Ei­ner zahlt im­mer…

Ist Geld gut oder bö­se? – Ant­wor­ten in Ba­den-Ba­den

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION -

Ganz schön un­an­ge­neh­me Ge­stal­ten be­völ­kern gera­de die Kunst­hal­le Ba­den-Ba­den. Ein Steu­er­ein­trei­ber lüm­melt auf dem Öl­ge­mäl­de von Ma­ri­nus van Rey­mers­wae­le mit gie­rig ver­zo­ge­nem Ge­sicht ne­ben Rech­nungs­buch und Münz­hau­fen. Zwei von Lud­wig Kn­aus ge­mal­te Falsch­spie­ler zo­cken gera­de ei­nen Mann ab, des­sen klei­ne Toch­ter eben­so un­glück­lich wie ver­geb­lich an Pa­pas Rock zerrt. Er­schöpf­te Ban­ker sit­zen mit lee­ren Ge­sich­tern und to­ten Au­gen zwi­schen zer­knüll­tem Pa­pier, Müll­ber­gen und nutz­lo­sen Te­le­fo­nen. Die Bör­se nach dem Crash ist in der Vi­deo-Ar­beit „Midd­le­men“von Aer­nout Mik ei­ne grob­kör­ni­ge Apo­ka­lyp­se. Geld – es ist bö­se, schmut­zig, trist und kalt. Geld – es hält warm, hebt Stan­des­gren­zen auf, macht frei und fröh­lich. Die Gro­ße Lan­des­aus­stel­lung „Gu­tes bö­ses Geld“trägt die­se Am­bi­va­len­zen gleich im Ti­tel und spielt quer durch acht Jahr­hun­der­te mit der Wahr­neh­mung und dem Um­gang mit Geld. „Mün­zen, Schei­ne, Kre­dit­kar­ten ge­ben für sich ge­nom­men nichts von der Kraft des Gel­des preis“, sagt Kunst­hal­len-Di­rek­tor Jo­han Hol­ten. Kraft, Zer­stö­rung, Macht des Gel­des – sie ent­wi­ckeln sich durch die Zei­ten aus der In­ter­ak­ti­on des Men­schen mit dem Mam­mon. „Der Um­gang mit Geld war nie gleich“, sagt Hol­ten. Was al­so ist Geld? Ei­ne Fra­ge und ganz vie­le Ant­wor­ten in der Schau, die bis 19. Ju­ni zu se­hen ist. Sie be­ginnt mit ei­ner Ta­fel der Fi­nanz­ver­wal­tung von Sie­na aus dem Jahr 1264: Ein Mann sitzt dort an ei­nem Tisch mit Buch, Geld­sä­ckel und Mün­zen, sta­tisch, se­ri­ös und un­an­greif­bar. Es ist das frü­hes­te der rund 120 Wer­ke, die die Kunst­hal­le zu­sam­men mit dem Ca­si­no Ba­den-Ba­den und dem Stadt­mu­se­um der Kur­stadt aus­stellt. Spä­ter brei­tet sich Geld aus, die Han­dels­strö­me neh­men zu – das Ver­hält­nis zum Geld eta­bliert sich als To­pos in der Kunst. Ma­ler be­schäf­ti­gen sich in al­le­go­ri­schen Darstel­lun­gen da­mit, wie man Geld vi­sua­li­sie­ren kann. Geld aber an sich zu zei­gen – das ist ein Ta­bu. Der Ta­bu­bruch kommt erst mit An­dy War­hol in den 1960er Jah­ren, der Geld re­spekt­und kom­men­tar­los ein­fach nur ab­bil­det: In 40 Zwei-Dol­lar-Schei­nen, nüch­ter­ner Sieb­druck auf Lein­wand. Stumm dreht sich zwei Räu­me wei­ter ein gol­de­ner Ein­kaufs­wa­gen von Syl­vie Fleu­ry. „Plum­pi­ty...plump“steht auf dem Griff. „Rein da­mit“, sagt Hol­ten, aber mit was? Es ist egal, der lee­re Wa­gen dreht sich wei­ter als sinn­lee­res Kon­sum­ka­rus­sell. Geld – be­zie­hungs­wei­se das Nicht­ha­ben von Geld – po­li­ti­siert. Ge­mäl­de von ein­fa­chen Leu­ten, die in ärm­li­chen Spe­lun­ken ih­ren kärg­li­chen Lohn ver­ju­xen, ge­hen im Ver­lauf der Aus­stel­lung über in Darstel­lun­gen von Ar­bei­tern, die sich zu­sam­men­rot­ten, pro­tes­tie­ren, mehr Lohn wol­len. Karl Marx ist am Zug; ei­ne al­te Aus­ga­be sei­nes Bu­ches „Das Ka­pi­tal“liegt aus; da­ne­ben als iro­ni­scher Schlen­ker ei­ne klei­ne fo­to­gra­fi­sche Ar­beit von Zacha­ry Form­walt: ein Ver­trag zwi­schen Karl Marx und sei­nem Ver­le­ger, be­krit­zelt mit ein paar Zah­len. Auch Ka­pi­ta­lis­mus­kri­ti­ker müs­sen von ir­gend­was le­ben. Das Ca­si­no in der rei­chen Kur­stadt Ba­denBa­den gibt un­ter Lüs­tern und ver­zier­ten De­cken ei­ne präch­ti­ge Ku­lis­se ab für spek­ta­ku­lä­re In­stal­la­tio­nen: Ver­schie­den gro­ße Türm­chen von Spiel­je­tons bil­den in ei­nem Werk von Liu Ji­an­hua die Sky­line von Shanghai ab. Zwi­schen den Spiel­ti­schen sind ver­gol­de­te Bar­ren der Künst­le­rin Ali­c­ja Kwa­de zu se­hen, die wie Bri­ketts im Ka­min auf­ge­baut wur­den: So schnell kann die Koh­le weg sein; die Fi­nanz­kri­se 2008 lässt grü­ßen. Wie klein­laut und kläg­lich Geld da­her­kom­men kann, sym­bo­li­siert ein Paar zer­knüll­te ge­tra­ge­ne schwar­ze So­cken des Schwei­zer Ak­ti­ons­künst­lers Chris­toph Bü­chel: Sie lie­gen un­ter ei­ner Glas­vi­tri­ne, wur­den vor ei­ni­gen Jah­ren auf ei­ner Lon­do­ner Kunst­mes­se zum Preis von 20 000 Euro an­ge­bo­ten. Geld stinkt nicht, soll der rö­mi­sche Kai­ser Ve­spa­si­an ein­mal ge­sagt ha­ben. Aber die So­cken, die müf­feln ver­mut­lich. Viel­leicht sind sie noch zu ha­ben.

Der Ta­bu­bruch von 1962: An­dy War­hol bil­det mit „40 Dol­lar Bills“Geld ein­fach nur ab.

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