So was von lang­le­big...

Wel­che Rol­len Frau und Mann im Süd­wes­ten spiel­ten

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Gro­ße Män­ner ma­chen Ge­schich­te“– für His­to­ri­ker des 19. Jahr­hun­derts stand das un­um­stöß­lich fest. Frau­en, die da­mals kein Wahl­recht hat­ten und sich po­li­tisch nicht be­tä­ti­gen durf­ten, kom­men in den Bü­chern, die sie ver­fass­ten, prak­tisch nicht vor. Dar­an än­der­te sich auch im 20. Jahr­hun­dert zu­nächst we­nig. Die „ver­ges­se­nen Frau­en“, ih­re Hand­lungs­spiel­räu­me und Leis­tun­gen sicht­bar zu ma­chen, wur­de schließ­lich zum An­lie­gen der Frau­en­geschichts­for­schung, die seit den 1980er Jah­ren vor al­lem auf re­gio­na­ler Ebe­ne zahl­rei­che Früch­te trug. Bei der Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung er­schien 1993 ein Band zum The­ma „Frau­en im deut­schen Süd­wes­ten“. Jetzt, 23 Jah­re spä­ter, legt die Lan­des­zen­tra­le mit ei­nem Band zur Ge­schlech­ter­ge­schich­te nach. Die­se, so be­to­nen die Her­aus­ge­ber, sei mehr als Frau­en­geschich­te. In dem Buch „Frau und Mann, Mann und Frau“geht es um die Per­spek­ti­ve bei­der Ge­schlech­ter auf­ein­an­der und ihr Ver­hält­nis zu­ein­an­der. Die Au­to­rin Sil­via Schraut zeigt für den Zei­t­raum von der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on bis 1980 auf, wel­che Rol­le Frau­en und Män­ner im deut­schen Süd­wes­ten spiel­ten. Da­bei ar­bei­tet die Mann­hei­mer Pro­fes­so­rin die Bil­der her­aus, die wir uns von den Ge­schlech­tern ge­macht ha­ben – und zum Teil wohl im­mer noch ma­chen. Der SONN­TAG zeigt schlag­licht­ar­tig, war­um es span­nend ist, sich auf den ge­schlechter­his­to­ri­schen An­satz ein­zu­las­sen.

Der Phi­lo­soph und Schrift­stel­ler Je­an-Jac­ques Rous­seau (1712– 1778) tat es wortgewaltig kund: Al­le Men­schen sei­en von Na­tur aus gut – doch Män­ner und Frau­en grund­sätz­lich ver­schie­den. Stand der Mann für Ver­stand, Ver­nunft und Tat­kraft, so ent­spra­chen dem We­sen der Frau Ge­fühl, Un­ver­nunft und Pas­si­vi­tät. Folg­lich war er für öf­fent­li­che Be­lan­ge zu­stän­dig, wäh­rend ih­re Do­mä­ne die Fa­mi­lie war. Rous­se­aus Kon­zept ent­fal­te­te ge­wal­ti­ge Wirk­kraft – auch po­li­tisch. Als 1789 im re­vo­lu­tio­nä­ren Frank­reich die Men­schen- und Bür­ger­rech­te er­klärt wur­den, hieß es zwar: „Die Men­schen wer­den frei und gleich an Rech­ten ge­bo­ren“– doch zeig­te sich rasch, dass mit dem fran­zö­si­schen „hom­mes“wohl eher die „Män­ner“als al­le „Men­schen“ge­meint wa­ren. Je­den­falls wur­de den Frau­en im Par­la­ment ruck­zuck das eben er­kämpf­te Re­de­recht wie­der ent­zo­gen. „Die Rol­le, die man in der neu ent­ste­hen­den bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft von nun an den Frau­en zu­wies, war über al­le La­ger hin­weg und über Frank­reichs Gren­zen hin­aus kon­sens­fä­hig“, kon­sta­tiert Sil­via Schraut.

