Druck von den Spon­so­ren

Mor­gen erst ein Fuß­ball­spiel, dann der Neu­an­fang

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - Jan Mies/Alex­an­der Sar­ter

Nach der Wahl von Gi­an­ni In­fan­ti­no zum neu­en Prä­si­den­ten des skan­dal­ge­plag­ten Fuß­ball-Welt­ver­ban­des Fifa gin­gen die Schlag­zei­len in den in­ter­na­tio­na­len Zei­tun­gen von „Fi­fan­ti­no“bis zum „ge­rings­ten Übel“– und die Spon­so­ren for­dern von dem Schwei­zer die ra­sche Um­set­zung der ver­ab­schie­de­ten Re­for­men. Die Er­war­tung sei, dass die Fifa un­ver­züg­lich han­de­le und ei­ne Kul­tur der Trans­pa­renz, Ver­läss­lich­keit und In­te­gri­tät schaf­fe, hieß es. Nach dem Auf­stieg von In­fan­ti­no zum Fifa-Boss ent­schei­det die Eu­ro­päi­sche Fuß­ball-Uni­on (Ue­fa) bei ei­ner Son­der­sit­zung ih­res Exe­ku­tiv­ko­mi­tees am Frei­tag über ei­nen Nach­fol­ger für ih­ren bis­he­ri­gen Ge­ne­ral­se­kre­tär.

Schon mor­gen macht Gi­an­ni In­fan­ti­no al­les an­ders als Jo­seph S. Blat­ter. Mit ei­nem Fuß­ball­spiel, bei dem er selbst mit Freu­den und Jour­na­lis­ten auf dem Platz ste­hen will, be­ginnt der 45-Jäh­ri­ge sei­ne ers­te Ar­beits­wo­che als neu­er Prä­si­dent des Fuß­ball-Welt­ver­bands. Dem ers­ten klei­nen Schritt Rich­tung Trans­pa­renz und Öff­nung der Fifa müs­sen dann vie­le wei­te­re und viel grö­ße­re fol­gen. „Ein neu­es Zeit­al­ter hat be­gon­nen“, ver­si­cher­te In­fan­ti­no, der am Frei-

