„Fall Nen­din­gen“und Fi­nal­mo­dus

Rin­gen im Fo­kus: In­ter­view mit Wein­gar­tens Trai­ner Frank Hein­zel­be­cker

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite -

Do­ping-Er­mitt­lun­gen ge­gen Mann­schafts­meis­ter ASV Nen­din­gen, Streit zwi­schen Deut­schem Rin­ger-Bund (DRB) und den Spit­zen­ver­ei­nen we­gen ge­plan­ter Än­de­run­gen der Bun­des­li­ga­richt­li­ni­en: Es bro­delt in der Rin­ger-Kü­che. Der SONN­TAG sprach mit Frank Hein­zel­be­cker, der Trai­ner des SV Ger­ma­nia Wein­gar­ten und Mit­glied des DRB-Prä­si­di­ums ist, über den „Fall Nen­din­gen“und die ver­här­te­ten Fron­ten in der Kon­tro­ver­se um den Fi­nal­mo­dus.

Zu­nächst wer­den die be­trof­fe­nen Ak­teu­re da­zu ge­hört. Sie kön­nen sa­gen, okay, er­spart euch die Öff­nung der B-Pro­be, wir ha­ben was ge­nom­men. Oder sie sa­gen, nein wir ha­ben nichts ge­nom­men, wir kön­nen das Er­geb­nis der APro­be nicht glau­ben und ver­lan­gen des­halb die Öff­nung. Aber bei den Do­ping-Tests geht es sehr ge­wis­sen­haft zu. Mir ist bis­her kein Fall be­kannt, bei dem die B-Pro­be an­ders ge­we­sen wä­re als die A-Pro­be. Kurz­um: Bis Mitt­woch herrscht noch „Burg­frie­den“, dann wird Be­we­gung in die Sa­che kom­men.

Na­tür­lich wä­re der Ti­tel für uns die lo­gi­sche Kon­se­quenz und ich weiß, dass der DRB auch schon so et­was for­mu­liert hat. Die Fra­ge wä­re, wie stellt sich der DRB die Über­ga­be der Meis­ter­tro­phäe vor? Be­kom­men wir ein Pa­ket mit dem Po­kal, oder gibt es ei­nen Emp­fang für uns? So ei­ne Si­tua­ti­on ist für den Verband auch Neu­land. Und wir müss­ten dann noch über­le­gen, wie wir die Meis­ter­fei­er für un­se­re Ath­le­ten, Fans und Spon­so­ren ma­chen. Aber: Die Freu­de hat man uns schon ge­nom­men. Der Glücks­mo­ment des Tri­um­phes mit all sei­nen Emo­tio­nen, die Eu­pho­rie im Zelt – das lässt sich nicht re­pro­du­zie­ren.

Wir si­chern uns selbst­ver­ständ­lich ab, las­sen die Ath­le­ten wie an­ders­wo auch ei­ne Null-To­le­ranz-Er­klä­rung un­ter­schrei­ben. Au­ßer­dem ver­mit­teln wir den Sport­lern, wel­che lang­fris­ti­gen Fol­gen Do­ping-Miss­brauch ha­ben kann. Na­tür­lich kannst du nie rund um die Uhr um die Jungs her­um sein, aber auch aus­län­di­sche Ath­le­ten die 25 bis 30 Jah­re alt sind, soll­ten das wis­sen und ver­ste­hen. An­de­rer­seits ist es für die Sport­ler an­stren­gend, den Über­blick zu be­hal­ten. Sie müs­sen Pa­ckungs­bei­la­gen le­sen und auf der Sei­te der Na­da (Na­tio­na­le An­tiDo­ping Agen­tur Deutsch­land; d. Red.) im In­ter­net schau­en, was darf ich neh­men, was nicht. Das geht schon bei Hus­ten­saft oder Na­sen­sprays los. Das, was die Nen­din­ger Kämp­fer ge­nom­men ha­ben sol­len, ist aber ei­ne ganz an­de­re Li­ga. Mel­do­ni­um ist was für Herz­kran­ke, nicht für Sport­ler. Ich möch­te klar be­to­nen: Wir in Wein­gar­ten ver­ur­tei­len das, Do­ping hat im Sport nichts zu su­chen! Es wä­re al­ler­dings falsch, den Ver­ein oder den Trai­ner als „Schul­di­gen“zu se­hen.

Die Pro­ble­ma­tik ist viel­schich­tig, nicht nur im Rin­gen, in al­len Sport­ar­ten. Vor al­lem die An­for­de­run­gen in Schu­le, zum Bei­spiel durch das G8, und Be­ruf sind stark ge­stie­gen. Es wird im­mer schwe­rer, Rin­ger­nach­wuchs be­zie­hungs­wei­se Leu­te fürs Eh­ren­amt zu fin­den. Des­halb muss das Pro­blem an der Wur­zel an­ge­gan­gen wer­den. Wir müs­sen in der Ju­gend­ar­beit Gas ge­ben und die Leis­tungs­py­ra­mi­de von un­ten mit Le­ben fül­len. An der Spit­ze her­um zu mo­del­lie­ren, das führt zu nichts.

