Von al­ten und neu­en Deut­schen

... und der Fra­ge nach der ei­gent­li­chen Her­kunft

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - Fo­to: las­se­de­si­gnen-fotolia.com/Mon­ta­ge: SO

Stil­le Er­folgs­ge­schich­ten von ein­ge­bür­ger­ten Ein­wan­de­rer­fa­mi­li­en fin­den zu we­nig An­er­ken­nung, sagt die Karls­ru­her For­sche­rin An­net­te Trei­bel. Mehr über ih­re The­sen zur In­te­gra­ti­on auf

Mi­gra­ti­ons­for­sche­rin An­net­te Trei­bel ist seit 1996 Pro­fes­so­rin für So­zio­lo­gie an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le (PH) Karls­ru­he. Viel Auf­merk­sam­keit hat ihr Buch „In­te­griert Euch. Plä­doy­er für ein selbst­be­wuss­tes Ein­wan­de­rungs­land“ge­fun­den. Trei­bel be­fasst sich mit der Si­tua­ti­on schon län­ger hier le­ben­der Ein­wan­de­rer. Es ist kein Buch über die Flücht­lin­ge der Jah­re 2015/16. Und doch ein Bei­trag, um mit der La­ge ge­dank­lich klar­zu­kom­men. Dem SONN­TAG gab Trei­bel Aus­kunft über ih­re The­sen.

Über 477 000 Men­schen ha­ben 2015 in Deutsch­land ei­nen An­trag auf Asyl ge­stellt. Vie­le Flücht­lin­ge ha­ben das for­mal noch gar nicht ge­tan oder ka­men in die­sem Jahr hin­zu. Ei­ne Mil­li­on Men­schen neu als Schutz­su­chen­de wur­den wohl im Vor­jahr re­gis­triert. Auch wenn nicht al­le hier blei­ben, kön­nen wir Hun­dert­tau­sen­de von Ein­wan­de­rern in­te­grie­ren? Ver­kraf­tet das die Ge­sell­schaft?

An­net­te Trei­bel: Vie­le glau­ben, wir wür­den bei Null an­fan­gen. Da­bei ist Deutsch­land seit Jahr­zehn­ten ein Ein­wan­de­rungs­land. Vie­le ha­ben das nicht wahr­ha­ben wol­len und das erst seit dem vo­ri­gen Som­mer so deut­lich er­kannt. Da­bei gab es in der jün­ge­ren Ge­schich­te schon Ein­wan­de­rungs­wel­len: Die Flücht­lin­ge nach dem Zwei­ten Welt­krieg, die Gas­t­ar­bei­ter aus der Tür­kei, Grie­chen­land oder Ita­li­en mit ih­ren Fa­mi­li­en, Aus­sied­ler und Spät­aus­sied­ler, die Flücht­lin­ge nach dem Ju­go­sla­wi­en­krieg. Das heißt, vie­le ha­ben Er­fah­rung mit Ein­wan­de­rung – wor­aus wir jetzt ler­nen kön­nen, um es zu schaf­fen. Zum Bei­spiel auch aus der Er­fah­rung, dass sehr vie­le Gas­t­ar­bei­ter doch nicht wie­der zu­rück­ge­gan­gen sind, wie das da­mals bei­de Sei­ten dach­ten.

Man­che sa­gen, die neu­en Flücht­lin­ge kön­ne man nicht mit den frü­he­ren ver­glei­chen, weil jetzt so vie­le Mus­li­me kom­men. Blei­ben wir zu­nächst bei der Di­men­si­on der frü­he­ren Ein­wan­de­rung. Wie vie­le Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund woh­nen hier?

Trei­bel: In Deutsch­land le­ben 73,8 Mil­lio­nen Deut­sche und 6,8 Mil­lio­nen Aus­län­der. Von die­sen ins­ge­samt 80,6 Mil­lio­nen ha­ben 16,5 Mil­lio­nen ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Das sind 20,5 Pro­zent. Mehr als die Hälf­te die­ser 16,5 Mil­lio­nen, näm­lich 9,7 Mil­lio­nen sind Deut­sche. Die Zah­len zei­gen, dass Deutsch­land ein be­lieb­tes und er­folg­rei­ches Land ist.

