Mit Mas­ke oder Kap­pe

Fast­nachts­um­zü­ge sind kei­ne He­xe­rei ...

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - Tho­mas Liebs­cher

In die Zu­kunft zu schau­en – das ist ein be­lieb­tes Stil­mit­tel an der Fast­nacht. Es steckt viel sa­ti­ri­sches Po­ten­zi­al drin, ak­tu­el­le Ent­wick­lun­gen wei­ter­zu­den­ken und auf die Spit­ze zu trei­ben. Beim Karls­ru­her Fast­nachts­um­zug von 1884 hieß das Mot­to „Narr­heit in zehn Jahr­hun­der­ten“. Da­bei roll­te ein Zu­kunfts­wa­gen mit, der ei­ne „ver­kehr­te Wel­t­ord­nung“dar­stell­te. Im 20. Jahr­hun­dert, al­so in der Epo­che nach 1900, wür­den Frau­en am Steu­er­ru­der des Schif­fes ste­hen oder ei­nen wis­sen­schaft­li­chen Lehr­stuhl an Uni­ver­si­tä­ten be­set­zen. Die Vor­aus­sa­ge der Fast­nach­ter vom Ge­s­ang­ver­ein Lie­der­kranz traf ein. Eben­so wie die la­chend re­gis­trier­te Vor­stel­lung von Män­nern an Näh­ma­schi­nen und – noch ko­mi­scher aus da­ma­li­ger Sicht – am Wi­ckel­tisch des Klein­kinds. Ja, die Frau­en­eman­zi­pa­ti­on tauch­te deut­lich am Ho­ri­zont auf in der Zeit des deut­schen Kai­ser­reich. Der Karls­ru­her Ge­s­ang­ver­ein Ba­de­nia ver­an­stal­te­te 1909 ein Ko­s­tüm­fest mit dem Mot­to „Frau­en­eman­zi­pa­ti­on 2000“. Der El­fer­rat be­stand für die­ses Fest aus lau­ter weib­li­chen Re­prä­sen­tan­ten und in der Bütt wur­de den Män­nern von Weibs­per­so­nen doch tat­säch­lich die Le­vi­ten der Zu­kunft ge­le­sen. Das soll heu­te manch­mal im­mer noch vor­kom­men. Es ist im­mer wie­der reiz­voll, die Vor­her­sa­gen auf den Mot­to­wa­gen der Fast­nachts­um­zü­ge noch­mals an­zu­schau­en und zu prü­fen. Beim Karls­ru­her Gau­di­wurm vor 50 Jah­ren thron­te der Plei­te­gei­er über der Py­ra­mi­de. Denn die Stadt muss­te den Fast­nach­tern zu­fol­ge 1966 Geld­sack um Geld­sack öff­nen, um sich ein Pres­ti­ge­ob­jekt leis­ten zu kön­nen: Die Bun­des­gar­ten­schau 1967, von der bis heu­te die Gestal­tung des Stadt­gar­tens zwi­schen Bahn­hof und Fest­platz blieb. Der ak­tu­el­le Karls­ru­her Fast­nachts­um­zug schlän­gelt sich am Di­ens­tag ab 14.11 Uhr vom Dur­la­cher Tor durch die Kai­ser­stra­ße zum Eu­ro­pa­platz und durch die Karl­stra­ße zum Fest­platz. Das dies­jäh­ri­ge Mot­to nimmt Be­zug auf die Ge­schich­te des Spek­ta­kels: „Seit 175 Jah­ren schon / hat Karls­ruh’s Um­zug Tra­di­ti­on.“Es war im Jahr 1841, als die für Mit­tel­schich­ten ge­grün­de­te „Ge­sell­schaft Ein­tracht“mit ih­rem zu­nächst in­ter­nen Fest­zug auf die Stra­ße ging. Da­bei tra­ten ne­ben Fast­nachts­fi­gu­ren wie dem Bocks­rit­ter Kaka­du his­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten auf: Na­po­le­on, die Jungfrau von Or­leans oder Andre­as Ho­fer mit sei­nen Ti­ro­ler Schüt­zen. Pe­ter Pretsch hat aus­führ­lich er­forscht, was beim ers­ten Fast­nachts­um­zug auf­ge­bo­ten wur­de. Der Lei­ter des Karls­ru­her Stadt­mu­se­ums schrieb sei­ne Dok­tor­ar­beit über das Nar­ren­trei­ben von et­wa 1830 bis