„Dies­mal ist es an­ders“

Der Po­opó ver­schwin­det – Bo­li­vi­ens zweit­größ­ter See ist aus­ge­trock­net

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Ge­org Is­mar

Fla­min­gos sind ma­jes­tä­ti­sche Vö­gel, ihr ro­sa­far­be­nes Ge­fie­der, der stak­sen­de Gang mit den dün­nen Bei­nen. Zu Tau­sen­den sie­deln sie in der La­gu­ne Uru Uru na­he der bo­li­via­ni­schen Stadt Oru­ro – von der Stra­ße aus ge­se­hen ist es das per­fek­te Post­kar­ten­mo­tiv. Al­so aus­stei­gen aus dem Jeep, an den Rand der La­gu­ne lau­fen. Der zwei­te Ein­druck ist völ­lig an­ders: Ei­ne öko­lo­gi­sche Ka­ta­stro­phe. Es stinkt fürch­ter­lich, Fla­min­gos stak­sen im Plas­tik­müll her­um, durch gif­ti­ge Ab­wäs­ser, die La­gu­ne führt oh­ne­hin kaum noch Was­ser. Vie­le Vö­gel sind hier­her mi­griert, weil sich 60 Ki­lo­me­ter wei­ter ein noch weit grö­ße­res Dra­ma ab­spielt. Der La­go Po­opó, Bo­li­vi­ens zweit­größ­ter See, einst ei­ner der größ­ten Süd­ame­ri­kas, ist ein­fach ver­schwun­den. Aus­ge­trock­net. Die Na­sa hat gera­de Luft­auf­nah­men ver­öf­fent­licht, von 2013 und vom Ja­nu­ar 2016. Auf dem ers­ten Bild sind Un­men­gen tür­kis­far­be­nen Was­sers zu se­hen, auf dem zwei­ten nun noch ein aus­ge­trock­ne­ter Grund. Einst hat­te der See ei­ne Grö­ße von knapp 3 000 Qua­drat­ki­lo­me­tern – und er­nähr­te Dut­zen­de in­di­ge­ne Ge­mein­den dank des Fisch­fangs. Vor­bei. Das Ge­wäs­ser hat­te zwar zu­letzt schon nur noch ei­ne Was­ser­tie­fe von drei Me­tern – aber Wis­sen­schaft­ler glau­ben, dass er kaum kom­plett wie­der­zu­be­le­ben ist. Auf der Su­che nach den Ur­sa­chen geht es mit dem Jeep zu­nächst den Rio De­sa­gua­de­ro ent­lang, er fließt vom be­rühm­ten Ti­ti­ca-