… Re­ge­län­de­run­gen gab es schon im­mer. Dar­über kann man sich auf­re­gen, aber an­ders als bei ei­nem 100-Me­terLauf ist im Rin­gen spek­ta­ku­lä­res Ge­stal­ten durch­aus mög­lich. Da bin ich nicht ne­ga­tiv ein­ge­stellt. Aber es müs­sen sinn­vol­le Än­de­run­gen sein.

Weil ge­nau das ein Bei­spiel für nicht ziel­füh­ren­des Her­um­dok­tern an der Spit­ze ist. Än­dert sich da­durch po­si­tiv et­was? Nein. Ein Fi­na­le an ei­nem neu­tra­len Ort, da geht doch je­g­li­che Eu­pho­rie ver­lo­ren. Die be­son­de­re At­mo­sphä­re vor dem Hin- und dem Rück­kampf, die Span­nung in der Wo­che da­zwi­schen – al­les weg. Da­zu kom­men Nach­tei­le für die Fans und die Spon­so­ren.

Das ist wie bei ei­ner Be­zie­hungs­kri­se. Da stellt sich doch auch die Fra­ge, ist man in der La­ge, auf­ein­an­der zu­zu­ge­hen und ei­nen Kom­pro­miss ein­zu­ge­hen, um die Ehe am Le­ben zu hal­ten? Was man über den Bun­des­li­ga-Aus­schuss wis­sen soll­te: Ihm ge­hö­ren nicht nur die Erst- son­dern auch die Zweit­li­ga­ver­tre­ter an. Das wirft die Fra­ge auf, was in­ter­es­siert Zweit­li­gis­ten oder auch Erst­li­gis­ten, die ge­gen den Ab­stieg kämp­fen, die Fi­nal­plä­ne? Letzt­end­lich wer­den zwei bis vier Teams die da­von be­trof­fen sein könn­ten, über das The­ma ent­schei­den. Aus­schlag­ge­bend dürf­ten letzt­lich So­li­da­ri­tät und Zu­sam­men­halt al­ler Ver­ei­ne sein. Viel­leicht wä­re ein neu­tra­ler „Ehe­be­ra­ter“gar nicht schlecht.

Nach po­si­ti­ven Do­ping-Pro­ben zwei­er aus­län­di­scher Rin­ger des deut­schen Meis­ters ASV Nen­din­gen, bei de­nen nach dem Fi­nal-Hin­kampf um die deut­sche Mann­schafts­meis­ter­schaft Spu­ren des Herz­mit­tels Mel­do­ni­um (ei­ne die Blut­ver­sor­gung und da­mit die Aus­dau­er er­hö­hen­de Sub­stanz, die seit dem 1. Ja­nu­ar 2016 auf der Ver­bots­lis­te steht) fest­ge­stellt wor­den sind, läuft ein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ge­gen Ver­ant­wort­li­che und Ath­le­ten des ASV. Der Deut­sche Rin­ger­Bund ver­häng­te ei­ne einst­wei­li­ge Sper­re ge­gen die Sport­ler, da­ge­gen kön­nen die­se bis zum 9. März Ein­spruch ein­le­gen. Wie ist der Stand der Din­ge? Soll­te sich der Ver­dacht be­wahr­hei­ten, wür­de der Ti­tel an den SV Ger­ma­nia Wein­gar­ten ge­hen, der das Fi­na­le bei Punkt­gleich­heit nur we­gen der we­ni­ger für sich ent­schie­de­nen Ein­zel­kämp­fe ver­lo­ren hat­te. Es wä­re nach 2011 und 2012 der drit­te „Stern“– könn­te man sich über ihn wirk­lich freu­en? Ein an­de­res, nicht we­ni­ger un­er­freu­li­ches The­ma. Ne­ben dem KAV Mans­fel­der Land als sport­li­chem Ab­stei­ger aus der Rin­ger-Bun­des­li­ga zie­hen sich Schriesheim, Lu­cken­wal­de und „Ur­ge­stein“Möm­bris/Kö­nigs­ho­fen (nach 30 Jah­ren un­un­ter­bro­che­ner Zu­ge­hö­rig­keit im Ober­haus), frei­wil­lig zu­rück. Mit Isprin­gen, Adel­hau­sen, Nen­din­gen, Aa­len, Köl­ler­bach, Schif­fer­stadt, Mainz und Wein­gar­ten blei­ben acht Teams üb­rig, die in der kom­men­de Run­de in ei­ner dann ein­glei­si­gen na­tio­na­len Eli­te­li­ga an­tre­ten. Was ist los mit dem Rin­ger-Sport in Deutsch­land?

Knack­punk­te sind al­so nicht et­wa stei­gen­de Kos­ten für den Li­ga­be­trieb, im­mer hö­he­re Ge­büh­ren für Li­zen­zen im Ober­haus oder stän­di­ge Re­ge­län­de­run­gen …

Für zwei Fi­nal­kämp­fe: Frank Hein­zel­be­cker, Trai­ner des Bun­des­li­gis­ten SVG Wein­gar­ten. Fo­to: GES/Prang

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