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Für die Staat­li­chen Schlös­ser und Gär­ten sind 450 Gäs­te­füh­rer un­ter­wegs

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Mt/bo

Weiß ge­pu­der­te Pe­rü­cken und stei­fe Schnür­lei­ber: Manch­mal ist man schon sehr froh dar­über, dass die Mo­de über sol­che Tor­hei­ten hin­weg­ge­gan­gen ist. Über­haupt war das Le­ben an den Hö­fen kein per­ma­nen­tes Zu­cker­schle­cken. Ei­ne Ah­nung da­von be­kommt man an Schloss Hei­del­berg, wenn Char­lot­te von Hes­sen-Kas­sel (1627 – 1668), die Mut­ter der be­rühm­ten Li­se­lot­te von der Pfalz, höchst­per­sön­lich von ih­rem Schick­sal er­zählt und von den Ge­mein­hei­ten ih­res kur­fürst­li­chen Ge­mahls. Ko­s­tüm­füh­run­gen las­sen die Ge­schich­te le­ben­dig wer­den und er­freu­en sich bei den Be­su­chern der Staat­li­chen Schlös­sern und Gär­ten (SSG) gro­ßer Be­liebt­heit. In die Rol­le der hoch­ade­li­gen Char­lot­te, von der sich der Kur­fürst schei­den ließ, schlüpft Oks­a­na Braun im­mer wie­der ger­ne. Die in der Süd-Ukrai­ne ge­bo­re­ne Dol­met­sche­rin für Rus­sisch und Ukrai­nisch ist ei­ne von rund 150 Frau­en und Män­nern, die Be­su­cher durch Schloss Hei­del­berg und an­de­re kur­pfäl­zi­sche Mo­nu­men­te füh­ren. Für Oks­a­na Braun, die schon wäh­rend des Stu­di­ums in Kiew im Stu­den­ten­thea­ter mit­ge­spielt hat, sind die his­to­ri­schen Son­der­füh­run­gen wie ge­schaf­fen: Zu ih­rem Re­per­toire ge­hö­ren ne­ben der un­glück­li­chen Char­lot­te auch die Hof­ma­le­rin Ma­ria Do­ro­thea Ther­busch aus dem des 18. Jahr­hun­dert und vie­len wei­te­re Rol­len. Heu­te ist „Welt­gäs­te­füh­rer­tag“– seit 1990 be­geht je­weils am 21. Fe­bru­ar der Welt­ver­band der Gäs­te­füh­rer die­sen „In­ter­na­tio­nal Tou­rist Gui­de Day“, um die Auf­merk­sam­keit auf die Leis­tun­gen die­ser Kul­tur-Lot­sen zu len­ken. Al­lein für die SSG, die in Ba­denWürt­tem­berg 59 Schlös­ser, Klös­ter und Gär­ten be­treu­en – da­zu ge­hö­ren auch der Bo­ta­ni­sche Gar­ten in Karls­ru­he, das Re­si­denz­schloss und die Fa­vo­ri­te in Ras­tatt so­wie Schloss Bruch­sal –, sind rund 450 Gäs­te­füh­rer un­ter­wegs, vie­le als fest An­ge­stell­te, an­de­re ar­bei­ten frei­be­ruf­lich. „Die sym­pa­thi­sche Prä­sen­ta­ti­on ist das A und das O“, sagt Micha­el Hörr­mann, der SSG-Ge­schäfts­füh­rer: „Un­se­re Schloss- und Klos­ter­füh­rer ar­bei­ten als Bot­schaf­ter für ein Schloss wie Hei­del­berg. Oh­ne ih­re Ver­mitt­lung bleibt ein his­to­ri­sches Mo­nu­ment in sei­ner Be­deu­tung für Be­su­cher oft schwer ver­ständ­lich.“Wie wird man Schloss­füh­rer? Oh­ne Wis­sen geht es nicht – und wer in ei­nem der SSG-Mo­nu­men­te füh­ren will, muss ei­ne Prü­fung ab­le­gen. So ist et­wa für Leu­te, die in den Schlös- ser Hei­del­berg, Mann­heim und Sch­wet­zin­gen füh­ren wol­len, das Ser­vice­cen­ter Hei­del­berg zu­stän­dig. Es bie­tet im Auf­trag des Lan­des Kur­se zum Schloss­füh­rer an. Die Be­wer­ber, so heißt es bei den Staat­li­chen Schlös­sern und Gär­ten, kom­men aus den un­ter­schied­lichs­ten Be­rufs­grup­pen – es sind vie­le Kunst­his­to­ri­ker und His­to­ri­ker dar­un­ter, auch Jour­na­lis­ten, Dol­met­scher, In­ge­nieu­re oder Bio­lo­gen. Sie wer­den sorg­fäl­tig aus­ge- wählt und über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum ge­schult. Mus­ter­füh­run­gen, Vor­trä­ge, Mu­se­ums­be­su­che, aber auch Sprach­ge­stal­tung und Thea­ter­päd­ago­gik sind ne­ben prak­ti­schen Übun­gen In­hal­te der Aus­bil­dung. Nach et­wa drei Mo­na­ten wer­den die Prü­fun­gen ab­ge­legt. Erst wenn sie das Zer­ti­fi­kat des Lan­des Ba­den-Würt­tem­berg er­hal­ten ha­ben, kom­men die frisch ge­ba­cke­nen Füh­re­rin­nen und Füh­rer zu ih­rem ers­ten Ein­satz. Auch Su­san­ne Späing­haus-Mon­schau führt auf dem Hei­del­ber­ger Schloss und er­zählt, dass sie als Kind im­mer da­von träum­te, ei­ne Zeit­ma­schi­ne zu be­sit­zen – so fas­zi­niert war sie von den Ge­schich­ten aus der Ver­gan­gen­heit. Aus der kind­li­chen Be­geis­te­rung wur­de ein Stu­di­en­fach: Späing­haus-Mon­schau be­leg­te Kunst­ge­schich­te. Seit 2003 ist sie ge­prüf­te Füh­re­rin für die Schlös­ser Hei­del­berg, Sch­wet­zin­gen und Mann­heim. Die un­ter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­de der Gäs­te sei­en im­mer wie­der ei­ne span­nen­de Auf­ga­be, be­rich­tet Späing­haus-Mon­schau. Schließ­lich geht es dar­um, ei­ne Grup­pe zu „pa­cken“, auch dann, wenn sie zu­nächst we­nig mo­ti­viert er­scheint, die Schloss­be­sich­ti­gung viel­leicht nur mit­macht, weil man die be­rühm­te Schloss­rui­ne von Hei­del­berg halt mal ge­se­hen ha­ben muss. „Die in­di­vi­du­el­len Be­dürf­nis­se der Gäs­te her­aus­zu­fin­den, sie ‚ab­zu­ho­len’ und Ver­gan­ge­nes er­folg­reich für sie le­ben­dig zu ma­chen – das ist das Reiz­vol­le!“, sagt Späing­haus-Mon­schau. Und sie zi­tiert ei­nen bri­ti­schen Kol­le­gen und sein Mot­to: „His­to­ry is a damn good sto­ry, what it nee­ds is a damn good tel­ling!“– was man in et­wa so über­set­zen kann: „Ge­schich­te ist ei­ne ver­dammt gu­te Sto­ry, was man braucht, ist ei­ne ver­dammt gu­te Art, sie zu er­zäh­len.“

Es geht dar­um, „ei­ne Grup­pe zu pa­cken“

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