Die Spu­ren von Jo­se­phi­ne Ba­ker

Kunst­mu­se­um Stutt­gart zeigt die Wech­sel­wir­kung von Jazz und bil­den­der Kunst seit 1920 auf

Der Sonntag (Mittelbaden) - - FREIZEIT & AUSFLÜGE - Mt

Zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts war der Jazz die Zu­kunft der Mu­sik und zu­gleich das ers­te welt­wei­te PopPhä­no­men. Vom Fu­tu­ris­mus bis zur Ge­gen­wart reicht die Who’s-who-Lis­te der bil­den­den Künst­ler, die Jaz­zfans wa­ren. An­hand spek­ta­ku­lä­rer Leih­ga­ben aus in­ter­na­tio­na­len Mu­se­en und Samm­lun­gen zeigt das Kunst­mu­se­um Stutt­gart in der gro­ßen Son­der­aus­stel­lung „I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920“, dass der Jazz in den letz­ten ein­hun­dert Jah­ren und bis in die Ge­gen­wart hin­ein ein in­ter­na­tio­na­ler Im­puls­ge­ber war. Ei­ne um­fas­sen­de­re Schau zur Wech­sel­be­zie­hung zwi­schen bil­den­der Kunst und Jazz hat es bis­lang in Deutsch­land nicht ge­ge­ben. Im Som­mer 1915 er­schien in der US-ame­ri­ka­ni­schen Ta­ges­zei­tung „Chi­ca­go Dai­ly Tri­bu­ne ein Ar­ti­kel“, in dem der Be­griff „Jazz“wahr­schein­lich zum ers­ten Mal mit dem gleich­na­mi­gen afro­ame­ri­ka­ni­schen Mu­sik­stil in Ver­bin­dung ge­bracht wur­de. Un­ter der Über­schrift „Blues is Jazz and Jazz is Blues“schrieb Gor­don Se­agro­ve über ei­ne neue Tanz­mu­sik, die so süch­tig ma­che, dass sie so­gar Ehen zu zer­stö­ren ver­mö­ge. Doch was ge­nau ist die­se Mu­sik, die so­wohl „Blues“als auch „Jazz“ge­nannt wird? Ein jun­ger Pia­nist lie­fert in dem Text die Ant­wort: „Die Blues-Stü­cke sind nie­mals nie­der­ge­schrie­ben, viel­mehr ma­chen Pia­nis­ten oder an­de­re Mu­si­ker sie sich zu ei­gen. Sie sind nicht neu. Sie ha­ben nur ei­ne neue Po­pu­la­ri­tät er­langt. Sie be­gan­nen vor ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert im Sü­den und sind ur­sprüng­lich mu­si­ka­li­sche Ein­schü­be von den Far­bi­gen. Der Mar­ken­na­me da­für lau­tet ,Jazz’. Es gibt im Mo­ment ei­ne rich­ti­ge Wel­le. Die Leu­te fin­den sie her­vor­ra­gend zum Tan­zen.“Sei­nen end­gül­ti­gen Durch­bruch er­leb­te der Jazz nach dem Ers­ten Welt­krieg, als Joe King Oli­ver, Jel­ly Roll Mor­ton, Bix Bei­der­be­cke und vor al­lem Lou­is Arm­strong ers­te Plat­ten ver­öf­fent­lich­ten. Und als er in den 1920er Jah­ren sei­nen Weg nach Eu­ro­pa fand, er­ober­te er auch die dor­ti­gen Tanz­sä­le und Bars im Sturm. Der Jazz be­geis­ter­te al­le Ge­sell­schafts­schich­ten glei­cher­ma­ßen. Zu­dem wur­de er als die ers­te ei­gen­stän­di­ge Kul­tur­leis­tung der USA über­haupt wahr­ge­nom­men, in des­sen kom­ple­xen Rhyth­men sich das Ma­schi­nen­zeit­al­ter wi­der­spie­gel­te. Jazz und Swing als wil­de und vir­tuo­se Tanz­mu­si­ken mar­kie­ren da­bei auch den Be­ginn ei­ner (wi­der­stän­di­gen) Ju­gend­kul­tur und ih­rer Kom­mer­zia­li­sie­rung. Und nicht zu­letzt galt Jazz als au­then­ti­sches Zei­chen für den Be­ginn afro­ame­ri­ka­ni­scher Eman­zi­pa­ti­on. Die Aus­stel­lung „I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920“im Kunst­mu­se­um Stutt­gart legt an­hand her­aus­ra­gen­der künst­le­ri­scher Ar­bei­ten dar, dass der Jazz von Be­ginn an ei­ne be­mer­kens­wer­te Re­zep­ti­on auch in der Kunst­sze­ne her­vor­ge­ru­fen hat. Im Jazz zeig­te sich zum ers­ten Mal die Ver­bin­dung zwi­schen po­pu­lä­rer Kul­tur und Kunst, die heu­te et­wa mit La­dy Ga­ga oder Kanye West ei­ne neue Stu­fe er­reicht hat. Künst­ler wie Ot­to Dix, Max Beck­mann, Paul Co­lin, Adolf