Von „Fi­fan­ti­nio“bis zum „ge­rings­ten Übel“

tag­abend die Wahl des Fifa-Kon­gres­ses in der zwei­ten Run­de ge­won­nen hat­te und da­mit den ewi­gen Blat­ter be­erb­te: „Wir wer­den uner­müd­lich ar­bei­ten, um si­cher­zu­ge­hen, dass der Fuß­ball wie­der in die Fifa und die Fifa wie­der zum Fuß­ball fin­det.“Die Auf­ga­be könn­te kaum schwie­ri­ger sein. Denn na­tür­lich schau­en die Jus­tiz­be­hör­den, die kri­ti­schen Spon­so­ren, die (deut­schen) Po­li­ti­ker wei­ter mit Ar­gus­au­gen auf den kri­sen­ge­plag­ten Welt­ver­band. Dem neu­en Fi­faChef In­fan­ti­no wird von sei­nen Kri­ti­kern vor­ge­hal­ten, ein jun­ge Ko­pie von Jo­seph s. Blat­ter zu sein. Auch die Nä­he zu sei­nem För­de­rer Mi­chel Pla­ti­ni macht ihn an­greif­bar. „Wir for­dern die neue Fifa-Füh­rung auf, die Re­for­men als obers­te Prio­ri­tät zu se­hen“, hieß es in ei­ner Er­klä­rung des Kre­dit­kar­ten­Gi­gan­ten Vi­sa: „Un­se­re Er­war­tung ist, dass die Fifa un­ver­züg­lich han­delt und ei­ne Kul­tur der Trans­pa­renz, Ver­läss­lich­keit und In­te­gri­tät schafft.“Das mil­li­ar­den­schwe­re Ge­trän­ke­un­ter­neh­men Co­ca Co­la äu­ßer­te sich ähn­lich. Mit dem am Frei­tag mit gro­ßer Mehr­heit ver­ab­schie­de­ten Re­form­pa­ket hat der Welt­ver­band da­für al­ler­dings die Vor­aus­set­zun­gen ge­schaf­fen. Un­ter an­de­rem ei­ne Ge­wal- ten­tei­lung, mehr Trans­pa­renz und In­te­gri­tät so­wie ei­ne Frau­en­quo­te wer­den in die Fi­faS­ta­tu­ten im­ple­men­tiert und tre­ten 60 Ta­ge nach der Wahl in Kraft. „Das war ein gu­ter Tag für die Fifa, viel­leicht so­gar ein his­to­ri­scher, das muss die Zu­kunft zei­gen. Die Ar­beit ist noch nicht be­en­det, sie be­ginnt mit dem heu­ti­gen Tag erst rich­tig“, so Ex-DFBPrä­si­dent Wolf­gang Niers­bach (65), der noch im Fifa-Exe­ku­tiv­ko­mi­tee sitzt. In Eu­ro­pa über­schlu­gen sich nach In­fan­ti­nos In­thro­ni­sie­rung die Schlag­zei­len der Zei­tun­gen. „Gi­an­ni In­fan­ti­no ist der Au­ser­wähl­te“, schrieb die spa­ni­sche Mar­ca. „Der Schwei­zer hat die Mis­si­on, das ram­po­nier­te Image der Fifa zu re­stau­rie­ren“, stand im Blatt El País. In In­fan­ti­nos Hei­mat­land ti­tel­te die Bou­le­vard­zei­tung Blick: „Fi­fan­ti­no. Hand aufs Herz: Die­se Wahl ist gut für den Fuß­ball und gut für die Schweiz.“Die Aar­gau­er Zei­tung mein­te: „Un­ser nächs­ter Fuß­ball­kö­nig. Der Thron bleibt in der Schweiz.“Im Fuß­ball-Mut­ter­land En­g­land brach­te die Dai­ly Mail al­ler­dings auch deut­lich Skep­sis zum Aus­druck: „Selbst der Ein­schlag ei­nes Me­teo­ren wür­de das Ge­sicht der Fifa kaum ver­än­dern. Die bei­den Le­bens­for­men, die in ei­ner post-apo­ka­lyp­ti­schen Land­schaft am wahr­schein­lichs­ten über­le­ben wür­den, sind Ka­ker­la­ken und Fifa-Funk­tio­nä­re. In­fan­ti­no war un­ter den ge­ge­be­nen Um­stän­den das ge­rings­te Übel.“Au­ßer­halb Eu­ro­pas wer­den die klei­ne­ren der 209 Fifa-Ver­bän­de vor al­lem auf die Ein­lö­sung ei­nes In­fan­ti­no-Ver­spre­chens po­chen: mehr Geld. Der neue Fifa-Boss will künf­tig al­le vier Jah­re über ei­ne Mil­li­ar­de Dol­lar mehr an die Mit­glie­der aus­schüt­ten. Ku­rio­ser­wei­se kün­dig­te In­te­rims-Ge­ne­ral­se­kre­tär Mar­kus Katt­ner ei­ne fi­nan­zi­el­le Schief­la­ge für die lau­fen­de Haus­halt­s­pe­ri­ode (bis 2018) an. 550 Mil­lio­nen könn­ten feh­len. Die Fi­nanz-Rück­la­gen des Welt­ver- ban­des be­lau­fen sich der­zeit aber noch auf nie da ge­we­se­ne 1,412 Mil­li­ar­den Euro. „Ich glau­be, ich ha­be da ei­ne ge­wis­se Er­fah­rung. Wenn die Fifa fünf Mil­li­ar­den ein­nimmt, ist es kein Pro­blem, 1,2 Mil­li­ar­den da­von in die Fuß­ball-Ent­wick­lung zu in­ves­tie­ren“, ver­sprach In­fan­ti­no: „Das muss die ers­te Prio­ri­tät sein, al­les an­de­re steht da­hin­ter. Mei­ne Ar­beit bei der Eu­ro­päi­schen Fuß­ball-Uni­on zeigt, dass die Ue­fa nicht bank­rott­ge­gan­gen ist. Ich ma­che mir da kei­ner­lei Sor­gen.“Für Sor­gen hat der In­fan­ti­no-Auf­stieg aber den­noch bei der Ue­fa ge­sorgt. Der Eu­ro­pa­Ver­band ist durch den Ab­gang des Ge­ne­ral­se­kre­tärs ei­ne Wo­che füh­rungs­los – Ue­faPrä­si­dent Mi­chel Pla­ti­ni ist Stand jetzt für sechs Jah­re ge­sperrt. Den neu­en Ge­ne­ral­se­kre­tär wird des­halb am Frei­tag das Ue­faExe­ku­tiv­ko­mi­tee be­stim­men. Ein neu­er Boss soll erst ge­wählt wer­den, wenn Pla­ti­nis Ver­hand­lung vor dem in­ter­na­tio­na­len Sport­ge­richts­hof CAS ab­ge­schlos­sen ist. Bis zum Ue­fa-Kon­gress am 3. Mai in Bu­da­pest wird die Zeit des­halb ganz schön knapp. Spä­tes­tens zum An­pfiff der EURO 2016 (10. Ju­ni bis 10. Ju­li) wird es aber ei­nen neu­en Ue­faBoss ge­ben – oder der al­te kommt re­ha­bi­li­tiert zu­rück.

Fo­to: avs

Der „Au­ser­wähl­te“: Die Wahl des Schwei­zers Gi­an­ni In­fan­ti­no zum neu­en Fifa-Prä­si­den­ten ha­ben Zei­tun­gen in vie­len Län­dern mit der Hoff­nung auf ei­nen nach­hal­ti­gen Wan­del beim Fuß­ball-Welt­ver­band ver­knüpft. Al­ler­dings las­sen nicht we­ni­ge Ga­zet­ten auch Skep­sis ge­gen­über dem pro­pa­gier­ten Neu­an­fang er­ken­nen.

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