Nichts neu­es aus Delmenhorst

Die Stadt zwi­schen Oldenburg und Bre­men gilt bei Tou­ris­ten als graue Maus

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB -

Delmenhorst ist be­kannt, weil die er­folg­rei­che Sän­ge­rin Sa­rah Con­nor von dort kommt. Aber es ist die Stadt mit den we­nigs­ten Über­nach­tun­gen in Deutsch­land. Das sagt ei­ne Stu­die, die Krei­se und kreis­freie Städ­te be­rück­sich­tigt. Kaum je­man­den zieht es in die Stadt zwi­schen Oldenburg und Bre­men. Ei­ne graue Maus, di­rekt an der A1 ge­le­gen. Ein Ort arm wie Ber­lin, aber nicht so se­xy. Von den Er­werbs­fä­hi­gen ist je­der zehn­te ar­beits­los. Die Stadt hat ho­he Schul­den. Se­xy könn­te sie sein – we­gen der Con­nor. Aber die ist weg­ge­zo­gen. Wer vom Rat­haus aus zehn Mi­nu­ten zu Fuß aus der Stadt her­aus­läuft, steht auf ei­nem der größ­ten In­dus­trie­denk­mä­ler Eu­ro­pas. Zu se­hen sind ei­ne Rei­he von ro­ten Back­stein­häu­sern und -hal­len in ver­schie­de­nen Grö­ßen. Von 1884 bis zum Kon­kurs 1981 war auf die­sem Ge­län­de Nord­wol­le be­hei­ma­tet. Das Un­ter­neh­men war in sei­ner Hoch­pha­se für bis zu 25 Pro­zent der glo­ba­len Woll­ver­ar­bei­tung ver­ant­wort­lich. Heu­te er­zählt das Nord­west­deut­sche Mu­se­um für In­dus­triekul­tur dar­über. Ger­da Hart­mann führt durch das Mu­se­um und weiß gar nicht so ge­nau, wo sie an­fan­gen soll. Es gibt ein­fach zu viel zu er­zäh­len. Da ist die Ge­schich­te von der Fa­mi­lie La­hu­sen, der Nord­wol­le lan­ge ge­hör­te. Dann ist da die Ge­schich­te der Gas­t­ar­bei­ter, die in zwei gro­ßen Wel­len ka­men und in Delmenhorst in­te­griert wer­den muss­ten. Und schließ­lich ist da die Ge­schich­te vom lang­sa­men Nie­der­gang der Fa­b­rik. Del­men­hors­ter sa­gen, der ein­zi­ge Grund, nach Delmenhorst zu kom­men, ist ei­ne Kohl­fahrt bei Schie­ren­beck. Bernd Schie­ren­beck ist der Kö­nig der Kohl­fah­rer, ein Mann Mit­te 50, mit ei­nem Hän­de­druck wie ein Schraub­stock. Er bie­tet Kohl­fahr­ten im gro­ßen Stil an, ei­ne Tra­di­ti­on, die es so nur in Delmenhorst und Um­ge­bung gibt. Zur Kohl­fahrt ge­hört, dass man zu­nächst ein bis zwei St­un­den durch den Wald spa­ziert, häu­fig mit ei­ner Grup­pe von et­wa 10 bis 30 Mann. Da­bei zieht man ei­nen Bol­ler­wa­gen, in dem Schnaps und ei­ne Brot­zeit sind. Die Zeit ver­treibt man sich mit Boß­el­ku­geln oder al­ler­lei al­ber­nen Spie­len wie Pa­pier­hand­tuchWeit­wurf. Da­bei gilt die Re­gel: Wer ver­liert, trinkt ei­nen Schnaps. Dann kommt das Es­sen: Ei­ne Kohl­fahrt heißt so, weil es Grün­kohl mit Grüt­ze gibt, da­zu meist Kass­ler, Schwei­ne­bauch und Koch­würs­te. Doch ei­gent­lich geht es nur um die Par­ty. „Um halb acht ste­hen die ers­ten auf den Ti­schen“, sagt Schie­ren­beck. Von 400 Des­serts kann er manch­mal nur noch 200 ver­tei­len, der Rest steht schon auf der Tanz­flä­che oder an der The­ke. „Das muss har­te, gu­te Par­ty sein“, sagt er. Wie lang­wei­lig kann ei­ne Stadt sein, die so fei­ern kann? Zum Ab­schluss ein Be­such beim Ober­bür­ger­meis­ter. Axel Jahnz ist erst seit kur­zem im Amt. Er hat sei­ne ei­ge­ne Theo­rie da­zu, war­um nie­mand nach Delmenhorst kom­men will. Die Stu­die ge­he von fal­schen An­nah­men aus. Sie be­nach­tei­li­ge Or­te, die wie Delmenhorst vor al­lem für Tou­ris­ten aus der na­hen Ge­gend in­ter­es­sant sind, die nicht über­nach­ten. Jahnz sitzt in dem schö­nen, al­ten Rat­haus und blickt auf den Markt­platz. Er er­zählt vom Kar­tof­fel­fest, vom Wein­fest und vom Stadt­fest. Er er­zählt, dass die Men­schen ger­ne hier le­ben und die Stadt Zu­zug hat. „Letzt­end­lich ist Delmenhorst aber kei­ne Stadt, in der man ei­nen lan­gen Ur­laub plant“, sagt er.

Zählt zu Eu­ro­pas größ­ten In­dus­trie­denk­mä­lern: Das Nord­wol­le-Ge­län­de vor den To­ren Del­men­horsts war ei­ne Stadt in der Stadt. Fo­to: Hib­be­ler

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