Zwi­schen Na­tur und Ra­sur

Auch Frau­en set­zen bis­wei­len auf die „Mo­de der Macht“: Der Bart steht im Mit­tel­punkt ei­ner Aus­stel­lung in Ber­lin

Der Sonntag (Mittelbaden) - - MODE & STIL - avs

Der Mann lässt es gern sprie­ßen. Ob Kinn­bärt­chen, Ba­cken­bart, Schnäu­zer oder hip­per Rau­sche­bart – die Ge­sichts­be­haa­rung ist ein kul­tur­über­grei­fen­des Sym­bol. Es steht für Männ­lich­keit, Macht, Weis­heit und oft auch für die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner be­stimm­ten re­li­giö­sen, ge­sell­schaft­li­chen oder po­li­ti­schen Grup­pe. Im Neu­en Mu­se­um Ber­lin ist bis 3. Ju­li die Aus­stel­lung „Bart – zwi­schen Na­tur und Ra­sur“zu se­hen. Sie geht dem haa­ri­gen Kul­tur­phä­no­men von der An­ti­ke bis zur Ge­gen­wart nach und be­weist: Auch Frau­en tra­gen Bart. Al­ler­dings: Schon die Män­ner in der Bron­ze­zeit ra­sier­ten sich. Das be­wei­sen bron­ze­ne Ra­sier­mes­ser, die Ver­stor­be­nen mit in ih­re Grä­ber ge­ge­ben wur­den, wie Aus­stel­lungs­ma­cher Ben­ja­min Wehry er­klärt. Das Kli­schee vom Wil­den stim­me al­so nicht, viel­mehr hät­ten die Be­sit­zer der Ra­sier-Uten­si­li­en of­fen­bar viel Wert auf ei­ne kul­ti­vier­te Le­bens­wei­se ge­legt. Auch die Ägyp­ter wa­ren glatt ra­siert – doch als Herr­schafts­sym­bol ban­den sich die männ­li­chen, aber auch die weib­li­chen Pha­rao­nen lan­ge, aus künst­li­chem Haar ge­form­te Bär­te um. In der Aus­stel­lung wird die­se „Mo­de der Macht“mit dem rie­si­gen Sand­stein-Kopf ei­ner Sphinx der Kö­ni­gin Hat­schep­sut do­ku­men­tiert. „Der Bart macht den Herr­scher“, sagt Wehry. Auch heu­te gibt es Frau­en, die – al­ler­dings ech­ten – Bart tra­gen. So wie die 51-jäh­ri­ge Künst­le­rin Ma­ri­am. Sie war es leid, ih­ren kräf­ti­gen Haar­wuchs zu ra­sie­ren. „Es ist ein Teil von mir“, sagt sie. „War­um soll ich den Bart ver­ste­cken“, so Ma­ri­am, die in der Aus- stel­lung Ein­bli­cke in die Ge­schich­te der frü­her oft auf Jahr­märk­ten aus­ge­stell­ten „be­ar­ded wo­men“und auch in ihr ei­ge­nes Le­ben als Bart tra­gen­de Frau gibt. Ge­pfleg­te, am liebs­ten lo­cki­ge Bär­te wa­ren schon bei den al­ten Grie­chen be­liebt. Ha­dri­an war als Be­wun­de­rer der grie­chi­schen Kul­tur dann der ers­te rö­mi­sche Kai­ser, der sich mit Bart ab­bil­den ließ, wie ei­ne Por­trät­büs­te zeigt. Bei den Rö­mern wur­de der sorg­fäl­tig fri­sier­te Voll­bart da­mit ein mo­di­sches Muss. Nur Alex­an­der der Gro­ße, zu sei­ner Zeit der mäch­tigs­te Mann der Welt, war für ei­nen Bart ein­fach zu jung. Ein Mar­mor­bild­nis zeigt den Herr­scher mit pracht­vol­len Lo­cken, aber bart­los. Dann gab es schon früh auch den „un­kon­ven­tio­nel­len Bart“, der eben ge­gen die Kon­ven­tio­nen ver­stieß – wie das Mar­mor-Por­trät des Phi­lo­so­phen Pla­ton mit Zot­tel­bart zeigt. Ähn­lich vo­lu­mi­nös war die Bart­tracht von Karl Marx. Zu den ku­rio­ses­ten Ex­po­na­ten der Schau ge­hört ei­ne so­ge­nann­te Bart­tas­se aus der Kai­ser­zeit, die dank ei­nes spe­zi­el­len Ein­sat­zes den gezwir­bel­ten Kai­ser-Wilhelm-Bart vor Kaf­fee oder Tee schütz­te. „Zu scho­nen Dei­nen schö­nen Bart, nimm die­ses Täss­chen ei­g­ner Art“steht auf dem Por­zel­lan. Und auch Ger­hard Go­ders Holz­skulp­tur der bär­ti­gen „Con­chi­ta Wurst auf der Mond­si­chel“ist zu se­hen.

Fo­to: avs

Die Skulp­tur der Sän­ge­rin Con­chi­ta Wurst wur­de von Ger­hard Go­der an­ge­fer­tigt.

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