Rock ’n’ Rol­la­tor

Wie die Geh­hil­fe in ei­ner Main­zer Se­nio­ren­re­si­denz zum Tanz­part­ner wird

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Mei­ke Hick­mann

Friederike Kolb ist 100 Jah­re alt und hät­te nie­mals ge­dacht, dass sie noch ein­mal tan­zen kann – doch mit dem Rol­la­tor geht das wie­der. „ Als jun­ges Mäd­chen ha­be ich so ger­ne ge­tanzt, und auch jetzt macht mir das so viel Spaß“, sagt sie. Je­den Mitt­woch­vor­mit­tag gibt So­zi­al­ar­bei­te­rin Ger­burg Car­tus in der Se­nio­ren­re­si­denz Fran­ken­hö­he in Mainz ihr und an­de­ren al­ten Men­schen ganz be­son­de­re Tanz­stun­den. Die jüngs­te Teil­neh­me­rin ist 80 Jah­re alt, al­le ha­ben hier den glei­chen Tanz­part­ner: ih­ren Rol­la­tor. Auch für den All­ge­mei­nen Deut­schen Tanz­leh­rer­ver­band (ADTV) ist das ein The­ma, er hat nun „ Agil im Al­ter – das Rol­la­tor-Tan­zHand­buch“in Mainz vor­ge­stellt. Da­mit wer­den Mit­ar­bei­ter von Se­nio­ren­ein­rich­tun­gen an­ge­lei­tet, ent­spre­chen­de Tanz­stun­den zu ge­ben. Die Idee brach­te die Cor­ne­lia Wil­li­usSen­zer aus den Nie­der­lan­den mit. Sie ist Prä­si­den­tin des ADTV und Che­fin ei­ner Main­zer Tanz­schu­le. „Das war so wun­der­schön, die Tän­zer hat­ten Trä­nen in den Au­gen“, er­zählt sie. Seit zwei Jah­ren gibt der ADTV schon Rol­la­tor-Tanz-Kur­se in Se­nio­ren­ein­rich­tun­gen und Tanz­schu­len, un­ter­stützt hat das Pro­jekt die Kran­ken­kas­se AOK mit 20 000 Euro. „Das wur­de sehr gut an­ge­nom­men“, sagt Wil­li­usSen­zer. „Vie­le wa­ren erst ein biss­chen skep­tisch, aber so­bald dann die Mu­sik los­ging, sah man so ein Leuch­ten in den Au­gen.“Die Be­woh­ner der Se­nio­ren­re­si­denz Fran­ken­hö­he ha­ben viel Spaß an den Tän­zen: drei Schrit­te in die Kreis­mit­te, Wie­ge­schritt und wie­der zu­rück – an­de­re Tän­ze sind mit Klat­schen und Arm­be­we­gun­gen. Be­reits An­fang 2011 hat­te Wil­li­us-Sen­zer in Pfle­ge­hei­men für den Rol­la­tor-Tanz ge­wor­ben, das mo­ti­vier­te Car­tus. Sie weiß, wie vie­le Vor­tei­le die Ak­ti­vi­tät für äl­te­re Men­schen brin­gen kann. „Das tut ih­nen auch un­heim­lich gut, sich zu prä­sen­tie­ren – das ist su­per für das Selbst­be­wusst­sein und die Le­bens­freu­de“, sagt sie. Ih­re Grup­pe macht zu Fast­nachts-, Som­mer-, Weih­nachts- und Ju­bi­lä­ums­fei­ern der Re­si­denz auch Auf­füh­run­gen mit Ko­stü- men – mit ge­schmück­ten Rol­la­to­ren, zum weih­nacht­li­chen Lich­ter­tanz so­gar mit Be­leuch­tung. „Das reißt mich los aus dem All­tag und gibt mir neu­en Schwung“, sagt Ma­rie-Lui­se Drey­er (80). Sie schwört auf den Rol­la­tor. „Ich trans­por­tie­re mei­nen Wä­sche­korb dar­auf, er ist Tee­wa­gen, Ein­kaufs­hil­fe – und Tanz­part­ner!“. Car­tus be­ginnt die St­un­de mit lang­sa­me­ren Tän­zen, dann kom­men schnel­le­re. „Tan­zen ist auch ein sehr gu­tes Ge­dächt­nis­trai­ning“, sagt Car­tus. Und es för­dert den Kon­takt un­ter­ein­an­der. Nach je­dem Tanz gibt es kur­ze Pau­sen für Ge­sprä­che. „Die Be­woh­ner freu­en sich sehr, weil sie vie­le schö­ne Er­in­ne­run­gen mit den Lie­dern ver­bin­den“, sagt Car­tus. Zum Ab­schluss der St­un­de kommt der Lieb­lings­tanz al­ler – ei­ne For­ma­ti­on zur Me­lo­die von „Ich tan­ze mit dir in den Him­mel“. Die Ju­gend von El­se Bou­ché wur­de über­schat­tet vom Krieg. Sie ha­be da­mals viel Angst ge­habt, sagt die 89-Jäh­ri­ge. „Da­nach war ja al­les ka­putt – aber ge­tanzt ha­ben wir trotz­dem, da­bei hat­ten wir Spaß.“Mu­sik und Tanz ha­be des­halb ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung für sie. Das Hand­buch zum Rol­la­tor-Tanz wur­de vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um mit 35 000 Euro un­ter­stützt. Ne­ben Ein­stiegs­übun­gen für Mo­to­rik, Rhyth­mus und Takt­zäh­len wer­den prak­ti­sche Tipps für St­un­den ge­ge­ben. Es fol­gen An­lei­tun­gen, wie man mit dem Rol­la­tor Stan­dard­tän­ze wie Fox­trott und Wal­zer tan­zen kann so­wie la­tein­ame­ri­ka­ni­sche wie Rum­ba und Sam­ba oder Volks­tän­ze wie die Po­lo­nai­se. Das al­les gibt es in drei Schwie­rig­keits­stu­fen. Die Tän­ze wer­den in Vor­wärts-, Rück­wärts- und Wie­ge­schrit­te über­setzt, oft kom­men Ar­me und Hüf­te zum Ein­satz, ein Ka­pi­tel zeigt Tän­ze im Sit­zen. Zwei Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land be­nut­zen laut ADTV ei­nen Rol­la­tor. „Zu­erst woll­te man sich da­mit nicht bli­cken las­sen, aber mitt­ler­wei­le ge­hört das zum Stra­ßen­bild“, sag­te Roland Hardt, Pro­fes­sor für Ger­ia­trie am Ka­tho­li­schen Kli­ni­kum Mainz (kkm). Als fach­kun­dig ver­ord­ne­tes Hilfs­mit­tel sei der Rol­la­tor sehr sinn­voll. Wich­tig sei, dass die Grif­fe gut an die Grö­ße des Pa­ti­en­ten an­ge­passt wer­den, da­mit die­ser nicht zu ge­bückt lau­fe. Tan­zen mit der Ge­hil­fe hält er für ei­ne gu­te Mus­kel- und Ko­or­di­na­ti­ons­übung. „So et­was wird im­mer be­lä­chelt, aber es ist sehr wirk­sam, weil es Stür­zen vor­beugt.“

„Das gibt mir neu­en Schwung“

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