Wäh­len ver­bo­ten?

Be­hin­der­ten­be­auf­trag­ter: Men­schen mit stän­di­ger Be­treu­ung zu­las­sen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Lie

Man­che er­wach­se­ne Men­schen mit Be­hin­de­rung dür­fen nicht mit­ma­chen bei der Land­tags­wahl (und den Kom­mu­nal­wah­len) von Ba­den-Würt­tem­berg. Die­ser Wahl­aus­schluss be­trifft Per­so­nen, die per Ge­richts­be­schluss ei­ne „Be­treu­ung in al­len An­ge­le­gen­hei­ten“brau­chen. So wird das be­zeich­net, was man frü­her „Ent­mün­di­gung“nann­te. Die­se Men­schen stan­den un­ter Vor­mund­schaft oder Ge­brech­lich­keits­pfleg­schaft. Zu­stän­dig für ei­nen sol­chen Be­schluss der Be­treu­ung sind die Fa­mi­li­en­ge­rich­te. Ein Ge­setz von 1991 be­grün­det den aus­nahms­wei­sen Aus­schluss von Wah­len so: Die Men­schen mit Be­treu­ung sind so voll­kom­men des­ori­en­tiert und hilf­los, dass sie oh­ne­hin nicht in der La­ge sei­en, an ei­ner Wahl­hand­lung teil­zu­neh­men. (Es gibt noch ei­nen zwei­ten, klei­ne­ren Per­so­nen­kreis, der grund­sätz­lich nicht wäh­len darf: Das sind al­le, die we­gen ei­ner Straf­tat ver­ur­teilt wur­den, aber we­gen psy­chi­scher Stö­run­gen schuld­un­fä­hig sind und nun in ei­ner ge­schlos­se­nen An­stalt le­ben.) In ganz Deutsch­land sind rund 10 000 Men­schen we­gen Be­treu­ung in al­len An­ge­le­gen­hei­ten von Wah­len aus­ge­schlos­sen. „In Ba­den-Würt­tem­berg sind es schät­zungs­wei­se 1 000“, sagt Gerd Wei­mer, der Be­hin­der­ten­be­auf­trag­te des Lan­des. Er plä­diert da­für, die­se Men­schen nicht aus­zu­schlie­ßen. Das sei dis­kri­mi­nie­rend im Sin­ne der UN-Be­hin­der­ten­kon­ven­ti­on. Die­se gilt seit sechs Jah­ren und soll­te in Deutsch­land um­ge­setzt wer­den. Das sei auch die For­de­rung des deut­schen In­sti­tuts für Men­schen­rech­te. Wei­mer nennt noch ei­nen wei­te­ren Grund, die Wahl­teil­nah­me zu er­mög­li­chen: Man soll­te kei­ne ver­schie­de­nen „Klas­sen“von Be­hin­der­ten schaf­fen. Wer im Wach­ko­ma lie­ge, der ha­be eben­so das Wahl­recht, wie Men­schen im Pfle­ge­heim, die kör­per­lich völ­lig ein­ge­schränkt sind, aber eben oh­ne den Ge­richts­be­schluss ei­ner Be­treu­ung. „Weil wir nun kei­ne Über­prü­fung wol­len, wel­che Men­schen wirk­lich noch Wah­l­ent­schei­dun­gen tref­fen kön­nen, soll­te man das Pro­blem lö­sen, in­dem al­len Be­trof­fe­nen das Wahl­recht wie­der zu­ge­stan­den wird“, ar­gu­men­tiert Wei­mer. Wohl wis­send, dass ein sorg­fäl­ti­ger Um­gang mit dem Wahl­ge­heim­nis und die kor­rek­te Ab­wick­lung bei al­len Be­treu­en­den nö­tig ist. Da ge­be es mög­li­cher­wei­se kaum greif­ba­re Grau­zo­nen von Be­ein­flus­sun­gen. Mit Wahl­aus­schluss be­legt sind nach in­di­vi­du­el­lem Ge­richts­ent­scheid auch man­che Straf­tä­ter. Ih­nen ist dann das ak­ti­ve Wahl­recht ent­zo­gen. Au­ßer­dem darf nie­mand fünf Jah­re lang Kan­di­dat für ein Wahl­amt sein (pas­si­ves Wahl­recht), wer we­gen ei­nes Ver­bre­chens zu ei­ner Frei­heits­stra­fe von ei­nem Jahr oder mehr ver­ur­teilt wur­de.

Ver­ständ­li­che Re­gel­kun­de über die Wahl: Die Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung hilft. Fo­to: lpb

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