Loos, Piet Mon­dri­an und Hen­ri Ma­tis­se be­zo­gen sich auf Stars des Jazz-Zeit­al­ters wie Jo­se­phi­ne Ba­ker, mo­di­sche Tän­ze oder Lie­der. Bis in die 1950er und 1960er Jah­re hin­ein war der Jazz Syn­onym für po­pu­lä­re Mu­sik und im­mer stär­ker auch in­tel­lek­tu­el­le kri­ti­sche Pra­xis. Be­bop, Abs­trak­ti­on und Free Jazz ver­kör­per­ten Mo­der­nis­mus und das west­li­che Frei­heits­pa­ra­dig­ma. Jack­son Pol­lock hör­te ta­ge- und näch­te­lang nur Jazz, wäh­rend er an sei­nen Bil­dern ar­bei­te­te. An­dy War­hol ent­warf Plat­ten­co­ver für das le­gen­dä­re Plat­ten­la­bel Blue No­te Re­cor­ds. Auf der an­de­ren Sei­te des At­lan­tiks ver­an­stal­te­te K.R.H. Son­der­borg ma­le­ri­sche Ak­tio­nen ge­mein­sam mit Jazz­mu­si­kern. Bis heu­te fin­den sich zahl­rei­che Be­le­ge da­für, dass der Jazz un­mit­tel­bar Pro­zes­se in der bil­den­den Kunst be­ein­flusst und wei­ter be­ein­flus­sen wird. „I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920“zeigt erst­mals die Po­si­tio­nen der wich­tigs­ten afro­ame­ri­ka­ni­schen Künst­ler wie Ro­ma­re Be­ar­den, Nor­man Le­wis, Er­nie Bar­nes, Ro­se Pi­per, Joe Over­s­treet oder Be­auford De­la­ney im Dia­log mit ih­ren eu­ro­päi­schen Zeit­ge­nos­sen und bie­tet so in prä­gnan­ten Bei­spie­len ei­ne spe­zi­fi­sche zwei­te Mo­der­ne, die par­al­lel zur be­kann­ten euro-zen­tri­schen Kunst­ge­schich­te ver­läuft. Was die Si­tua­ti­on in Deutsch­land an­be­langt, so war die Ge­sell­schaft bis zum En­de des Ers­ten Welt­kriegs von Kon­ser­va­ti­vis­mus und Mi­li­ta­ris­mus ge­prägt. Als Ge­gen­pol zum Kor­sett der wil­hel­mi­ni­schen Ge­sell­schaft ent­wi­ckel­ten sich Re­form­be­we­gun­gen zur Be­frei­ung des Kör­pers. Ei­ne wich­ti­ge Rol­le spiel­ten da­bei der Aus­drucks­tanz so­wie ei­ne Hin­wen­dung zu den Kul­tu­ren ver­meint­lich pri­mi­ti­ver Na­tur­völ­ker. Die Su­che nach ei­nem ur­sprüng­li­chen Aus­druck im au­ßer­eu­ro­päi­schen Tanz lässt sich da­bei et­wa in Ernst Lud­wig Kirch­ners Ge­mäl­de Ne­ger­tanz (um 1911) er­ken­nen, zu dem der Künst­ler sich bei Be­su­chen in Ber­li­ner Va­rie­tés und Ca­ba­rets in­spi­rie­ren ließ. In den 1920er Jah­ren galt die afro­ame­ri­ka­ni­schen Sän­ge­rin, Tän­ze­rin und Schau­spie­le­rin Jo­se­phi­ne Ba­ker als Iko­ne ab­so­lu­ter Mo­der­ni­tät: Das Map­pen­werk Le tu­mul­te noir (1929) von Paul Co­lin kann als ein zen­tra­les Werk der Ba­ker-Re­zep­ti­on in Eu­ro­pa an­ge­se­hen wer­den. Die Spu­ren, die Ba­ker in der Kunst hin­ter­las­sen hat, las­sen sich bis in die Ge­gen­wart ver­fol­gen: Einst Ge­gen­stand des Exo­tis­mus und der Ver­eh­rung durch eu­ro­päi­sche Künst­ler, wur­de die Fi­gur Jo­se­phi­ne Ba­ker in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts zum Ge­gen­stand post­ko­lo­nia­lis­ti­scher und fe­mi­nis­ti­scher Po­si­tio­nen von Künst­le­rin­nen wie et­wa Ka­ra Wal­ker, Mar­le­ne Du­mas und Dit­te Ej­lerskov.

Der Jazz fand ei­ne be­mer­kens­wer­te Re­zep­ti­on in der Kunst­sze­ne: Das Ge­mäl­de Oh­ne Ti­tel (Jazz Club) von Be­auford De­la­ney ent­stand um 1950. Fo­to: Micha­el Ro­sen­feld Gal­le­ry LLC, New York, NY © Esta­te of Be­auford De­la­ney, by Per­mis­si­on of De­rek L. Spr­at­ley, Es­qui­re, Court Ap­poin­ted Ad­mi­nis­tra­tor.

Von Paul Co­lin stammt das Blatt aus der Se­rie „Le tu­mul­te noir“(1929). Fo­to: Mu­se­um für Kunst und Ge­wer­be Ham­burg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015.

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