-Rhein­hau­sen. „Da brennt der As­phalt“, sagt Holz­hau­ser. Schlip­se ab­schnei­den ha­be aber auch an­ders­wo in Nord­ba­den und in der Pfalz Tra­di­ti­on. „Es hat auch schon teu­re Sei­den­kra­wat­ten ge­trof­fen“, warnt der Ver­eins­spre­cher schmun­zelnd vor dem kom­men­den Don­ners­tag.

Nord­ba­den ist ein Schmelz­tie­gel

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