„Ich will zu­min­dest ein Ab­schluss­zeug­nis“

Zwei Flücht­lin­ge aus Gam­bia be­su­chen die neun­te Klas­se der Haupt­schu­le – und als Gast­hö­rer die Uni Frei­burg

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Ju­dith Hop­per­mann/SO

Für die bei­den jun­gen Män­ner aus Gam­bia ist „Bud­dy Lu­kas“der Schlüs­sel zu ih­rem Traum. Denn ob­wohl Aba­ba Mbo­we, 24, und Ke­mo Bad­jie, 26, wäh­rend der jetzt zu En­de ge­hen­den Vor­le­sungs­zeit fast in der Mas­se der Stu­den­ten un­ter­gin­gen, un­ter­schei­det sie et­was von den an­de­ren. „Uni für al­le“steht auf ei­nem Mbo­wes Stu­den­ten-Aus­weis. Es ist der Na­me ei­ner Stu­den­ten­in­itia­ti­ve in Frei­burg, die – wie vie­le an­de­re in Deutsch­land – die Unis für Flücht­lin­ge öff­nen will. Et­was ein­schüch­ternd wirk­te der gro­ße Hör­saal zu Be­ginn auf die bei­den. Denn sie wa­ren von Dut­zen­den Stu­den­ten um­ge­ben, die sich in ei­ner frem­den Spra­che un­ter­hal­ten. „Die Leu­te ha­ben uns zwar al­le freund­lich an­ge­schaut und ge­lä­chelt, aber uns fehl­te das Selbst­ver­trau­en, auf sie zu­zu­ge­hen“, sagt Bad­jie. Oh­ne die Initia­ti­ve „Uni für al­le“hät­ten sie sich nicht an die Uni ge­traut, ob­wohl das Gast­hö­rer­pro­gramm je­dem of­fen steht. „Des­halb ha­ben wir ei­ne Art Pa­ten­schaft ent­wi­ckelt“, sagt Stu­den­tin Lea Cla­ßen von „Uni für al­le“. Je­der teil­neh­men­de Flücht­ling be­kom­me ei­nen „Bud­dy“, zu Deutsch „Kum­pel“, zu­ge­teilt, der ihm die Uni zei­ge, bei Fra­gen hel­fe und bei Pro­ble­men zur Sei­te ste­he. Mbo­we und Bad­jie in­ter­es­sie­ren sich für Be­triebs­wirt­schaft. In Gam­bia hät­ten die jun­gen Män­ner mit ih­rem Ab­schluss stu­die­ren kön­nen, in Deutsch­land nicht. Nun be­su­chen sie die neun­te Klas­se ei­ner Haupt­schu­le, um Deutsch zu ler­nen – und schnup­pern au­ßer­dem Hör­saal-Luft an der Uni Frei­burg. „Die Bil­dungs­stan­dards in ver­schie­de­nen Län­dern sind un­ter­schied­lich und des­halb wer­den die Ab­schlüs­se auch un­ter­schied­lich an­er­kannt“, sagt der Spre­cher des Wis­sen­schafts­mi­nis­te- ri­ums, Jo­chen Schön­mann. „Na­tür­lich sind wir be­reit, un­se­re Hoch­schu­len für Flücht­lin­ge zu öff­nen, da­für dür­fen aber nicht Qua­li­täts­stan­dards ab­ge­senkt wer­den.“Mbo­we und Bad­jie wis­sen: Ei­ne Chan­ce auf Er­folg ha­ben sie nur mit Bil­dung. „Wir wol­len uns in Deutsch­land ei­ne Zu­kunft auf­bau­en“, sagt der Äl­te­re auf Eng­lisch. Aus Gam­bia sind sie we­gen der po­li­ti­schen Si­tua­ti­on ge­flo­hen. „In un­se­rem Land herrscht ei­ne Dik­ta­tur“, sagt Mbo­we, räumt aber ein: „Es ist nicht ein­fach, ein Flücht­ling zu sein. Du darfst so viel nicht, weil du aus ei­nem an­de­ren Land kommst. Das ist schmerz­haft.“ Auch des­halb ha­ben die Or­ga­ni­sa­to­ren von „Uni für al­le“die Hür­den nied­rig ge­hal­ten. Sie fra­gen nicht, wie viel Deutsch die Flücht­lin­ge schon kön­nen, wel­chen Bil­dungs­ab­schluss sie ha­ben oder wie ihr Auf­ent­halts­sta­tus ist. Die Frei­bur­ger Uni­ver­si­tät selbst plant ein Vor­be­rei­tungs­se­mes­ter für Flücht­lin­ge, bei dem der Sprach­er­werb im Vor­der­grund ste­hen soll. Für das Gast­hö­rer­pro­gramm in Frei­burg hat die Uni­ver­si­tät den Be­trag von rund 50 Euro über­nom­men. Von den 22 Teil­neh­mern, die im Win­ter­se­mes­ter an den Vor­le­sun­gen teil­ge­nom­men ha­ben, ver­stand mehr als die Hälf­te gut Deutsch, spre­che es aber nicht be­son­ders gut. „Ei­ni­ge we­ni­ge ha­ben nur ei­nen Grund­schul­ab­schluss, an­de­re ha­ben in ih­rem Land schon fer­tig stu­diert“, sagt Stu­den­tin Cla­ßen. Die bei­den jun­gen Män­ner aus Afri­ka se­hen das Stu­di­um als Chan­ce. Sie wol­len stu­die­ren, um je­den Preis – auch wenn das vor­her heißt: Re­al­schul­ab­schluss und Aus­bil­dung oder Stu­di­en­kol­leg. „Ich will et­was er­rei­chen im Le­ben“, sagt Mbo­we. Bad­jie will zu­rück nach Gam­bia, wenn sich die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on ver­bes­sert hat. „Denn wenn al­le weg­ge­hen, dann blu­tet das Land aus“, meint er. Aber: „Ich will zu­min­dest ein Ab­schluss­zeug­nis ha­ben – egal, wie lan­ge es dau­ert. Ob drei, vier oder fünf Jah­re“, sagt Bad­jie. Mo­men­tan ist das re­gu­lä­re Stu­di­um aber noch ein Traum.

Die Stu­die­ren­den-Initia­ti­ve „Uni für al­le“macht’s mög­lich: Ke­mo Bad­jie (links) und Aba­ba Mbo­we (rechts) sit­zen mit Lu­kas Ven­gels in ei­nem Hör­saal der Uni­ver­si­tät Frei­burg. Ven­gels ist der „Bud­dy“(Kum­pel) der bei­den Flücht­lin­ge und steht ih­nen bei Pro­ble­men bei. Fo­to: avs

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