Was fehlt ist die Zeit ...

Fa­mi­li­en un­ter Stress: Ei­ne St­un­de und 20 Mi­nu­ten für die Kin­der­be­treu­ung

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

An­na und Alex­an­der ha­ben ei­gent­lich al­les, was sie sich wün­schen: zwei ge­sun­de Kin­der, die nur sel­ten Sor­gen be­rei­ten, gu­te Jobs, ein Rei­hen­häus­chen, in das sie gera­de ein­ge­zo­gen sind … Nur ei­nes fehlt ih­nen: Zeit. „Ein­fach mal die See­le bau­meln las­sen – das ist höchs­tens im Ur­laub drin“, be­dau­ert An­na. Kein Wun­der: An­na und ihr Mann ste­cken in der „Rush­hour des Le­bens“, je­ner Pha­se zwi­schen 28 und 40, in der be­ruf­li­che und fa­mi­liä­re Her­aus­for­de­run­gen oft in be­son­de­rem Ma­ße zu­sam­men­pral­len. Mit dem Ge­fühl, durchs Le­ben zu het­zen, ste­hen die bei­den nicht al­lein: Mehr als die Hälf­te der Fa­mi­li­en sieht Zeit­man­gel als „gro­ßes“oder gar „sehr gro­ßes Pro­blem“, wie man im neu­en Re­port der Fa­mi­li­en­For­schung Ba­den-Würt­tem­berg er­fährt. Der SONN­TAG hat ei­ni­ge be­mer­kens­wer­te Fak­ten aus dem Re­port zu­sam­men­ge­stellt.

Un­ter­su­chun­gen zei­gen, dass Fa­mi­li­en zwar nicht ge­ne­rell un­ter Zeit­man­gel lei­den, es aber be­stimm­te Pha­sen und Le­bens­la­gen gibt, in de­nen Zeit ein ra­res Gut ist. Vom Zeit­man­gel ge­plagt wer­den vor al­lem Al­lein­er­zie­hen­de, El­tern, bei de­nen bei­de voll­zeit­er­werbs­tä­tig sind, Mehr­kin­dfa­mi­li­en, Fa­mi­li­en, in de­nen so­wohl Kin­der als auch pfle­ge­be­dürf­ti­ge An­ge­hö­ri­ge ver­sorgt wer­den müs­sen, so­wie Fa­mi­li­en mit be­hin­der­ten Kin­dern. Be­son­ders be­an­sprucht sind Fa­mi­li­en zu­dem rund um die Ge­burt, wäh­rend der ers­ten drei Le­bens­jah­re der Kin­der, wenn die äl­te­re Ge­ne­ra­ti­on hin­fäl­lig wird oder un­vor­her­ge­se­he­ne Be­las­tun­gen et­wa durch ei­ne Krank­heit auf­tre­ten. Auch in Über­gangs­pha­sen – zum Bei­spiel, wenn der Nach­wuchs in den Kin­der­gar­ten kommt oder in die Schu­le wech­selt – wis­sen vie­le El­tern nicht, wo­her sie die Zeit neh­men sol­len, um sich um al­les zu küm­mern.

Pro Wo­che in­ves­tie­ren – un­ab­hän­gig vom Fa­mi­li­en­stand – Men­schen ab zehn Jah­ren in Ba­den-Würt­tem­berg durch­schnitt­lich gut 48 St­un­den in Ar­beit – wo­mit so­wohl Er­werbs­ar­beit, als auch Bil­dung und Qua­li­fi­ka­ti­on so­wie un­be­zahl­te Ar­beit (zum Bei­spiel Haus­halt, Kin­der­be­treu­ung, Eh­ren­amt) ge­meint ist. Da­bei macht die un­be­zahl­te Ar­beit mit durch­schnitt­lich 24 St­un­den den Lö­wen­an­teil aus. Nach wie vor gibt es da­bei gra­vie­ren­de Un­ter­schie­de zwi­schen Frau­en und Män­nern: Wäh­rend die Durch­schnitts­frau in Ba­denWürt­tem­berg 29,5 St­un­den pro Wo­che un­ent­gelt­lich schafft, sind es bei Män­nern le­dig­lich 18,5 St­un­den.

Nach bun­des­wei­ten Er­he­bun­gen ar­bei­ten Müt­ter und Vä­ter im Schnitt pro Wo­che knapp zehn St­un­den mehr als Al­lein­le­ben­de oder Paa­re oh­ne Kind. Da­bei ver­schärft das Le­ben mit Kin­dern die ge­schlechts­spe­zi­fi­schen Un­ter­schie­de: Müt­ter leis­ten pro Wo­che 15 St­un­den mehr un­be­zahl­te Ar­beit als Frau­en oh­ne Kin­der, da­für in­ves­tie­ren sie et­was we­ni­ger Zeit in die Er­werbs­ar­beit. Vä­ter ar­bei­ten oh­ne Be­zah­lung zwar „nur“vier St­un­den mehr als kin­der­lo­se Män­ner, sie ver­brin­gen aber auch mehr Zeit bei der Er­werbs­ar­beit als die­se.

