Boßeln für Au­ßer­frie­si­sche

Langstre­cken-Ke­geln in Ost­fries­land

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB - Ste­phan Brün­jes

Up­gant Schott. Oder „Wir­dum“. Oder „Recht­sup­weg“. Dür­fen Or­te über­haupt so hei­ßen? Hier schon, in ei­ner Ge­gend, in der die Bäu­me am Stra­ßen­rand Schlag­sei­te ha­ben und „Wind­looper“ge­nannt wer­den. Wer in Ost­fries­land un­ter­wegs ist, ge­rät schon mal un­ver­mit­telt hin­ein in den frie­si­schen Na­tio­nal­sport Boßeln. Al­so am bes­ten Au­to rechts ran, zu­gu­cken und mit­lau­fen. Dar­über freu­en sich Boß­ler wie Re­dolf Ub­ben, denn Zu­schau­er sind sel­ten bei die­sem Langstre­cken-Ke­geln auf kur­vi­gen Kreis­stra­ßen. Und Au­to­fah­ren ist – vor al­lem an Wo­che­n­en­den von Herbst bis Früh­ling – oh­ne­hin ei­ne Ge­dulds­pro­be in die­ser Ge­gend. „Boß­el­spie­le“steht al­le paar Ki­lo­me­ter auf hand­ge­mal­ten Warn­drei­ecken am Stra­ßen­rand. Auch hier in ei­nem Fle­cken na­mens Hal­be­mond bei Nor­den. Der un­trüg­li­che Hin­weis: We­ni­ge Me­ter da­hin­ter ge­ben sich Ein­ge­bo­re­ne die Ku­gel. Re­dolf und Di­di, En­no, Pe­ter, Tön­n­jes und die an­de­ren vom Club „Mit vul­ler Kraft“zum Bei­spiel. Fast lie­be­voll wiegt Pe­ter, der grau­bär­ti­ge Fern­fah­rer, sei­ne Ku­gel in der Hand, putzt sie noch­mal mit Spü­li und ei­nem Hand­tuch ab. Dann der Count­down: Pe­ter schwingt bei­de Ar­me, als woll­te er flie­gen, nimmt ge­wal­ti­gen An­lauf, holt mit dem rech­ten Arm aus und lässt die Ku­gel aus der Hand her­aus mit ei­nem Ur­schrei nach vor­ne auf die Stra­ße schnel­len. Sein Holz-Ge­schoss ist erst we­ni­ge Me­ter un­ter­wegs, da grinst Pe­ter schon zu­frie­den. Ide­al ab­ge­rollt hat er die Ku­gel, „över d’Du­um“– ihr mit dem Dau­men im letz­ten Mo­ment noch ei­ne gu­te Por­ti­on Rechts­drall mit­ge­ge­ben. Des­halb schmiert sie hun­dert Me­ter wei­ter in der Kur­ve nicht in den Stra­ßen­gra­ben ab, son­dern kul­lert wei­ter auf Kurs. En­no, Di­di und Tön­n­jes fach­sim­peln. Lei­der auf Platt. Aber sie er­klä­ren Gäs­ten auch ger­ne auf Hoch­deutsch, war­um sie 1,2 Ki­lo Holz erst vier Ki­lo­me­ter in die ei­ne Rich­tung schmei­ßen und dann vier Ki­lo­me­ter in die an­de­re Rich­tung zu­rück. „Ganz ein­fach“, meint Re­dolf Ub­ben, „zwei Mann­schaf­ten spie­len ge­gen­ein­an­der, die mit den we­nigs­ten Wür­fen hat am En­de ge­won­nen.“In Ma­ri­en­ha­fe hat sich See­räu­ber Stör­te­be­ker an­geb­lich mal im Kirch­turm ver­steckt, wes­halb jetzt Im­biss, Land­schlach­te­rei, Ho­tel und Tee­kon­tor sei­nen Na­men tra­gen. Ein paar Häu­ser wei­ter, im Tou­ris­mus­bü­ro mel­den sich je­de Men­ge Boß­el-Fans und schie­ben mit Boß­el­leh­rer Ge­org School­mann erst mal ei­ne ru­hi­ge Ku­gel. 15 bis 20 In­ter­es­sier­te sind in der Ur­laubs­sai­son diens­tags zwi­schen halb vier und halb sechs da­bei. Auch Kin­der, de­nen School­mann das As­phalt-Ke­geln äu­ßerst al­ters­ge­recht er­klärt. Die Champs Ély­sée für Boss­ler aber liegt zwi­schen Nord­deich und Ut­lands­hörn: Fünf Ki­lo­me­ter schnur­ge­ra­de Deich­stra­ße. Sie ist am Wo­che­n­en­de oft mit Ku­gel­wer­fern so be­völ­kert wie Fuß­gän­ger­zo­nen in deut­schen Groß­städ­ten mit Schau­fens­terBumm­lern. Al­le Au­ßer­frie­si­schen, die bei Witt­mund das so­ge­nann­te „Boß­el-Abitur“ma­chen, be­kom­men am En­de so­gar ei­ne vom Bür­ger­meis­ter per­sön­lich un­ter­schrie­be­ne Ur­kun­de.

Frie­si­scher Volks­sport: Ur­sprüng­lich ist Boßeln ei­ne Mann­schafts­sport­art. Ziel des Spiels ist es, ei­ne Ku­gel mit mög­lichst we­ni­gen Wür­fen über ei­ne fest­ge­leg­te Stre­cke zu wer­fen. Fo­to: Frei

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