Küh­nes von Köh­ne

We­ni­ger ist mehr: Das Ba­di­sche Lan­des­mu­se­um er­fin­det sich neu

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Wenn ein Be­su­cher vor je­dem Aus­stel­lungs­stück im Karls­ru­her Schloss nur ei­ne hal­be Mi­nu­te ver­wei­len woll­te – er müss­te et­wa vier­ein­halb Ta­ge rund um die Uhr im Ba­di­schen Lan­des­mu­se­um (BLM) ver­brin­gen. 13 000 Ex­po­na­te – von der rö­mi­schen Am­pho­re über den Thron der Groß­her­zö­ge von Ba­den bis zum Wim­ble­don-Po­kal von St­ef­fi Graf – zeigt das kul­tur­ge­schicht­li­che Mu­se­um der­zeit in sei­nen Dau­er­aus­stel­lun­gen. Ei­ne stol­ze Zahl – und doch steht sie nur für ei­nen Bruch­teil der BLMSamm­lun­gen. Gut 350 000 wei­te­re Ob­jek­te schlum­mern – un­er­reich­bar für den nor­ma­len Mu­se­ums­be­su­cher – in den De­pots. Eck­art Köh­ne will das än­dern: „Je­des Samm­lungs­ob­jekt für al­le Bür­ge­rin­nen und Bür­ger öf­fent­lich zu­gäng­lich zu ma­chen wie in ei­nem Archiv – das ist die re­vo­lu­tio­nä­re Grund­idee un­se­res neu­en Kon­zepts“, sagt der Pro­fes­sor, der seit Som­mer 2014 Chef des Ba­di­schen Lan­des­mu­se­ums ist. Zu­sam­men mit ei­ner Pro­jekt­grup­pe hat er sich dar­an ge­macht, an der Zu­kunft sei­nes Hau­ses zu bas­teln. Da im Karls­ru­her Schloss und in den De­pots oh­ne­hin drin­gend not­wen­di­ge Bau- und Sa­nie­rungs­ar­bei­ten an­ste­hen, ist die Ge­le­gen­heit güns­tig, das Mu­se­um neu zu er­fin­den – und den zu­kunfts­wei­sen­den Ide­en Raum zu ver­schaf­fen. „Zu sei­nem 100. Ge­burts­tag im Jahr 2019 hat das Ba­di­sche Lan­des­mu­se­um die Chan­ce auf ei­nen ech­ten Neu­an­fang“, sagt Köh­ne. Was die ba­di­sche Mu­se­ums­re­vo­lu­ti­on be­wir­ken soll? Der SONN­TAG gibt Aus­kunft über die Kern­punk­te ei­nes küh­nen Kon­zepts:

Köh­ne sieht das Ba­di­sche Lan­des­mu­se­um an der Schnitt­stel­le von Her­kunft und Zu­kunft. Es soll Ge­schich­te und Iden­ti­tät ver­mit­teln, aber auch Ort des Dia­lo­ges sein, das den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern Ge­le­gen­heit gibt, sich selbst mit ak­tu­el­len Fra­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen. „Wir er­klä­ren ja ger­ne die Welt“, scherzt Köh­ne – doch im BLM der Zu­kunft müs­sen die Aus­stel­lungs­ma­cher die „Deu­tungs­ho­heit“ein Stück weit an das Pu­bli­kum ab­ge­ben müs­sen.

15 The­men­be­rei­che wer­den der­zeit in den Dau­er­aus­stel­lun­gen be­ackert – künf­tig soll we­ni­ger mehr sein: Das BLM will sich bei den „Samm­lungs­aus­stel­lun­gen“auf we­ni­ge Kern­the­men kon­zen­trie­ren. Da­bei will man re­gio­na­le Aspek­te mit Fra­ge­stel­lun­gen ver­bin­den, die über Ba­den, Deutsch­land und so­gar Eu­ro­pa hin­aus­rei­chen. Vor­ge­se­hen sind die Samm­lungs­aus­stel­lun­gen „ An­ti­ke Kul­tu­ren“, „Von der Re­li­gi­on zur Re­vo­lu­ti­on“(Eu­ro­pa von sei­nen christ­li­chen Ur­sprün­gen bis zur fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on), „Ba­den“so­wie „Welt­kul­tur“.

