Sport­kom­men­tar

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sport - Pe­ter Tre­bing

Macht aus­ge­rech­net der „Jo­ker“das Ren­nen um die Nach­fol­ge von Fifa-Prä­si­dent Sepp Blat­ter? Kon­zen­triert man sich auf die Fak­ten, dann ist die Chan­ce von Gi­an­ni In­fan­ti­no in­zwi­schen ziem­lich groß. Nach­dem die ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nen­tal­ver­bän­de (Conmebol und Concacaf) den Mann mit der Dop­pel­staats­bür­ger­schaft (Schwei­zer und Ita­lie­ner) zu ih­rem Fa­vo­ri­ten ge­kürt ha­ben, hat der Pro­to­typ des Kar­rie­re­funk­tio­närs bes­te Aus­sich­ten, die Mit­be­wer­ber Scheich Sal­man bin Ibra­him al Cha­li­fa, Prinz Ali bin AlHus­sein, To­kyo Sex­wa­le und Jé­rô­me Cham­pa­gne hin­ter sich zu las­sen. Vor­aus­ge­setzt, er kann sich in Asi­en, Afri­ka oder Ozea­ni­en noch die ei­ne oder an­de­re Stim­me si­chern. Denn aus­ge­rech­net sein „Haus­ver­band“, die Ue­fa, sprach ihm nicht das vol­le Ver­trau­en aus. Zwar un­ter­stüt­ze der eu­ro­päi­sche Fuß­ball mit gro­ßer Mehr­heit die Be­wer­bung von In­fan­ti­no, heißt es dort of­fi­zi­ell, doch die­se For­mu­lie­rung lässt den Schluss zu, dass ein­zel­ne Mit­glieds­ver­bän­de dies nicht tun. Der Deut­sche Fuß­ball-Bund (DFB) hat sich aber schon fest­ge­legt: In­fan­ti­no soll und muss es sein. Bas­ta. An­ge­sichts der Ge­gen­kan­di­da­ten von In­fan­ti­no, mit de­nen der DFB nicht viel am Hut hat, grund­sätz­lich lo­gisch. Doch ein idea­ler Kan­di­dat scheint der Ita­lo-Eid­ge­nos­se nicht zu sein. Als sein „Boss“, der sus­pen­dier­te Ue­fa-Prä­si­dent Mi­chel Pla­ti­ni, als po­ten­zi­el­ler Blat­ter-Er­be frag­lich wur­de, rück­te In­fan­ti­no als eu­ro­päi­scher Er­satz­kan­di­dat in den Be­wer­ber­kreis. Be­denk­lich: Trotz der du­bio­sen Ma­chen­schaf­ten von Pla­ti­ni sym­pa­thi­sier­te er wei­ter mit dem Fran­zo­sen. Ver­mut­lich auch, um des­sen be­reits si­che­re Stim­men zu er­gat­tern. Und mit ei­nem tak­ti­schen Wahl­pro­gramm ging er dort auf Stim­men­fang, wo es be­son­ders lu­kra­tiv ist: Bei den klei­nen Ver­bän­den. De­ren Stim­men ha­ben schließ­lich das glei­che Ge­wicht wie die der Fuß­ball-Gi­gan­ten. Die Auf­sto­ckung der Welt­meis­ter­schaf­ten auf 40 Teil­neh­mer und meh­re­re Aus­rich­ter­län­der ist ein gu­ter Kö­der für die Zwer­ge im Welt­fuß­ball. Dass sol­che Mam­mut-Tur­nie­re nicht mehr von ei­nem Land al­lei­ne zu stem­men wä­ren, das küm­mert In­fan­ti­no nicht. Er hat Ge­fal­len an der Macht ge­fun­den – so wie einst Sepp Blat­ter oder Mi­chel Pla­ti­ni. Da­mit ver­nünf­tig um­zu­ge­hen, ha­ben sie aber nicht ge­lernt. Ob In­fan­ti­no es könn­te? Als Auf­räu­mer oder Er­neue­rer der Fifa dürf­te er nicht in Be­tracht kom­men. Aber das er­war­ten ja ver­mut­lich nicht ein­mal sei­ne Un­ter­stüt­zer. Denn viel Fifa-Mit­glie­der hät­ten wohl eh’ am liebs­ten, dass al­les so bleibt wie es war. Und da­für wür­de Gi­an­ni In­fan­ti­no ver­mut­lich auch sor­gen.

Der „Jo­ker“In­fan­ti­no ist auf Stim­men­fang

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