Ber­li­ner in der Kunst

Iro­nie und noch viel mehr in Karls­ru­hes Städ­ti­scher Ga­le­rie

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Tho­mas Liebs­cher

Der Ma­ler Sig­mar Pol­ke kür­te in vie­len sei­ner Ge­mäl­de der 1960er Jah­re tri­via­le Din­ge aus der All­tags- oder Wa­ren­welt zum Mo­tiv. Das Bild „Bä­cker­blu­me“von 1965 spielt auf ei­ne heu­te noch be­ste­hen­de Kun­den­zeit­schrift des Bä­cker­hand­werks an. Pol­ke über­trug Ab­bil­dun­gen aus dem Blatt mit dem Dia­pro­jek­tor auf die Lein­wand. Dann über­trug er Bä­cker und Ber­li­ner Punkt für Punkt mit der ma­len­den Hand und sorg­te für schwarz-wei­ßen Ver­frem­dungs­ef­fekt der ur­sprüng­li­chen Wer­be­gra­fik. Dass die Städ­ti­sche Ga­le­rie das Ge­mäl­de gera­de am Schmut­zi­gen Don­ners­tag in ih­rer neu­en Schau „um­ge­hängt 2016. Ido­le und Le­gen­den“vor­stell­te, kann man durch­aus als pas­sen­de Ges­te ver­ste­hen. Ber­li­ner sind ja die an die­sem Tag be­son­ders gern ge­reich­ten Fast­nachts­küch­le. Und hat nicht die Fi­gur des Bä­ckers so­gar et­was mas­ken­haf­tes? Auf je­den Fall lohnt es sich so­gar am heu­ti­gen Fast­nachts­sonn­tag im Al­ter­na­tiv­pro­gramm gera­de die Ab­tei­lung „Iro­nie“in der Ga­le­rie zu be­su­chen. Dort fin­det sich so­gar die, sehr de­zen­te, Darstel­lung ei­nes „ Arsch mit Oh­ren“von Jür­gen Klauke aus dem Jahr 1986. Im sel­ben Raum hängt Pop-Art von Tho­mas Bayr­le und ein far­big leuch­ten­des Werk von Jörg Im­men­dorff. Solch hoch­ran­gi­ge Zu­sam­men­stel­lung kenn­zeich­net eben­so die an­de­ren „ Ab­tei­lun­gen“, die als „Be­rei­che“be­zeich­net wer­den, weil sie gar nicht so viel Raum be­nö­ti­gen. Klas­se statt Mas­se kenn­zeich­net die neue Dau­er­schau im ers­ten Ober­ge­schoss des Licht­hofs 10 im ZKM-Ge­bäu­de. Mit Kunst nach 1945 be­ginnt die Städ­ti­sche Ga­le­rie nach sa­nie­rungs­be­ding­ter Schlie­ßung end­lich wie­der die ex­em­pla­ri­sche Vor­stel­lung ih­rer be­mer­kens­wer­ten Samm­lung. Ob die spon­ta­nen Mög­lich­kei­ten der Far­be an­hand von Bil­dern der Rich­tung In­for­mel vor­ge­stellt wer­den oder die ab­ge­trenn­ten Farblfä­chen und kla­ren Li­ni­en der Kon­kre­ten Kunst: das Ein­zel­werk ent­fal­tet in der klei­nen, aber fei­nen Zu­sam­men­stel­lung von Mar­co Hom­pes sei­ne Wir­kung. Den Be­su­chern wird die ei­ge­ne Wahr­neh­mung nicht er­drückt, son­dern leicht ge­macht. Von fest in­stal­lier­ten Ta­blets in an­ge­neh­mer Le­se­hö­he und mit mög­li­cher Text­ver­grö­ße­rung las­sen sich Er­läu­te­run­gen nach­le­sen. Auf die „Iro­nie“folgt der­zeit noch als letz­te Ab­tei­lung der „ An­griff“un­ter Ein­schluss der Post­mo­der­ne. Bis der Raum „Ir­ri­ta­ti­on“mit neu­es­ten Wer­ken ganz jun­ger Künst­ler of­fen ist, wird es noch bis Mai dau­ern. Da­für lässt sich ein Blick auf „um­ge­hängt 2016“noch bes­tens mit ei­nem Be­such der Son­der­aus­stel­lung „Kunst­aka­de­mie Karls­ru­he“bis 21. Fe­bru­ar ver­bin­den. Für das wei­te­re Jahr 2016 kün­dig­te Ga­le­rie­lei­te­rin Bri­git­te Baum­stark un­ter an­de­re Schau­en zu Fried­rich Kall­mor­gen, den Schen­kun­gen des För­der­krei­ses, Fo­to­gra­fi­en aus der ei­ge­nen Samm­lung und Schwarz­wald-Bil­der an.

Ver­frem­dungs­ef­fek­te mit ge­mal­ten Ras­ter­punk­ten: Sig­mar Pol­kes Ge­mäl­de „Bä­cker­blu­me“in der Städ­ti­schen Ga­le­rie Karls­ru­he. Fo­to: Samm­lung Gar­natz The Esta­te of Sig­mar Pol­ke / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Kopf­stand: Die­se Hä­kel­ar­beit von Patri­cia Wal­ler heißt Bal­ken­hol. Fo­to:Pelz/VG Bild-Kunst Bon

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.