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Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN -

Der Wolf ist ein scheu­er Jä­ger. Oft nimmt man sei­ne Ge­gen­wart erst wahr, wenn er wie­der fort ist: an den Spu­ren im Schnee, an ei­nem ge­ris­se­nen Schaf. Die Le­gen­de des Ca­nis lu­pus speist sich meist aus dem „Kurz-Da­nach“sei­nes Wir­kens. Und so ist es auch in Roland Schim­mel­pfen­nigs Ro­man-De­büt. Dass der re­nom­mier­te Dra­ma­ti­ker in „An ei­nem kla­ren, eis­kal­ten Ja­nu­ar­mor­gen zu Be­ginn des 21. Jahr­hun­derts“den Wolf zum sche­men­haf­ten Fix­punkt sei­ner Hand­lung macht, ist das Ei­ne. Viel­mehr gilt auch für sein Er­zäh­len die­ses „Kurz-Da­nach“: Vie­les führt der Au­tor nicht aus, Un­ge­sag­tes wird erst in sei­nen Kon­se­quen­zen sicht­bar. Der My­thos des Wolfs ist die Scha­blo­ne für Schim­mel­pfen­nigs Stil selbst. Der 48-Jäh­ri­ge hat sich als ei­ner der be­deu­tends­ten Büh­nen­au­to­ren der Ge­gen­wart ei­nen Na­men ge­macht. Auch mit dem nun er­schie­ne­nen Pro­sa­text ver­ab­schie­det sich Schim­mel­pfen­nig nicht voll­stän­dig vom Thea­ter. Manch Ka­pi­tel be­steht al­lein aus Dia­lo­gen. In al­len Fi­gu­ren­kon­stel­la­tio­nen geht es um Su­che und Flucht. Die Prot­ago­nis­ten ver­lie­ren sich und wer­den aus­ein­an­der ge­ris­sen – erst ge­gen­sei­tig, dann auch in sich selbst.

Roland Schim­mel­pfen­nig, An ei­nem kla­ren, eis­kal­ten Ja­nu­ar­mor­gen zu Be­ginn des 21. Jahr­hun­derts, S. Fi­scher, 256 Sei­ten, 18,99 Euro

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