Trei­bel: Ich er­le­be und hö­re das auch bei mei­nen Stu­die­ren­den aus Ein­wan­de­rer­fa­mi­li­li­en. Sie sind ge­nervt von die­sem Be­ginn ei­nes Ge­sprächs. Die Fra­ge legt ein The­ma fest, viel­leicht ei­ne Hier­ar­chie in der Be­geg­nung: Hier Deut­scher, dort Aus­län­der. Ei­ne jun­ge Er­wach­se­ne, de- ren Groß­va­ter aus der Tür­kei kam, ist nicht au­to­ma­tisch Tür­kei-Ex­per­tin. Oft ist ja die lo­ka­le oder re­gio­na­le Iden­ti­fi­ka­ti­on als Ba­de­ner, Pfäl­zer und so wei­ter viel wich­ti­ger. Und der zug­hö­ri­ge Dia­lekt spielt ei­ne gro­ße Rol­le. Von Co­me­di­an Bü­lent Cey­lan gibt es ei­ne Sze­ne: Er wird ge­fragt, ob er Tür­ke oder Flücht­ling ist und ant­wor­tet: „Ich bin Mon­ne­mer, du Depp“.

Aber ras­sis­tisch ist die Fra­ge nach der Her­kunft noch nicht, oder?

Trei­bel: Für mich ist die Her­kunfts­fra­ge kein Ras­sis­mus. Aber die­je­ni­gen, die im­mer wie­der mit die­ser Fra­ge kon­fron­tiert sind, emp­fin­den es häu­fig an­ders: Sie se­hen sich zu Er­klä­run­gen ih­rer Per­son ver­pflich­tet, ob­wohl sie Deut­sche sind – „neue“Deut­sche. Selbst wenn Sie über­haupt kein Pro­blem mit dem Deutsch­sein ha­ben, wer­den sie schnell auf die al­ten Aus­län­der­plät­ze ver­wie­sen. Das selbst­ver­ständ­li­che Deutsch-Sein wird von den „al­ten“Deut­schen, wie ich sie nen­ne und nicht das Le­bens­al­ter mei­ne, oft gar nicht be­grüßt, son­dern sorgt für Ir­ri­ta­ti­on. Ich be­zeich­ne das als In­te­gra­ti­ons­pa­ra­dox: Erst wird ge­for­dert, dass sich die Mi­gran­ten an­pas­sen. Und wenn sie das tun, ist es auch wie­der nicht recht, sie sol­len als Aus­län­der iden­ti­fi­zier­bar blei­ben. Da­bei könn­ten es die „al­ten“Deut­schen als Be­stä­ti­gung für das Land, sei­ne Wer­te und Le­bens­wei­sen ver­ste­hen, dass es die „neu­en“Deut­schen gibt. Und des­halb for­dern Sie von den Alt­ein­ge­ses­se­nen, die seit Ge­ne­ra­tio­nen Deut­sche sind, auch ei­ne Art In­te­gra­ti­on?

Trei­bel: Ja, mein Ap­pell lau­tet: In­te­griert euch eu­rer­seits in das Ein­wan­de­rungs­land, zu dem Deutsch­land ge­wor­den ist. Die­ses Deutsch­land mit De­mo­kra­tie, Fö­de­ra­lis­mus, In­di­vi­dua­lis­mus, Gleich­be­rech­ti­gung und Bür­ger­be­tei­li­gung.

Ein­wan­de­rung hat nicht nur po­si­ti­ve Fol­gen: Es bil­den sich Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten. Jun­ge mus­li­mi­sche Män­ner ver­hal­ten sich re­spekt­los ge­gen­über Leh­re­rin­nen und Po­li­zis­tin­nen. Es gibt Eh­ren­mor­de. Und Sil­ves­ter in Köln war kei­ne Wer­bung für die Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft ...

Trei­bel: Des­halb ist es viel­leicht so­gar gut, dass es Köln gab, weil Deutsch­land klar sagt, was nicht geht bei uns. Ent­ge­gen der All­tags­mei­nung, für die Kon­flik­te be­un­ru­hi­gend wir­ken, ge­hö­ren – aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht ge­se­hen – Kon­flik­te so­gar da­zu. Ich sa­ge ganz deut­lich, In­te­gra­ti­on ist kei­ne Ku­schel­ver­an­stal­tung. Sie ist an­stren­gend, sie sorgt für Ir­ri­ta­ti­on und ver­än­dert Hier­ar­chi­en. Klar ist auch: Men­schen wol­len sich er­re­gen. An­hand von ein­zel­nen Vor­gän­gen ver­all­ge­mei­nern sie. Ob­wohl es Ta­ten von der Min­der­heit in der Min­der­heit sind.