Je­de Samm­lungs­aus­stel­lung soll aus drei Be­rei­chen be­ste­hen. Als ers­ter Be­reich ist ei­ne dau­er­haft in­stal­lier­te Schau­samm­lung vor­ge­se­hen, die die High­lights, al­so die wich­tigs­ten und kost­bars­ten Ob­jek­te des BLM, in den Mit­tel­punkt rückt. Auf der zwei­ten Flä­che will man „Samm­lungs­prä­sen­ta­tio­nen“mit kür­ze­rer Lauf­zeit zei­gen – Köh­ne und sein Team den­ken an ei­ner Dau­er von vier Jah­ren. Die­se Prä­sen­ta­tio­nen, die den Cha­rak­ter von Son­der­aus­stel­lun­gen ha­ben, er­mög­li­chen es, ak­tu­el­le Fra­ge­stel­lun­gen auf­zu­grei­fen – und im­mer wie­der an­de­re Stü­cke aus den De­pots zu zei­gen. Der drit­te Be­reich wird als „Ex­po­thek“be­zeich­net: Hier soll den Bür­gern ein di­rek­ter Zu­gang zu den Samm­lungs­ob­jek­ten ih­rer Wahl er­mög­licht wer­den. „Die­ses neue und ein­zig­ar­ti­ge For­mat wird am Ba­di­schen Lan­des­mu­se­um ent­wi­ckelt“, sagt Köh­ne.

Bis­her kennt man das aus Bi­blio­the­ken und Ar­chi­ven: Man leiht sich ein Buch aus oder be­stellt Ak­ten, um sie im Le­se­saal zu stu­die­ren. Nun will das Lan­des­mu­se­um ein „ Archiv der Din­ge“wer­den und aus Mu­se­ums­be­su­chern Nut­zer ma­chen: „Ei­gen­tü­mer un­se­rer Samm­lun­gen sind die Bür­ger des Lan­des“, sagt Köh­ne: „Des­halb ist es nur kon­se­quent, ih­nen den Zu­gang zu ih­rem ei­ge­nen kul­tu­rel­len Er­be zu öff­nen.“Je­des Stück aus den BLM-De­pots soll künf­tig be­stell­bar sein, so dass Hob­by­His­to­ri­ker, Schul­klas­sen, Stu­den­ten, Künst­ler und an­de­re In­ter­es­sier­te in den Ex­po­the­ken da­mit ar­bei­ten kön­nen. Emp­find­li­che Ob­jek­te frei­lich müs­sen zur An­sicht in ei­ne Vi­tri­ne. Leu­te, die sehr gro­ße Ex­po­na­te be­trach­ten wol­len, sol­len das di­rekt in den dann ent­spre­chend ein­ge­rich­te­ten De­pots tun kön­nen. Die klas­si­schen Ein­tritts­kar­ten wer­den von lang­fris­tig gel­ten­den Nut­zer­aus­wei­sen ab­ge­löst.

Die Be­stän­de des BLM sol­len künf­tig di­gi­tal re­cher­chier­bar und be­stell­bar sein. Angst, dass die Ver­öf­fent­li­chung der Ob­jek­te im In­ter­net den Mu­se­ums­be­such un­nö­tig macht, hat Köh­ne nicht: „Ein Di­gi­ta­li­sat kann das Ori­gi­nal nicht er­set­zen“, sagt der Archäo­lo­ge und ver­weist auf die „Au­then­ti­zi­tät und Au­ra“von al­ten und kost­ba­ren Stü­cken. Dass das beim Pu­bli­kum zieht, zei­gen „die un­ge­bro­chen ho­hen Be­su­cher­zah­len in Mu­se­en und vor al­lem Son­der­aus­stel­lun­gen“.

Gro­ße Son­der­aus­stel­lun­gen sind die stärks­ten Be­su­cher-Ma­gne­te. Der Raum, der im Karls­ru­her Schloss für sol­che zeit­lich be­fris­te­te Schau­en zur Ver­fü­gung steht, lässt das BLM im Ver­gleich zu an­de­ren Mu­se­en sei­ner Ka­te­go­rie im Mo­ment aber ziem­lich alt aus­se­hen. Durch das Ab­spe­cken im Samm­lungs­be­reich er­gibt sich ei­ne neue Si­tua­ti­on: Die für Son­der­aus­stel­lun­gen zur Ver­fü­gung ste­hen­de Flä­che kann von heu­te 900 auf 1 500 Qua­drat­me­ter ver­grö­ßert wer­den. Sie er­streckt sich dann über zwei Ebe­nen, so­dass end­lich ein ech­ter Rund­gang mög­lich wird.

Der Nach­wuchs soll eben­falls von der ba­di­schen Mu­se­ums­re­vo­lu­ti­on pro­fi­tie­ren: Zum küh­nen Kon­zept ge­hört ein Kin­der­mu­se­um, der „Kid’s Cul­tu­re Cam­pus“.

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