An der Re­vo­lu­ti­on von 1848/49 wa­ren von An­fang an auch Frau­en be­tei­ligt – so sa­ßen bei den Of­fen­bur­ger Ver­samm­lun­gen vie­le Frau­en im Pu­bli­kum. Den Män­nern war es recht, wenn bür­ger­li­che Da­men Fah­nen für Bür­ger­weh­ren und po­li­ti­sche Ver­ei­ne stick­ten. Wenn die Da­men frei­lich die Gren­zen der weib­li­chen Wohl­an­stän­dig­keit über­schrit­ten und mit ih­ren Män­nern auf die Bar­ri­ka­den ge­hen woll­ten, lie­fer­ten sie ih­ren Geg­nern die Mu­ni­ti­on frei Haus. So wur­de die Mann­hei­me­rin Ama­lie Struve, Ehe­frau der ba­di­schen Ga­li­ons­fi­gur Gus­tav Struve, in Schmählie­dern und Ka­ri­ka­tu­ren in die Nä­he ei­ner Pro­sti­tu­ier­ten ge­rückt. Bei vie­len Re­vo­lu­tio­nä­ren stie­ßen die „Ama­zo­nen“eben­falls auf Kri­tik oder of­fe­ne Ab­leh­nung. Auch bei Fried­rich He­cker, der Kult­fi­gur der Re­vo­lu­ti­on in Ba­den. In den USA, wo sich He­cker nach dem Schei­tern der Re­vo­lu­ti­on nie­der­ließ, mach­te er sich für die Skla­ve­n­eman­zi­pa­ti­on stark, For­de­run­gen nach dem Wahl­recht für Frau­en aber wies er ka­te­go­risch zu­rück – mit den­sel­ben Ar­gu­men­ten, die in Eu­ro­pa die Kon­ser­va­ti­ven und die Li­be­ra­len be­müh­ten.

Wohl­tä­tig­keit so­wie Kran­ken- und Kin­der­pfle­ge gal­ten als durch­aus ver­ein­bar mit dem weib­li­chen Ge­schlechtscha­rak­ter – vor al­lem, wenn sie eh­ren­amt­lich er­folg­ten. Der Ba­di­sche Frau­en­ver­ein tum­mel­te sich auf die­sen Fel­dern. Weil der Ver­ein zu­dem un­ter der Pro­tek­ti­on von Groß­her­zo­gin Lui­se stand, konn­te er in den 1870er Jah­ren ein weit ver­zweig­tes pri­va­tes Wohl­fahrts­sys­tem ent­wi­ckeln. Der Ver­ein stell­te kei­nes­wegs die zeit­ty­pi­schen Vor­stel­lun­gen vom weib­li­chen We­sen in Fra­ge, doch trug er mit sei­nen reichs­weit be­ach­te­ten Ak­ti­vi­tä­ten da­zu bei, neue Frau­en­be­ru­fe zu eta­blie­ren: Aus­ge­bil­de­te Kran­ken­schwes­tern und Für­sor­ge­rin­nen folg­ten auf mo­ra­li­sie­ren­de Ama­teu­rin­nen.

Auf Initia­ti­ve der WahlS­tutt­gar­te­rin Cla­ra Zet­kin be­schloss der In­ter­na­tio­na­le So­zia­lis­ti­sche Frau­en­kon­gress in Ko­pen­ha­gen, ei­nen In­ter­na­tio­na­len Frau­en­tag ein­zu­füh­ren. In der Zeit­schrift „Gleich­heit“er­läu­ter­te Zet­kin 1911 den Frau­en: „Er gilt Eu­rem Recht. Hin­ter Eu­rer For­de­rung steht die So­zi­al­de­mo­kra­tie, ste­hen die ge­werk­schaft­li­chen Ar­bei­ter …“. Es gab al­ler­dings auch So­zi­al­de­mo­kra­ten mit an­de­ren Über­zeu­gun­gen. So hat­te 1906 beim Frau­en­kon­gress in Mann­heim Lau­ra Schra­din aus Reutlingen die „Gleich­gül­tig­keit der männ­li­chen Ge­nos­sen“be­klagt: „Der Ge­werk­schafts­se­kre­tär Nae­ther in Stutt­gart mein­te, erst sol­le man die Män­ner zu or­ga­ni­sie­ren su­chen, dann erst kä­men die Frau­en dran. Die Frau­en sei­en zu dumm, um in den Ver­samm­lun­gen die Re­fe­ra­te zu ver­ste­hen …“.

