Fun­ken­feu­er im All­gäu

In den Hör­ner­dör­fern sind Tra­di­tio­nen le­ben­dig

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaue - Ul­rich Traub

Schon früh am Mor­gen sor­gen knat­tern­de Tre­cker da­für, dass der Ur­lau­ber nicht zum Lang­schlä­fer wird. Ge­mäch­lich zu­ckeln sie mit ih­ren mit Holz­stäm­men, Äs­ten und Tan­nen­bäu­men be­la­de­nen An­hän­gern zu ei­ner Alm ober­halb des Dor­fes. Dort wird das Holz ent­la­den und von jun­gen Bur­schen zu ei­ner statt­li­chen Py­ra­mi­de auf­ge­schich­tet. Was hat das zu be­deu­ten? Die Ant­wort weiß Ge­org Larsch. Der Hei­mat­pfle­ger aus Fi­schen im All­gäu er­klärt, dass es sich um die Vor­be­rei­tun­gen zu ei­nem ur­al­ten Brauch han­de­le „und der ist in un­se­rer Ge­gend noch weit ver­brei­tet“. Die Wur­zeln lä­gen in der Zeit der Kel­ten, vor rund 2 000 Jah­ren. „Mit gro­ßen Feu­ern woll­ten un­se­re Vor­fah­ren den Win­ter ver­trei­ben“, führt Larsch aus. Die Holz­py­ra­mi­de, der so ge­nann­te Fun­ke, wer­de nach Ein­bruch der Dun­kel­heit an­ge­zün­det. „ Aber erst, wenn die He­xe oben­drauf sitzt. Die ist das Sym­bol für den Win­ter.“Um die­se Pup­pe wird aber seit Lan­gem ge­strit­ten. Doch der Rei­he nach. Denn es steckt schon ei­ne gan­ze Men­ge Ar­beit hin­ter ei­nem sol­chen Fun­ken, der stets am ers­ten Sonn­tag der Fas­ten­zeit an­ge­zün­det wird. Im­mer neue Fuh­ren wer­den hoch zur Alm ge­fah­ren. Von dort dröh­nen die Mo­to­ren. Was frü­her schlich­te Hau­fen aus Rest­holz wa­ren, hat sich zu mäch­ti­gen Tür­men ent­wi­ckelt. Tre­cker und Ket­ten­sä­gen ma­chen es mög­lich. Die meis­ten Dör­fer in der Nach­bar­schaft ha­ben ei­ge­ne Fun­ken. „Der Kon­kur­renz­ge­dan­ke ist sehr le­ben­dig“, meint Ge­org Larsch schmun­zelnd, des­halb müs­se man den Fun­ken manch­mal auch be­wa­chen. Wer ihn zu früh er­rich­tet, läuft Ge­fahr, dass wil­de Ge­sel­len aus an­de­ren Dör­fern ver­su­chen könn­ten, ihn vor­ab an­zu­zün­den. „Je­der will eben den schöns­ten Fun­ken ha­ben“, äu­ßert der All­gäu­er, der auch das Hei­mat­mu­se­um in Fi­schen lei­tet, mit ei­nem ge­wis­sen Ver­ständ­nis. Von der Fun­ken­alm bie­tet sich ein schö­ner Blick auf das ver­schnei­te Fi­schen und die um­lie­gen­den Hü­gel – ein klei­nes Win­ter­mär­chen, vor al­lem für Schnee-Fans, die kei­nen Wert auf das Schnel­ler-Hö­her-Lau­ter im Ski-Tou­ris­mus le­gen. In den so ge­nann­ten Hör­ner­dör­fern rund um Fi­schen, die ih­ren Na­men den Haus­ber­gen, den di­ver­sen Hör­nern, ver­dan­ken, geht es eher ru­hig zu. Man wan­dert am Ufer der Il­ler ent­lang bis Sont­ho­fen und Oberst­dorf, über Pan­ora­maHö­hen­we­ge ober­halb von Bols­ter­lang und Of­ter­schwang