Tho­mas Rei­ter: Sehn­sucht nach dem All

Tho­mas Rei­ter hat gro­ßen Re­spekt vor der Leis­tung sei­ner Kol­le­gen, die fast ein Jahr im All wa­ren

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE -

Der deut­sche As­tro­naut Tho­mas Rei­ter war ins­ge­samt fast ein Jahr im All: 171 Ta­ge auf der In­ter­na­tio­na­len Raum­sta­ti­on ISS und 179 Ta­ge auf der Sta­ti­on „Mir“. Heu­te ar­bei­tet der am 23. Mai 1958 in Frank­furt am Main ge­bo­re­ne frü­he­re Jet­pi­lot bei der Eu­ro­päi­schen Welt­raum­be­hör­de Esa. Die Ge­füh­le des Rus­sen Mich­ail Kor­ni­jen­ko und des Ame­ri­ka­ners Scott Kel­ly, die am Mitt­woch nach fast ei­nem Jahr im All zu­rück­kehr­ten, kann der 57-Jäh­ri­ge nach­emp­fin­den. „Mich packt im­mer wie­der die Sehn­sucht, ob­wohl man dort oben Fa­mi­lie und Na­tur ver­misst“, sag­te Rei­ter.

Ist es nicht sym­pto­ma­tisch, dass ein US-Ame­ri­ka­ner und ein Rus­se die­se Jah­res­mis­si­on ab­sol­vie­ren? Wie sehr schmerzt Eu­ro­pas Rol­le als Ju­ni­or­part­ner bei solch ehr­gei­zi­gen Plä­nen der Raum­fahrt?

Tho­mas Rei­ter: Die­se Wahr­neh­mung ha­be ich nicht. Schon lan­ge ha­ben wir die Rol­le des Ju­ni­or­part­ners hin­ter uns ge­las­sen – heu­te sind wir auf Au­gen­hö­he. Das wird von den in­ter­na­tio­na­len Part­nern so be­stä­tigt und ba­siert auf un­se­ren Leis­tun­gen, et­wa dem For­schungs­la­bor Co­lum­bus für die ISS, der Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne 5 und dem Raum­frach­ter ATV. Wir ha­ben um­fas­sen­de Er­fah­rung in der Ent­wick­lung und dem Be­trieb von Raum­fahrt­sys­te­men ge­sam­melt und neh­men auch ei­ne Ver­mitt­ler­rol­le bei der in­ter- na­tio­na­len Zu­sam­men­ar­beit ein, et­wa mit Chi­na. Grund­sätz­lich hät­ten wir die Jah­res­mis­si­on mit­ma­chen kön­nen. Aber wir schi­cken statt­des­sen lie­ber zwei Esa-As­tro­nau­ten für je sechs Mo­na­te zur ISS.

Ein Jahr auf der ISS: Wie beugt man da ei­nem La­ger­kol­ler vor?

Rei­ter: Man hängt sich ja nicht per­ma­nent auf der Pel­le. Die ISS ist mit den Jah­ren ge­wach­sen und in­zwi­schen fast so ge­räu­mig wie ein Jum­bo-Jet. Es gibt Ta­ge, an de­nen man sich nur beim Es­sen oder beim Sport sieht. Na­tür­lich gibt es auch mal Durch­hän­ger, und manch­mal sind Ar­bei­ten zu ver­rich­ten, die ei­nem nicht so na­he lie­gen. Et­wa War­tungs­ar­bei­ten. Man kann es den Kol­le­gen schon an­se­hen, ob sie oder er durch­hängt. Das Schö­ne ist, dass man sich auf­ein­an­der ver­las­sen kann und sich auch in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on ge­gen­sei­tig mo­ti­viert.

Wie aus­sa­ge­kräf­tig sind die Er­geb­nis­se die­ser Jah­res­mis­si­on – et­wa für ei­nen Mars-Flug mit ganz an­de­ren Her­aus­for­de­run­gen?

Rei­ter: Sie hel­fen, wich­ti­ge Ant­wor­ten zu ge­ben, wenn wir den Er­dor­bit ein­mal ver­las­sen wol­len. Zum Bei­spiel für ei­ne Mars­mis­si­on. Na­tür­lich kann man et­wa die Be­las­tung durch kos­mi­sche Strah­lung nicht zu 100 Pro­zent si­mu­lie­ren. Auch wür­de man auf dem Weg zum Mars nur die Son­ne se­hen, nicht den Hei­mat­pla­ne­ten Er­de, die­sen psy­cho­lo­gi­schen Aspekt kön­nen wir nicht tes­ten – aber zum Bei­spiel die Aus­wir­kun­gen der Schwe­re­lo­sig­keit auf Kno­chen und Mus­keln. Alex­an­der Gerst konn­te bei sei­nem Be­such im All so­gar Mus­kel­mas­se auf­bau­en. Das sind viel­ver­spre­chen­de Per­spek­ti­ven für zu­künf­ti­ge Mis­sio­nen zu un­se­rem Nach­bar­pla­ne­ten.

Ist ei­ne solch au­ßer­ge­wöhn­li­che Mis­si­on auch ein Ar­gu­ment für den Er­halt der In­ter­na­tio­na­len Raum­sta­ti­on ISS über 2024 hin­aus?

Rei­ter: In Eu­ro­pa steht in der Esa-Mi­nis­ter­rats­kon­fe­renz in die­sem Jahr erst ein­mal die Ent­schei­dung der Ver­län­ge­rung von 2020 bis 2024 an. Aber es stimmt: Wir ar­bei­ten schon lan­ge an die­sem Pro­jekt, die Mit­glieds­län­der der Esa ha­ben in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren et­wa neun Mil­li­ar­den Euro in das ge­sam­te Pro­gramm in­ves­tiert. Das ent­spricht 8,4 Pro­zent der Ge­samt­in­ves­ti­tio­nen al­ler Part­ner. Es wä­re scha­de, die­sen Rie­sen­auf­wand mit den ame­ri­ka­ni­schen, rus­si­schen, ka­na­di­schen und ja­pa­ni­schen Part­nern be­trie­ben zu ha­ben und jetzt zu sa­gen: Okay, hö­ren wir auf. Na­tür­lich muss man sich fra­gen: Wie sieht es nach 2024 aus? Die For­schungs­the­men wer­den uns be­stimmt nicht aus­ge­hen. Al­ler­dings könn­te der Auf­wand für War­tung und In­stand­hal­tung stei­gen.

Tho­mas Rei­ter gilt als der er­fah­rens­te der elf deut­schen Raum­fah­rer. Vor der Leis­tung der bei­den As­tro­nau­ten, die fast ein Jahr lang im Kos­mos ar­bei­te­ten, hat er Re­spekt. Fo­to: avs

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