In der End­pha­se des Zwei­ten Welt­kriegs hat­te die aus dem ba­di­schen Adels­heim stam­men­de „Reichs­frau­en­füh­re­rin“Ger­trud Scholtz-Klink die deut­schen Frau­en zu „Ge­burts-Höchst­leis­tun­gen“auf­ge­ru­fen. 1948 wur­de das weib­li­che Aus­hän­ge­schild der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ver­haf­tet, 1949 stand sie vor der Spruch­kam­mer in Tü­bin­gen. Dort dis­tan­zier­te sich Scholtz-Klink kei­nes­wegs von ih­ren na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Über­zeu­gun­gen. So wur­de sie als „Haupt­schul­di­ge“ein­ge­ord­net, aber trotz­dem nur zu ei­ner mil­den Stra­fe ver­ur­teilt – mit der Be­grün­dung, ih­re Tä­tig­keit im „Deut­schen Frau­en­werk“und in der Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Frau­en­schaft sei „un­zwei­fel­haft po­si­tiv“, weil „ka­ri­ta­tiv und so­zi­al mo­ti­viert“ge­we­sen. „Nicht sel­ten teil­ten die An­klä­ger das bür­ger­li­che und glei­cher­ma­ßen na­tio­nal­so- zia­lis­ti­sche Frau­en­bild, das Frau­en po­li­ti­sche Mün­dig­keit und da­mit letzt­lich Ver­ant­wor­tung für die NS-Ver­bre­chen ab­sprach“, ur­teilt Sil­via Schraut.

Im ba­di­schen Wyhl nahm die or­ga­ni­sier­te Atom­kraft­be­we­gung in der Bun­des­re­pu­blik ih­ren An­fang – sie wirk­te stil­bil­dend für die „Neu­en So­zia­len Be­we­gun­gen“ab Mit­te der 1970er Jah­re. Was auf­fällt: An­ders als die po­li­ti­schen Par­tei­en und Par­la­men­te die­ser Zeit stell­ten sich die Bür­ger­initia­ti­ven als Be­we­gung dar, in der Frau­en und Män­ner gleich­be­rech­tigt und glei­cher­ma­ßen prä­sent ge­sell­schaft­li­chen Wi­der­stand or­ga­ni­sier­ten.

1976/77 brach­ten sich die RAF-Ter­ro­ris­ten Ul­ri­ke Mein­hof, Andre­as Baa­der und Gu­drun Ens­s­lin in Stutt­gart-Stamm­heim um. Mit ih­nen be­schäf­tig­ten sich zwei bio­gra­fi­sche Es­says, die 2005 in den Be­gleit­bän­den zur Ber­li­ner Kunst­aus­stel­lung „Zur Vor­stel­lung des Ter­rors. Die RAF“er­schie­nen. Sil­via Schraut zeigt auf, wie un­ter­schied­lich der Ter­ro­rist und die bei­den Ter­ro­ris­tin­nen da­rin ge­schil­dert wer­den: Andre­as Baa­der er­scheint als „Ver­kör­pe­rung von kol­lek­ti­ver Füh­rung“, als „Tat­mensch mit dem Ti­ger­gang“– Ul­ri­ke Mein­hof und Gu­drun Ens­s­lin hin­ge­gen wer­den vor al­lem als „Mäd­chen“aus pro­tes­tan­tisch ge­präg­ten El­tern- und Pfarr­häu­sern ge­deu­tet – als Frau­en, die nie recht er­wach­sen ge­wor­den sind.

Os­tern 1975 in Wyhl am Kai­ser­stuhl: Auf­fal­lend vie­le Frau­en be­tei­lig­ten sich an den Pro­tes­ten ge­gen das ge­plan­te Kern­kraft­werk. Über Bür­ger­initia­ti­ven fan­den et­li­che Frau­en den Weg in die Po­li­tik. Fo­to: Ima­go

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