oder macht sich auf in die fa­mi­li­en­freund­li­chen Ski­ge­bie­te. Weil die klei­nen Be­trie­be auch im All­gäu ums Über­le­ben kämp­fen, freu­en sich Hand­wer­ker über Be­su­cher – et­wa der Schuh­ma­cher Mar­co Kel­ler in Bols­ter­lang. Er stellt nicht nur Ha­f­erl­schu­he her, die zur Tracht ge­tra­gen wer­den, son­dern auch Clogs und Stie­fel mit Kuh­fell: Die sind zur Zeit der Ren­ner. Mit Werk­zeug, das man im Bau­markt ver­geb­lich sucht, ar­bei­tet Her­bert Vog­ler. Der Bols­ter­lan­ger ist Satt­ler, der kunst­voll ver­zier­te Gür­tel für Kuh­schel­len und Glo­cken, aber auch Hun­de­hals­bän­der und -lei­nen an­fer­tigt. „Zum Glück ist das Brauch­tum im All­gäu noch le­ben­dig“, räumt Vog­ler ein, der bis zu 70 Pro­zent sei­ner Tä­tig­kei­ten in Hand­ar­beit aus­führt. Er freut sich dar­über, dass ihm die Bau­ern die Treue hal­ten und Schmuck für ih­re Tie­re nach­fra­gen – zum Bei­spiel für die tra­di­tio­nel­le Vieh­scheid. Der Fun­ke von Fi­schen hat mitt­ler­wei­le ei­ne statt­li­che Hö­he er­reicht; die jun­gen Hel­fer, al­les Frei­wil­li­ge, ha­ben gu­te Ar­beit ge­leis­tet. Jetzt muss nur noch die He­xe mit ei­nem lan­gen Stock nach oben bug­siert wer­den. wäh­rend des­sen kom­men im­mer mehr Ein­hei­mi­sche und Ur­lau­ber, vie­le mit Fa­ckeln in den Hän­den, zur Alm. Bald wird der Fun­ke an­ge­zün­det. Frü­her lehn­te die Kir­che den heid­ni­schen Brauch ab. In­zwi­schen gibt es auch Fun­ken, in de­nen ein Tan­nen­zweig die Rol­le der He­xe spielt. Dut­zen­de Schau­lus­ti­ge wär­men sich an Glüh­wein und las­sen sich Fun­ken­küch­le schme­cken, das Krap­fen­ähn­li­che He­fe- ge­bäck, das tra­di­tio­nell beim Feu­er ver­zehrt wird. Dann wer­den end­lich die Fa­ckeln ent­zün­det und an meh­re­ren Stel­len in die Holz­py­ra­mi­de ge­hal­ten. Schnell fängt der Fun­ke Feu­er. Auch auf den ge­gen­über­lie­gen­den Hö­hen lo­dern die Fun­ken. Es dau­ert ein we­nig, bis sich das Feu­er nach oben ge­ar­bei­tet hat. Als dann die He­xe den Flam­men zum Op­fer fällt, wird ap­plau­diert. Jetzt kann der Früh­ling kom­men. Was manch ei­ner wohl eher be­dau­ern wird an­ge­sichts der präch­tig wei­ßen Win­ter­land­schaft.

Tou­ris­mus­ge­mein­schaft Hör­ner­dör­fer, Fi­schen im All­gäu, Te­le­fon (0 83 26) 3 64 60. www.ho­er­ner­do­er­fer.de

Den Früh­ling emp­fan­gen: In den Hör­ner­dör­fern des All­gäus wer­den zu Be­ginn der Fas­ten­zeit gro­ße Fun­ken­feu­er auf­ge­schich­tet. Fo­to: Traub

Ge­müt­li­cher Skiwelt­cup-Ort: Die Welt­cup-Hüt­te am Of­ter­schwan­ger Horn er­freut sich auch bei be­rühm­ten Na­men gro­ßer Be­liebt­heit. Fo­to: Frei

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.