Chris­ti­an Hes­se: Ma­the­ma­tik ist ja so un­ter­halt­sam

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Chris­ti­an Hes­se | Ma­the­ma­tik­pro­fes­sor und Buch­au­tor Tho­mas Liebs­cher

Wie vie­le Men­schen müs­sen zu­fäl­lig zu­sam­men­kom­men, da­mit zwei Per­so­nen wahr­schein­lich oder si­cher am glei­chen Tag Ge­burts­tag ha­ben? Schät­zen Sie mal. Den­ken Sie an die Hälf­te von 365, weil da Jahr so vie­le Ta­ge hat? Chris­ti­an Hes­se tes­tet die Fra­ge manch­mal mit sei­nen Stu­den­ten im Hör­saal. „Wir samm­len die Ge­burts­ta­ge. In der Re­gel kom­men wir zwi­schen dem 20. und 30. Stu­den­ten zu der ers­ten Über­ein­stim­mung. Denn ab 23 Per­so­nen liegt die Wahr­schein­lich­keit für den sel­ben Ge­burts­tag bei über 50 Pro­zent“, er­zählt Ma­the­ma­tik­pro­fes­sor Hes­se. Ab 60 Per­so­nen trifft das Er­eig­nis ziem­lich si­cher ein. (Die Er­läu­te­rung die­ser er­staun­li­chen Er­kennt­nis wür­de jetzt zu aus­führ­lich ge­ra­ten.) Die von Hes­se gern ver­wen­de­te Ge­schich­te zeigt, wie leicht In­tui­ti­on und ma­the­ma­ti­sche Wahr­schein­lich­keit aus­ein­an­der­ge­hen. Sol­che span­nen­den Ein­sich­ten aus der Welt der Zah­len bringt der Stutt­gar­ter Hoch­schul­leh­rer gern un­ters viel­leicht Ma­the-ge­schä­dig­te Volk. In Ko­lum­nen oder Bü­chern. Ge­ra­de er­schien „Math up your li­fe“. „Ma­the ist reich an The­men für Par­ty- und Tisch­ge­sprä­che, sie kann un­ter­halt­sam sein und nicht nur ein ex­tre­mes Bil­dungs­pro­dukt“, meint der 55-Jäh­ri­ge. Er wohnt mit der Fa­mi­lie schon län­ger in Mann­heim, wo er am liebs­ten durch die Buch­lä­den bum­melt. In der sau­er­län­di­schen Hei­mat ent­deck­te er früh, „dass Ma­the nicht so sehr mit Rech­nen, son­dern mit Ide­en zu tun hat, die das Rech­nen teil­wei­se über­flüs­sig ma­chen“. Sein Haupt­ar­beits­ge­biet ist die Sto­chas­tik. Sie be­fasst sich mit den Ge­set­zen des Zu­falls. „Denn der Zu­fall ist nicht völ­lig re­gel­los.“Hes­se be­riet das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Karls­ru­he, als das Wahl­recht für den Bun­des­tag we­gen klei­ner pa­ra­do­xer Ef­fek­te (mehr Stim­men brin­gen we­ni­ger Sit­ze für ei­ne Par­tei) zu prü­fen war. Fürs brei­te Pu­bli­kum for­mu­liert der er­fri­schen­de Wis­sen­schaft­ler stän­dig neue Mi­ni-Es­says über Elf­me­ter­schie­ßen oder Jagd auf Steu­er­sün­der, weil man weiß, dass in ge­türk­ten Un­ter­la­gen die Zah­len über 4 häu­fi­ger vor­kom­men, als zu er­war­ten wä­re (Ben­ford-Ver­tei­lung). Er­hel­lend und kniff­lig sind sol­che Ma­the­sto­rys. Hes­ses ei­ge­ne Be­geis­te­rung für sei­ne The­men scheint manch­mal so groß, dass er auf „ganz lang­sa­me“Er­klä­run­gen für den „nur“in­ter­es­sier­ten Lai­en ver­zich­tet und lie­ber schon zum nächs­ten Punkt springt. Be­geis­te­rung und Kom­pe­tenz ver­brei­tet er zu­dem als Schach-Ana­ly­ti­ker. „Ich selbst spie­le Fern­schach mit ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Kol­le­gen. Wir schi­cken die Zü­ge per Mail“, be­rich­tet Hes­se. Stolz ist er, 2010 bei ei­ner Ver­an­stal­tung in Zürich ge­gen den Welt­meis­ter Anand ein Re­mis er­reicht zu ha­ben. „Mit Sieg­chan­cen.“

Er­fri­schen­der Wis­sen­schaft­ler: Chris­ti­an Hes­se rech­net nicht nur an der Uni­ver­si­tät, son­dern er­zählt in Bü­chern ori­gi­nel­le Ma­the­ma­tik-Ge­schich­ten, meist rund um Wahr­schein­lich­kei­ten und Zu­fäl­le. Fo­to: Ivo Kl­ju­ce

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