Auch an­ders­her­um kommt es vor, dass Mi­gran­ten schnell die Vor­wurfs­keu­le „Ras­sis­mus“schwin­gen, wenn ihr Ver­hal­ten kri­ti­siert wird ...

Trei­bel: Ja, man löst Kon­flik­te nicht un­ter der ir­ri­gen An­nah­me, dass Ein­wan­de­rer bes­se­re Men­schen sind. Aber die auf­ge­reg­te Wahr­neh­mung ei­nes Fal­les von ge­schei­ter­ter In­te­gra­ti­on ver­deckt tau­sen­de Bei­spie­le von ge­lun­ge­ner, stil­ler In­te­gra­ti­on. Auf­stie­ge und Er­fol­ge von Mi­gran­ten wer­den viel we­ni­ger the­ma­ti­siert. Wenn 15 Pro­zent kei­nen Schul­ab­schluss ha­ben, dann sind es im­mer­hin 85 Pro­zent, die ei­nen ha­ben. In der zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on sind es 94,7 Pro­zent. Und bei ei­ni­gen von Ih­nen ge­nann­ten Pro­ble­men wer­den Er­schei­nun­gen ver­all­ge­mei­nert oder un­ter ne­ga­ti­vem Blick­win­kel ge­se­hen.

Was mei­nen Sie kon­kret?

Trei­bel: Die Ab­schot­tung von Grup­pen ist so­zi­al nor­mal, bei Ein­wan­de­rern und Nich­tEin­wan­de­rern. Wir spre­chen von An­pas­sungs­schleu­sen, wenn Men­schen in ei­nem Ein­wan­de­rer­vier­tel le­ben. Zum The­ma Eh­ren­mord hat ei­ner mei­ner Kol­le­ge ein­mal ei­nen Ver­gleich her­an­ge­zo­gen: Wür­de man pro­le­ta­ri­sche Ver­sio­nen von Eh­re, ein­schließ­lich Eh­ren­mord, mit tür­ki­scher Kul­tur ge­ne­rell gleich­set­zen, wä­re das für tür­ki­sche Mit­tel­schich­ten eben­so krän­kend, wie wenn das Ver­hal­ten von Bran­den­bur­ger Neo­na­zis als ty­pisch für deut­sche Mit­tel­schich­ten er­klärt wür­de. Die Re­li­gi­on, auch die is­la­mi­sche, ist für jun­ge Men­schen eher ein sta­bi­li­sie­ren­der Fak­tor. Jun­ge Sala­fis­ten aus Deutsch­land stam­men oft aus we­ni­ger re­li­giö­sen Fa­mi­li­en und wol­len sich durch die Ra­di­ka­li­sie­rung von ih­nen ab­gren­zen. Die Mehr­heit der deut­schen Mus­li­me prak­ti­ziert ih­ren Glau­ben so ak­tiv und pas­siv, wie dies auch evan­ge­li­sche oder ka­tho­li­sche Chris­ten tun.

80,6 Mil­lio­nen Ein­woh­ner wur­den zu­letzt in Deutsch­land ge­zählt. Da­von ha­ben 16,5 Mil­lio­nen ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Das ent­spricht 20,5 Pro­zent. Fo­to: on­einch­punch@fotolia.com

Sie be­fas­sen sich in ih­rem Buch viel mit den Fa­cet­ten des „Deutsch­sein“und dem Pro­blem, dass ein­ge­bür­ger­te ehe­ma­li­ge Ein­wan­de­rer oft nicht als „nor­ma­le“Deut­sche be­han­delt wer­den. Weil sie an­ders aus­se­hen oder ei­nen an­de­ren Na­men ha­ben. Die­se Leu­te mö­gen es nicht, wenn ih­nen an­dau­ernd die Fra­ge ge­stellt wird: „Wo kom­men Sie ur­sprüng­lich her?“War­um ist die so hei­kel? An­net­te Trei­bel ist Karls­ru­her Mi­gra­ti­ons­for­sche­rin an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le und fin­det: Die Alt­ein­ge­ses­se­nen soll­ten sich in das Ein­wan­de­rungs­land Deutsch­land in­te­grie­ren. Fo­to: pr

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