Kaum noch Hoff­nung für Fi­scher und Bau­ern

ca­see, dem größ­ten Süd­ame­ri­kas Rich­tung Po­opó – und ist des­sen wich­tigs­te Was­ser­zu­fuhr. Bei der Ort­schaft Eu­ca­lip­tus ist er noch ein ge­wal­ti­ger rot­far­be­ner Strom. Doch was auf­fällt: Sil­ber- und Erz­mi­nen ent­lang des Flus­ses zwei­gen viel Was­ser ab. Und dann ist da Juan Iqui­na, der in ei­nem klei­nen Ka­nal mit sei­nem Fi­scher­netz im eben­falls rot­far­be­nen Was­ser Fische zu fi­schen ver­sucht. „Wir ha­ben nur noch et­wa ein Zehn­tel der Re­gen­men­gen im Ver­gleich zu an­de­ren Jah­ren“, be­rich­tet er. Da­her sei man ge­zwun­gen, vom De­sa­gua­de­ro ab­zwei­gen­de Ka­nä­le zu bau­en. Sonst kann man nicht mehr Qui­noa und Kar­tof­feln an­bau­en, auch nicht Al­fal­fa, ein Grün­zeug zur Er­näh­rung des Viehs. „Es gibt sehr vie­le sol­cher Ka­nä­le, wir bau­en die ein­fach, da­für brau­chen wir kei­ne Ge­neh­mi­gung“, be­rich­tet der 30 Jah­re al­te Iqui­na, wäh­rend er mit dem Netz durch das trü­be Was­ser fischt. „Die Al­ter­na­ti­ve für uns ist, nichts mehr zu es­sen zu ha­ben“. Die In­di­genas, die hier seit Jahr­hun­der­ten auf 3 700 Me­ter Hö­he le­ben, ha­ben ein fei­nes Ge­spür, wie die Er­der­wär­mung und das Wet­ter­phä­no­men El Ni­ño ihr Le­ben ver­än­dern. Es reg­net kaum noch, da­her zwei­gen sie über die Ka­nä­le Was­ser aus dem Rio De­sa­gua­de­ro ab. Der ver­kommt auf sei­nem Weg zum Po­opó zum im­mer schma­ler wer­den­den Flüss­chen. Zwar war der La­go Po­opó 1994 schon ein­mal so gut wie tro­cken, aber nie war es so dra­ma­tisch wie heu­te, weil kaum Aus­sicht auf Er­ho­lung be­steht. Es ist kein Re­gen in Sicht. „Es gibt ei­ne ein­deu­ti­ge Ver­bin­dung zum Kli­ma­wan­del“, meint der Lan­des­chef des Um­welt­netz­werks „Red La­ti­no­ame­ri­ca­na Am­bi­en­tal“, Raúl Pé­rez Al­brecht. Die Re­gen­men­gen hät­ten sich dras­tisch re­du­ziert. Und die Tem­pe­ra­tur hier im Süd­wes­ten Bo­li­vi­ens sei seit 1982 um 1,8 Grad ge­stie­gen. „Al­ler­dings wur­de der Pro­zess auch da­durch be­schleu­nigt, dass der See im­mer schon ei­ne sehr ge­rin­ge Was­ser­tie­fe hat­te“, sagt Al­brecht. „Wenn wir Glück ha­ben, kön­nen wir viel­leicht noch ein Drit­tel des La­go Po­opó ret­ten.“Da­für müs­se es aber mehr reg­nen – und der Rio De­sa­gua­de­ro wie­der mit mehr Was­ser in den See ein­flie­ßen. Auf der Fahrt zum See geht es vor­bei an ei­ner ein­sa­men Lehm­hüt­te, das Ge­burts­haus von Staats­prä­si­dent Evo Mora­les. Von hier geht es an den Rand des Po­opó. Dort steht Cris­ost­o­mo Mar­tí­nez, 77 Jah­re, ein von der Son­ne braun ge­gerb­tes Ge­sicht. Er kaut ein paar Co­c­ablät­ter und ver­sucht sich in Zweck­op­ti­mis­mus. „Al­le zwölf, 15 Jah­re trock­net er an ei­ni­gen Stel­len fast aus.“Aber dann fül­le er sich dank der Re­gen­fäl­le wie­der auf. „Das ist die­ses Mal an­ders.“Und das ist für den Bau­ern ein gro­ßes Pro­blem. Er baut Qui­noa an. Das „In­ka-Korn“ent­hält viel Pro­te­in und ist in Eu­ro­pas Bio­Märk­ten im­mer be­lieb­ter. Das Ki­lo kos­tet in Deutsch­land be­reits rund zehn Euro: „Wir ha­ben viel zu we­nig Qui­noa“, fürch­tet Mar­tí­nez ob der Dür­re um sein Ge­schäft. Bei der Ort­schaft Hua­ri lässt sich das Dra­ma be­son­ders ein­drück­lich er­fah­ren. Der Jeep fährt erst ent­lang von Qui­noa-Fel­dern, wo es vie­le lich­te Flä­chen gibt, plötz­lich än­dert sich der Bo­den­be­lag hin zu ei­nem grau­en Lehm­bett, im­mer wie­der ge­paart mit Salz­krus­ten. Hier wächst gar nichts mehr. Es dau­ert et­was, bis klar wird, das Au­to fährt gera­de über den Grund des La­go Po­opó. Es ist bi­zarr. In der Abend­däm­me­rung lie­gen Fi­scher­boo­te auf dem Grund. Am Ho­ri­zont spie­geln sich Ber­ge in den letz­ten, zen­ti­me­ter­tie­fen Was­ser­flä­chen. Das hier war einst die Ver­sor­gungs­ga­ran­tie von Se­ve­rio Ri­os Cho­que. Im Pon­cho steht er vor sei­nem mit Zie­geln ge­bau­ten Haus, das frü­her am Ufer des Sees stand. Je­den Mor- gen fuhr er mit dem sil­ber­far­be­nen Boot raus, fisch­te bis zu ei­ne Arr­o­ba Fische (das en­spt­rich 11,5 Ki­lo­gramm) und nahm 150 Bo­li­via­nos (knapp 20 Euro) am Tag ein. Heu­te liegt sein Boot um­ge­dreht im Gar­ten und dient den Kin­dern als Klet­ter­spiel­zeug. Trau­rig steht der 56-Jäh­ri­ge an sei­nem Boot, es gibt kaum Hoff­nung, dass Was­ser und Fische je zu­rück­kom­men wer­den. „Seit fünf Jah­ren trock­net der See aus, nun ist nichts mehr da.“90 Fa­mi­li­en leb­ten hier vom Fisch­fang, nun gibt es ein paar Gr­und­nah­rungs­mit­tel wie Reis und Nu­deln vom Staat, aber mehr nicht. Wenn Ri­os Cho­que ei­nen Wunsch an Staats­prä­si­dent Mora­les frei hät­te? „Ein Be­wäs­se­rungs­sys­tem, da­mit wir hier auf Land­wirt­schaft um­stei­gen kön­nen, wir lei­den Hun­ger“, klagt er. Vie­les scheint sich un­wi­der­ruf­lich zu ver­wan­deln, nicht nur, dass der See aus­trock­net, ei­nes ist Se­ve­rio Ri­os Cho­que auch auf­ge­fal­len. „Die gan­zen Fla­min­gos, die sind al­le weg.“

Auf den ers­ten Blick ei­ne Post­kar­ten-Idyl­le – auf den zwei­ten Blick ei­ne öko­lo­gi­sche Ka­ta­stro­phe: In der La­gu­ne Uru Uru na­he der bo­li­via­ni­schen Stadt Oru­ro stak­sen Fla­min­gos durch stin­ken­de Ab­wäs­ser und Plas­tik­müll. Vie­le der Vö­gel leb­ten bis­lang am La­go Po­opó, Bo­li­vi­ens zweit­größ­ter See. Doch der ist aus­ge­trock­net. Fo­to: avs

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