Auf der Spur der Amei­sen­bä­ren

Die For­sche­rin Ly­dia Möck­ling­hoff hat die ei­gen­ar­ti­gen Tie­re in ihr Herz ge­schlos­sen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Gor­don Bin­der

Wenn Ly­dia Möck­ling­hoff von Amei­sen­bä­ren spricht, ge­rät sie ins Schwär­men. Ganz ver­narrt ist sie in die Tie­re, die mit ih­rem bu­schi­gen Schwanz und der ba­na­nen­för­mi­gen Schnau­ze ein recht selt­sa­mes Bild ab­ge­ben. Als „merk­wür­dig“, „et­was brä­sig“und „in ei­nem Par­al­lel­uni­ver­sum le­bend“be­schreibt die 34-jäh­ri­ge For­sche­rin ih­re Schütz­lin­ge. Den­noch hat sie die „wun­der­schö­nen Tie­re“längst in ihr Herz ge­schlos­sen. Da­von zeugt nicht nur der Amei­sen­bär-An­hän­ger an ih­rer Hals­ket­te, son­dern auch das Ku­schel­tier in ih­rer Köl­ner Woh­nung. Vor elf Jah­ren kam Möck­ling­hoff erst­mals in Kon­takt mit ei­nem Amei­sen­bä­ren, wäh­rend ei­nes zwei­mo­na­ti­gen Prak­ti­kums in Bra­si­li­en. Glück im Un­glück: Denn in der Uni, wo sie Tro­penöko­lo­gie stu­dier­te, be­kam sie in kei­nem Se­mi­nar ei­nen Platz und sah schließ­lich ei­nen Aus­hang. „Wer kann für ein Prak­ti­kum so­fort nach Bra­si­li­en?“, stand da über dem Bild ei­nes Amei­sen­bä­ren. Möck­ling­hoff er­hielt den Zu­schlag. „Ei­ne ko­mi­sche Si­tua­ti­on“, sagt die Feld­for­sche­rin heu­te. „Ich konn­te nicht mal Por­tu­gie­sisch spre­chen.“Der ers­te Amei­sen­bär, den die da­mals 23-Jäh­ri­ge sah, war ei­ne Mut­ter samt schla­fen­den Jun­gen auf dem Rü­cken. Sie war so­fort hin und weg. Heu­te ver­bringt sie je­des Jahr sechs Mo­na­te in Bra­si­li­en, um Tie­re in frei­er Wild­bahn zu er­for­schen. Dirk Em­bert von der Welt-Na­tur­stif­tung WWF be­stä­tigt, dass bis­her nur sehr we­nig über die Tie­re be­kannt ist. „Sie sind vom Auss­ter­ben be­droht, aber wich­tig für das Öko­sys­tem in Süd­ame­ri­ka“, sagt er. Möck­ling­hoff fin­det die Amei­sen­bä­ren ein­fach „un­fass­bar span­nend“. Und manch­mal auch un­ge­wollt ko­misch. „Es kam schon vor, dass ein Amei­sen­bär an mir vor­bei­lief, mich aber nicht be­merk­te, da er auf der Su­che nach Amei­sen war“, er­in­nert sich die 34-Jäh­ri­ge. Die Tie­re könn­ten sich im­mer nur auf ei­nen Vor­gang kon­zen­trie­ren. Al­les an­de­re blen­de­ten sie aus. Möck­ling­hoff nennt das den Ein­tritt in ein Par­al­lel­uni­ver­sum. Ein­mal ha­be ein Amei­sen­bär sei­nen bu­schi­gen Schwanz mit den Kral­len ge­kämmt und nicht mit­be­kom­men, wie zwei kämp­fen­de Wild­schwei­ne laut­stark an ihm vor­bei­rann­ten. Auch Möck­ling­hoff selbst hat­te die Wild- schwei­ne erst spät ent­deckt, weil sie die in­ten­si­ve Kör­per­pfle­ge des Amei­sen­bä­ren durch ei­ne Ka­me­ra be­ob­ach­te­te. Nicht das ein­zi­ge Mal, dass die For­sche­rin so stark in ih­re Ar­beit ver­tieft war, dass sie für ei­nen kur­zen Mo­ment al­les an­de­re um sich her­um ver­gaß. „Ein­mal ha­be ich ei­ne Ka­me­ra neu po­si­tio­niert und plötz­lich ein Au­gen­paar in mei­nem Rü­cken ge­spürt“, er­zählt sie. Ein Puma stand hin­ter ihr. Was macht man in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on? „Die Ru­he be­wah­ren und selbst­be­wusst auf­tre­ten“, rät die Ex­per­tin. Schließ­lich pas­se der Mensch nicht ins Beu­te­sche­ma. Der Amei­sen­bär sei ein eher de­fen­si­ves Tier. „Die bis zu zehn Zen­ti­me­ter lan­gen Kral­len an den Vor­der­pfo­ten sind aber ge­fähr­lich“, sagt Dirk Em­bert. Ein Hieb kön­ne töd­lich sein. Den­noch will Möck­ling­hoff in die­sem Jahr ganz nah ran an die für sie so be­son­de­ren Tie­re. Hals­bän­der mit GPS-Sen­dern sol­len ihr Auf­schluss über das Ver­hal­ten lie­fern. Um die Tie­re zu fin­den, wird sie sich wie­der mit ei­ner Ma­che­te durch den Busch kämp­fen

„Sie le­ben in ei­nem Par­al­lel­uni­ver­sum“

müs­sen. Da­bei kommt ihr ent­ge­gen, dass der Amei­sen­bär ein klas­si­scher Mor­gen­muf­fel ist. „Ein re­la­tiv ru­hi­ger Zeit­ge­nos­se, der eher in den frü­hen Abend­stun­den ak­tiv wird“, sagt die For­sche­rin, die sonst im Zoo­lo­gi­schen Mu­se­um Kö­nig in Bonn ar­bei­tet. Fi­nan­ziert wird die For­schung von den Zoos in Köln und Dort­mund. Im Ju­ni fliegt Möck­ling­hoff wie­der ins Pan­t­anal, ei­nes der größ­ten Bin­nen­land-Feucht­ge­bie­te der Er­de. Dort wird sie auf ei­ner Rin­der­farm le­ben, wo sie in­zwi­schen vie­le Freun­de hat. Ein Nacht­le­ben wie in Köln gibt es dort zwar nicht. Ist aber auch nicht nö­tig: Die Ta­ge, an de­nen sie den Spu­ren der Amei­sen­bä­ren folgt, um neue Er­kennt­nis­se zu ge­win­nen, sind an­stren­gend ge­nug. „Da ist man spä­tes­tens um sie­ben Uhr im Bett.“Und falls sie doch ein­mal län­ger durch­hält, nutzt sie die Zeit, um die Er­fah­run­gen des Ta­ges auf­zu­schrei­ben. Ei­ni­ge ih­rer Tex­te hat sie zu­letzt in ei­nem Buch zu­sam­men­ge­fasst. Es heißt: „Ich glaub, mein Puma pfeift.“

„Die Tie­re sind vom Auss­ter­ben be­droht“

Ly­dia Möck­ling­hoff ist ei­ne Aben­teu­re­rin. In Bra­si­li­en ar­bei­tet sie als Feld­for­sche­rin, kämpft sich mit der Ma­che­te durch den Busch und steht manch­mal auch un­er­war­tet ei­nem Puma ge­gen­über. Doch ihr In­ter­es­se gilt ei­gent­lich den Amei­sen­bä­ren (hier be­sucht sie wel­che im Köl­ner Zoo). Fo­to: avs

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