Der Ge­trie­be­ne

Re­fe­ren­dum wird für Ca­me­ron zum Sprung ins Un­ge­wis­se

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - Peer Mei­nert

Fast 30 St­un­den Ver­hand­lungs­ma­ra­thon in Brüs­sel, kur­ze Näch­te, we­nig Schlaf – Da­vid Ca­me­ron mu­tet sich die­ser Ta­ge ei­ni­ges zu. Doch nach dem Kraft­akt beim EU-Gip­fel kann der bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter noch längst nicht durch­at­men. Im Ge­gen­teil: Nach dem De­al mit den Ge­mein­schafts-Part­nern fängt für ihn die ei­gent­li­che Schlacht erst an. Am 23. Ju­ni ent­schei­den die Bri­ten, ob sie in der Eu­ro­päi­schen Uni­on blei­ben oder aus­tre­ten wol­len. Ca­me­ron muss zit­tern: Der Aus­gang des Re­fe­ren­dums ist völ­lig of­fen. Es ist kei­ne Über­trei­bung, von ei­ner Schick­sals­ent­schei­dung zu spre­chen – für Groß­bri­tan­ni­en, für Eu­ro­pa, für Ca­me­ron per­sön­lich. Stim­men die Bri­ten mit „Raus­ge­hen“, droht Eu­ro­pa zu kip­pen, es wä­re die schwers­te Kri­se der EUGe­schich­te. Und Ca­me­ron blie­be nichts an­de­res, als zu­rück­zu­tre­ten. Sams­tag­mor­gen, Dow­ning Street Nr. 10: Ca­me­ron ist erst spät in der Nacht aus Brüs­sel zu­rück­ge­kehrt. Doch die Aus­tritts­be­für­wor­ter in den ei­ge­nen Rei­hen sit­zen ihm im Na­cken, ver­lan­gen ei­ne so­for­ti­ge Ka­bi­netts­son- der­sit­zung. Sie gön­nen ih­rem Chef kein Luft­ho­len, er­lau­ben ihm nicht ein­mal, dass er das Wo­che­n­en­de mit sei­nen Pro-Eu­ro­paAr­gu­men­ten die Me­di­en be­herrscht. Ca­me­ron ist längst zum Ge­trie­be­nen ge­wor­den. Kann er lie­fern, die Bri­ten über­zeu­gen? Die Stim­mung in Lon­don ist auf­ge­heizt, der Wind bläst dem Pre­mier ins Ge­sicht. „Thin Gru­el“, ätzt die Zei­tung „The Ti­mes“– dün­ner Ha­fer­schleim sei es, was Ca­me­ron da aus Brüs­sel nach Hau­se brin­ge. Auch der „In­de­pen­dent“, eher pro EU aus­ge­rich­tet, ti­telt gif­tig: „Kom­pro­miss oder kom­pro­mit­tiert?“. So geht es seit Mo­na­ten. Vom Grie­chen­lan­dDe­ba­kel bis zur Flücht­lings­kri­se: Die EU macht der­zeit kei­ne gu­te Fi­gur. Die Bri­ten, das stol­ze In­sel­volk, ent­de­cken – wie­der ein­mal – dass die­ses Fest­land-Eu­ro­pa chro­nisch Pro­ble­me bringt. Die Re­ak­ti­on, wie so oft in der Ge­schich­te: Bes­ser auf Ab­stand ge­hen! Mit der An­kün­di­gung des Re­fe­ren­dums bricht auch der Krach in den Re­gie­rungs­rei­hen of­fen aus. Fünf oder sechs Mi­nis­ter, so die BBC, könn­ten Ca­me­ron in den Rü­cken fal­len und für ei­nen „Br­ex­it“plä­die­ren, auch ein Fünf­tel al­ler To­ry-Ab­ge­ord­ne­ten sei skep­tisch. Ca­me­ron ist so un­ter Druck, dass er die Wi­der­sa­cher ge­wäh­ren las­sen muss: Statt Raus­schmiss er­laubt er ih­nen aus­drück­lich, „in pri­va­ter Funk­ti­on“für ei­nen Aus­tritt zu trom­meln – sieht so ein sou­ve­rä­ner Pre­mier aus? Schon der Brüs­se­ler Gip­fel war ner­vig. Bei­de Sei­ten zo­gen die Dau­men­schrau­ben an: Ca­me­ron droh­te mit Aus­tritt – wohl wis­send, dass er da­mit ei­ne nicht kon­trol­lier­ba­re Kri­se aus­lö­sen könn­te, die die an­de­ren um (fast) je­den Preis ver­mei­den woll­ten. Die an­de­ren 27 EU-Län­der stell­ten dem Bri­ten, so Lon­do­ner Me­di­en, im Ge­gen­zug fak­tisch ein Ul­ti­ma­tum: „Now or ne­ver“, jetzt oder nie. Wenn Ca­me­ron jetzt nicht ein­schla­ge, sei­en al­le Chan­cen da­hin, noch­ma­li­ge Ver­hand­lun­gen wer­de es nicht ge­ben. „The big­gest gam­ble of his pre­miership“, nennt das der „Guar­di­an“– das schwie­rigs­te Spiel sei­ner Amts­zeit. Jetzt ist al­les of­fen. Die Aus­tritts­an­hän­ger kön­nen es nicht ab­war­ten, aus vol­len Roh­ren zu feu­ern. Die Kam­pa­gne „Für oder ge­gen Eu­ro­pa“hat be­gon­nen.

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