in die Ge­gen­wart der 1980er-Jah­re. Pretschs pro­fun­dem Buch „Ge­öff­ne­tes Nar­ren-Tur­ney“kann man ent­neh­men, dass die Karls­ru­her Um­zü­ge in vie­len Epo­chen un­re­gel­mä­ßi­ge sai­so­na­le Er­schei­nun­gen wa­ren. Zwar misch­ten in „Pfan­nen­stil­hau­sen“, wie Karls­ru­hes Dörf­le stell­ver­tre­tend für die gan­ze Stadt von den Nar­ren ge­nannt wur­de, bald die Stu­den­ten des Po­ly­tech­ni­kums, der tech­ni­schen Hoch- schu­le, mit. Aber zwi­schen Um­zugs­jah­ren wie 1861 und 1884 er­streck­ten sich lan­ge Zei­ten mit rei­ner Saal­fast­nacht fürs ge­ho­be­ne Bür­ger­tum. In der Wei­ma­rer Re­pu­blik nach 1919 gab es nur ei­nen of­fi­zi­el­len Um­zug, den von 1930. Die Na­zis för­der­ten dann zu­nächst das Brauch­tum, um im­mer mehr Ein­fluss zu neh­men. Mo­tiv­wa­gen mit Pa­ro­len ge­gen den Völ­ker­bund, ge­gen Frank­reich, spä­ter auch ge­gen Zi­geu­ner und Ju­den, wur­den bis 1939 in stei­gen­der Zahl re­gis­triert. In ei­ner Fast­nachts­zei­tung 1934 wur­de Lud­wig Mar­um, ein SPD-Po­li­ti­ker jü­di­scher Her­kunft, in ei­nem Co­mic als Häft­ling mit jetzt „besch ... Le­ben“ver­spot­tet – we­ni­ge Wo­chen vor sei­nem ge­walt­sa­men Tod. Beim ers­ten Nach­kriegs­um­zug 1951 kom­men­tier­te die „Hu­mo­ris­ti­ka“den Ver­lust der Haupt­stadt­funk­ti­on: „In Karls­ru­he wa­ckelt’s – in Stutt­gart schna­ckelt’s.“Die Fast­nacht in der Fä­cher­stadt nahm ei­nen Auf­schwung, bei­spiels­wei­se mit Ca­te­ri­na Va­len­te bei der GroKaGe 1955 und den „Na­to-Sit­zun­gen“, von de­nen es ei­ne 1965 ins ZDF schaff­te. Aber der Um­zug wa­ckel­te, wenn es welt­po­li­tisch stürm­te: Nach dem Un­garn-Auf­stand 1956 fiel der Zug eben­so aus wie nach dem Mau­er­bau 1961 und der Ku­ba-Kri­se 1962. Der Um­zug von 1968 wur­de nach Num­mer 27 von lin­ken Re­vo­lu­tio­nä­ren ge­stört und kurz­zei­tig un­ter Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh-Ru­fen ge­stoppt. Roland Lang be­schreibt dies im Ro­man „Ein Hai in der Sup­pe“. Die Pro­vo­ka­teu­re ver­sam­mel­ten sich laut 68-er Ro­man an­schlie­ßend im fast­nacht­lich ge­schmück­ten Lo­kal „Wal­fisch“– wo aber eben­falls Stim­mungs­mu­sik lief! So hat die lan­ge Schlan­ge der jähr­li­chen Um­zü­ge man­che mar­kan­ten Aus­schlä­ge auf der Tra­di­ti­ons­haut er­hal­ten. Zeit­geist rollt im­mer mit. Und spä­ter er­kennt man ihn im Hu­mor noch deut­li­cher.

Der Zeit­geist roll­te im­mer mit

Fo­tos: Ima­go/Fotolia/Mon­ta­ge SO

...son­dern auch in Karls­ru­he Spie­gel­bil­der des Zeit­geis­tes. Mehr über die Nar­ren­his­to­rie und ak­tu­ell Ak­ti­ve le­sen

Fo­to: Stadt­ar­chiv Karls­ru­he, Bildarchiv Schle­si­ger

Der Plei­te­gei­er über der Py­ra­mi­de: Karls­ru­hes Fi­nanz­pro­ble­me wa­ren schon häu­fig ein be­lieb­tes Mo­tiv bei Fast­nachts­um­zü­gen der Fä­cher­stadt. Die Auf­nah­me stammt aus dem Jahr 1966, als die Nar­ren über die Kos­ten der Bun­des­gar­ten­schau be­sorgt wa­ren.

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