In Ba­den-Würt­tem­berg fal­len die Un­ter­schie­de zwi­schen Müt­tern und Vä­tern bei der un­be­zahl­ten Ar­beit et­was kras­ser aus als im Bun­des­durch­schnitt. Frau­en in Paar­fa­mi­li­en sind im Süd­wes­ten täg­lich sechs St­un­den und 27 Mi­nu­ten un­ent­gelt­lich ak­tiv, bei Män­nern sind es nur drei St­un­den und elf Mi­nu­ten. Nicht nur rein zeit­lich gibt es Un­ter­schie­de: Zwar küm­mern sich so­wohl Müt­ter als auch Vä­ter schwer­punkt­mä­ßig um die Kin­der­be­treu­ung und -pfle­ge, dar­über­hin­aus aber sind Frau­en vor al­lem für das Wa­schen, Put­zen und Ko­chen zu­stän­dig, wäh­rend Män­ner sich vor­wie­gend dem Gar­ten, der Tier­pfle­ge und dem Hand­werk zu­wen­den. Das Heim­wer­ken ist üb­ri­gens der ein­zi­ge Be­reich, in den Män­ner auch ab­so­lut ge­se­hen mehr Zeit in­ves­tie­ren als Frau­en.

Durch­schnitt­lich ei­ne St­un­de und 20 Mi­nu­ten pro Tag sind El­tern nach Aus­wer­tun­gen des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes mit der Be­treu­ung von Kin­dern un­ter 18 Jah­ren be­schäf­tigt, wo­bei die in­ves­tier­te Zeit stark vom Al­ter des Nach­wuch­ses ab­hängt. Müt­ter ha­ben mit ei­ner St­un­de und 45 Mi­nu­ten die Na­se vorn, Vä­ter sind mit durch­schnitt­lich 51 Mi­nu­ten da­bei.

Nicht er­werbs­tä­ti­ge Müt­ter küm­mern sich zwei St­un­den und 35 Mi­nu­ten pro Tag um ih­re Töch­ter und Söh­ne, er­werbs­tä­ti­ge Müt­ter hin­ge­gen nur ei­ne St­un­de und 14 Mi­nu­ten. Auf­fäl­lig da­bei ist: Kei­ne oder nur sehr ge­rin­ge Un­ter­schie­de gibt es bei der Zeit, die nicht er­werbs­tä­ti­ge und er­werbs­tä­ti­ge Müt­ter für Ge­sprä­che mit ih­ren Kin­dern, fürs Vor­le­sen und die Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung auf­brin­gen. Ana­ly­sen des In­sti­tuts für De­mo­sko­pie Allensbach zeig­ten zu­dem, dass er­werbs­tä­ti­ge Müt­ter eher bei der Zeit für sich selbst (beim Schlaf bei­spiels­wei­se), für ih­re Freun­de und für den Haus­halt spa­ren, als Ab­stri­che bei der Zeit für ih­re Kin­der zu ma­chen,

Mor­gens zum Kin­der­gar­ten oder in die Schu­le, mit­tags zum Sport, zur Mu­sik­stun­de, zum Mal­kurs, zum Nach­hil­fe­un­ter­richt, zum Arzt und zum Be­such bei Freun­den: Fast ein Vier­tel der ge­sam­ten von den El­tern er­brach­ten Be­treu­ungs­zeit fällt auf Fahr­diens­te und Termine, zu de­nen die El­tern ih­ren Nach­wuchs be­glei­ten (müs­sen). Bei klei­ne­ren Kin­dern und im länd­li­chen Raum schlägt der Zeit­fres­ser „Be­gleit­mo­bi­li­tät“be­son­ders hef­tig zu.

Sta­tis­ti­ken sind das ei­ne, das Bauch­ge­fühl et­was an­de­res: Bun­des­weit sind 32 Pro­zent der Vä­ter und 19 Pro­zent der Müt­ter der Mei­nung, dass sie nicht ge­nü­gend Zeit für ih­re Kin­der ha­ben.

Auch wenn es für man­chen über­ra­schend klin­gen mag – im Ver­gleich zu 2001/02 ist der Zeit­auf­wand, den Müt­ter und Vä­ter für die Be­treu­ung von Kin­dern un­ter 18 Jah­ren be­trei­ben, in Deutsch­land um täg­lich zehn Mi­nu­ten an­ge­stie­gen. Vä­ter, de­ren jüngs­tes Kind un­ter sechs Jah­re alt ist, en­ga­gie­ren sich heu­te mehr in der Be­auf­sich­ti­gung und der Pfle­ge ih­res Nach­wuch­ses, Müt­ter ver­wen­den et­was mehr Zeit zum Spie­len und für den Sport als noch vor 15 Jah­ren. Dass El­tern sich heu­te mehr Zeit für ih­re Töch­ter und Söh­ne neh­men – trotz der stei­gen­den Er­werbs­tä­tig­keit von Müt­tern und trotz des Aus­baus der pro­fes­sio­nel­len Kin­der­be­treu­ung – er­klä­ren Ex­per­ten un­ter an­de­rem da­mit, dass die Bil­dungs­an­for­de­run­gen an die Kin­der ge­wach­sen sind – und da­mit auch der Er­war­tungs­druck, der auf ih­ren El­tern las­tet. Pisa lässt grü­ßen.

Mal zu­sam­men un­ter­wegs sein, oh­ne auf die Uhr zu schau­en – für man­che El­tern und Kin­der ist das selbst am Wo­che­n­en­de nur sel­ten mög­lich. Mehr als die Hälf­te der Fa­mi­li­en klagt über Zeit­man­gel. Fo­to: avs

Gleich geht’s zur Mu­sik­stun­de . . . Schon Knirp­se ha­ben Termine. Fo­to: bilderbox

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