„Le­sen ist po­li­tisch“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Ju­lia Giertz

Frau­en­buch­lä­den – gibt es die über­haupt noch? In den 1970er-Jah­ren schos­sen sie wie Pil­ze aus dem Bo­den, heu­te muss man sie mit der Lu­pe su­chen. „Der Tod des Mär­chen­prin­zen“oder „Ich bin ich“– das wa­ren Buch­ti­tel, die in den 1970ern für die Selbst­be­stim­mung der Frau stan­den. Ihr Zu­hau­se hat­te die fe­mi­nis­ti­sche Li­te­ra­tur in Frau­en­buch­lä­den, die es in je­der grö­ße­ren Stadt gab. Ihr Mot­to hieß: Le­sen ist po­li­tisch. Heu­te gibt es noch ei­ne Hand­voll der Lä­den, in de­nen Män­nern in der Re­gel der Zu­tritt ver­wei­gert ist. „Tha­les­tris“in Tü­bin­gen, be­nannt nach ei­ner Ama­zo­nen­kö­ni­gin, ist wohl der ein­zi­ge La­den in Deutsch­land, der noch von der Grün­de­rin­nenge­ne­ra­ti­on ge­führt wird. „Bis 1977 muss­ten Frau­en noch die Zu­stim­mung des Ehe­man­nes ein­ho­len, wenn sie ar­bei­ten woll­ten“, er­in­nert Ni­co­la Pop­pe, die 1978 mit acht Mit­strei­te­rin­nen den La­den er­öff­ne­te.

Frau­en­buch­lä­den – es gibt noch wel­che

„Ge­win­ne er­wirt­schaf­ten war nicht das Ziel der Frau­en­buch­lä­den. Mit viel Idea­lis­mus schaff­ten Frau­en ei­nen Raum, in dem Se­xua­li­tät, Ge­walt in der Ehe, Schwan­ger­schafts­ab­bruch the­ma­ti­siert wur­den“, er­läu­tert die Buch­wis­sen­schaft­le­rin Im­ke Fol­kerts. Das be­stä­tigt das „Tha­les­tris“-Trio Pop­pe, Kor­ne­lia Wa­gen­blast und Han­ne­lo­re Ha­eus­ler. „Wir schaf­fen gera­de mal ei­ne schwar­ze Null“, sagt Wa­gen­blast. Ihr Ein­kom­men ver­die­nen sie und Ha­eus­ler als Gra­fi­ke­rin­nen, Pop­pe ver­dient ih­re Bröt­chen an ei­ner Thea­ter­kas­se. Auch für die Kun­din­nen sind Frau­en­buch­lä­den mehr als ein Ge­schäft. „Hier füh­le ich mich wohl,“, sagt die Ver­käu­fe­rin Han­na M., die ih­re Pau­se im Tü­bin­ger La­den ver­bringt. „Das ist mei­ne Well­ness-Oa­se“. Die 52-Jäh­ri­ge, die in­ter­es­siert sich vor al­lem für „Frauenpower-Bü­cher“wie „Göt­tin­nen al­tern nicht“. Frü­her um­fass­te das Pro­gramm von „Tha­les­tris“vor al­lem Er­fah­rungs­be­rich­te, Fach- und Sach­bü­cher so­wie theo­re­ti­sche Schrif­ten. Die rück­läu­fi­ge An­zahl von Frau­en­buch­lä­den spie­gelt ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen wi­der, meint Fol­kerts. „Der Fe­mi­nis­mus ist heu­te we­ni­ger sicht­bar, recht­lich ha­ben Frau­en schon viel er­kämpft.“Aber Bü­cher mit eman­zi­pa­to­ri­schem Cha­rak­ter sei­en nicht über­flüs­sig. Das mei­nen auch die Tü­bin­ger Buch­händ­le­rin­nen. Zwar sei­en die Kun­din­nen mit ih­nen alt ge­wor­den, sa­gen Pop­pe und Wa­gen­blast, die um die 60 Jah­re sind. Doch seit et­wa zwei Jah­ren kä­men jun­ge Frau­en ver­stärkt in den La­den.

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