Zeit für Ent­de­ckun­gen

Auf der „art Karls­ru­he“sind noch heu­te 7 000 Kunst­wer­ke zu se­hen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Avs

Kohl und Kunst und iro­ni­sche Sei­ten­bli­cke: Die Künst­ler auf der „art Karls­ru­he“zei­gen sich de­tail­ver­ses­sen und dann wie­der ver­liebt in die gro­ßen Ges­ten. Und die Fo­to­gra­fie hat ih­ren Platz er­hal­ten. Ein gro­ßes tür­kis­far­be­nes Tuch, dar­un­ter ein schmie­de­ei­ser­nes Bü­gelei­sen fest­ge­kno­tet an ei­ner blau-ro­sa Woll­kor­del. Die Kor­del scheint Me­ter vor dem Tuch zu schwe­ben – so plas­tisch und drei­di­men­sio­nal, als stün­de man in echt da­vor. Auf Lein­wand ge­zo­gen sieht es aus wie ein hy­per­rea­les Ge­mäl­de im Sti­le Ger­hard Rich­ters. Aber es ist kein Ge­mäl­de. Es ist ein Fo­to. Von Die­ter Nuhr, dem Weit ge­reis­ten, dem Schrift­stel­ler, dem Ka­ba­ret­tis­ten. Und dem Künst­ler, der auf der Kunst­mes­se „art Karls­ru­he“ein knap­pes Dut­zend sei­ner Wer­ke zeigt, die es in­zwi­schen auch längst in Mu­se­en ge­schafft ha­ben. Sei­ne Fotos zei­gen klei­ne De­tails, win­zi­ge Aus­schnit­te aus gro­ßen Wel­ten. Bau­meln­de Strom­ka­bel vor ris­si­gen Wän­den, von de­nen der Putz blät­tert: „Ba­ku“. Zwei Flei­scher­ha­ken an ei­ner Holz­leis­te vor ab­ge­schab­ter Mau­er, die ins Grün­lich-Tür­ki­se spielt: „Nyaung“. Sei­ne Fotos tra­gen kei­ne Ti­tel, son­dern Na­men von Or­ten. Sie zei­gen kei­ne Men­schen, son­dern de­ren Hin­ter­las­sen­schaf­ten. Je­des Werk ist ein Uni­kat, mehr als ei­nen Ab­zug gibt es nicht. Über­haupt Fo­to­kunst: Sie ge­hört in die­sem Jahr zu den Ju­we­len der „art“. Ei­ne der bei­den dies­jäh­ri­gen Son­der­schau­en be­schäf­tigt sich mit dem Ex­pres­sio­nis­ten Ernst Lud­wig Kirch­ner un­ter dem Ti­tel „Der Ma­ler als Fo­to­graf“. Kirch­ner be­nutz­te die Fo­to­gra­fie als Do­ku­men­ta­ti­on eben­so wie als In­spi­ra­ti­on und ver­stand die Fotos sei­ner Wer­ke wie­der­um als künst­le­ri­sches State­ment, dem er viel lie­be­vol­le Auf- merk­sam­keit wid­me­te. „Hier grei­fen die Me­di­en be­ein­dru­ckend in­ein­an­der“, sagt Thorsten Sa­dow­sky, Di­rek­tor des Kirch­ner Mu­se­ums Da­vos, am Bei­spiel des Ge­mäl­des „Die Rei­te­rin“: Kirch­ner lich­te­te zu­vor ei­ne jun­ge Frau auf ei­nem Pferd aus ver­schie­de­nen Win­keln ab, fer­tig­te da­nach zig Skiz­zen an und mal­te schließ­lich das groß­for­ma­ti­ge Bild. Flä­chig, oh­ne Tie­fe und doch von al­len Sei­ten. Die Köl­ner Ga­le­rie Burk­hard Arnold, die sich als ei­ne Art Pio­nie­rin seit über ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert der Fo­to­kunst ver­schrie­ben hat, punk­tet mit Wer­ken von Tho­mas Kell­ner. Der 1966 ge­bo­re­ne Künst­ler fo­to­gra­fiert ana­log und auf Film­strei­fen hin­ter­ein­an­der weg. Es ent­ste­hen aus Klein­bild­ne­ga­ti­ven neu zu­sam­men­ge­setzt Fotos be­rühm­ter Ge­bäu­de wie dem Eif­fel­turm: Sie schei­nen zu tan­zen oder dro­hen zu­sam­men­zu­bre­chen. „Fo­to­kunst ist in Eu­ro­pa im­mer noch ei­ne Ni­sche für die Samm­ler“, sagt Ga­le­rist Burk­hard Arnold. Na­tür­lich wid­met sich die 13. „art“auch der Ge­gen­warts­kunst in Ge­mäl­den, In­stal­la­tio­nen und Skulp­tu­ren. Letz­te­re neh­men viel Raum ein auf den 19 groß­zü­gi­gen Skulp­tu­ren­plät­zen in den vier Hal­len. Der Be­trach­ter steht vor ei­nem gro­ßen Edel­stahl­ge­bil­de, bei dem ei­ne Fi­gur auf ei­nem St­ein zu sit­zen scheint. „Nua­ge“(Wol­ke) heißt das Werk des Ka­ta­la­nen Jau­me Plen­sa und so wirkt es auch: Nicht mas­sig, son­dern fi­li­gran setzt sich die Skulp­tur aus Buch­sta­ben und Zei­chen der Wel­t­al­pha­be­te zu­sam­men, durch­bro­chen, licht­durch­flu­tet, kon­tem­pla­tiv. Ent­de­ckun­gen auch bei Bil­dern von der klas­si­schen Mo­der­ne bis hin zur jüngs­ten Kunst sind noch heu­te zu ma­chen. Es prä­sen­tie­ren sich 211 Aus­stel­ler aus 13 Län­dern. „Noch nie wa­ren mehr aus­län­di­sche Ga­le­ris­ten zu Gast, sagt Ku­ra­tor Ewald Schra­de. Rund 1 500 Künst­ler zei­gen et­wa 7 000 Ge­mäl­de, Zeich­nun­gen, Skulp­tu­ren, Fotos und In­stal­la­tio­nen.

Was ist aus dem VW Kä­fer ge­wor­den? „Über die Ver­gäng­lich­keit“nennt Marc Fel­ten sein Bild auf der art Karls­ru­he. Die Kunst­mes­se kann noch heu­te in den Mes­se­hal­len be­sucht wer­den. Fo­to: avs/Uli Deck

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