Teu­rer Schutz für Scha­fe

Schlaf­lo­se Näch­te aus Angst vor den Wöl­fen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Avs mag

Wenn bei Kay Krog­mann früh mor­gens das Te­le­fon klin­gelt, be­kommt er Angst. Spät abends das glei­che. Bin­nen drei Wo­chen hat der Schä­fer zwei Über­grif­fe von Wöl­fen auf sei­ne Tie­re er­lebt. Pu­rer Stress für den 35-Jäh­ri­gen aus Frei­burg an der El­be. „Ich kann nachts im Stall nicht das Licht aus­ma­chen, weil die Scha­fe sonst in Pa­nik ge­ra­ten“, sagt der Schä­fer. Er kön­ne kaum noch schla­fen. Exis­tenz­kampf in Nie­der­sach­sen. In Bran­den­burg, Meck­len­bur­gVor­pom­mern, Sach­sen, Sach­sen-An­halt und eben Nie­der­sach­sen ha­ben sich Wöl­fe bis­lang an­ge­sie­delt – und rei­ßen auch Scha­fe. „Wenn man das Geld zum Schutz der Scha­fe hat, ist der Wolf im All­ge­mei­nen nicht wirk­lich ei­ne Be­dro­hung“, sagt Knut Kucz­nik, der Vor­sit­zen­de des Schaf­zucht­ver­ban­des Ber­lin-Bran­den­burg. Auch Na­bu-Wolf-Ex­per­te Mar­kus Ba­then meint: „Mit be­stimm­ten Zäu­nen und Hun­de­ty­pen kön­nen die Scha­fe hoch­gra­dig ge­schützt wer­den.“Die Schaf­hal­ter müss­ten beim Auf­stel­len der Zäu­ne ei­nen an­de­ren Blick­win­kel ein­neh­men: Es ge­he we­ni­ger dar­um, dass die Scha­fe nicht ent­kom­men könn­ten, son­dern dar­um, dass Wöl­fe nicht her­ein­kä­men. „Bach­läu­fe müs­sen zum Bei­spiel ab­ge­si­chert wer­den. Denn Scha­fe ge­hen zwar nicht durch Was­ser, der Wolf aber schon“, sagt Ba­then. Doch: „Wir kön­nen uns zum Bei­spiel we­gen der vie­len Grä­ben nicht aus­rei­chend mit Zäu­nen be­hel­fen“, klagt Schä­fer Krog­mann. Das hat fa­ta­le Fol­gen. Denn Ent­schä­di­gun­gen vom Land gibt es nur, wenn die Scha­fe aus­rei­chend ge­schützt sind – und für ihn des­halb nicht mehr. „Nie­mand hier oben im Nor­den kann sich mit den Zäu­nen schüt­zen“, sagt Krog­mann. Tors­ten Rein­wald vom Deut­schen Jagd­ver­ein sieht das ähn­lich: „Es ist völ­lig un­rea­lis­tisch, Hun­der­te von Ki­lo­me­tern an Dei­chen wolfs­si­cher ein­zu­zäu­nen.“An den Dei­chen gibt es ein wei­te­res Pro­blem: Her­den­schutz­hun­de wie der Py­re­nä­en­berghund kön­nen dort nicht ein­ge­setzt wer­den, weil sie ag­gres­siv ge­gen­über Frem­den sind. „Man müss­te die Dei­che sper­ren, weil die Hun­de sonst Pas­san­ten an­grei­fen“, sagt Krog­mann. Au­ßer­dem sei­en die Hun­de teu­er. „Un­se­re et­wa 1 800 Scha­fe ha­ben wir im Win­ter in sie­ben oder acht Her­den auf­ge­teilt. Da müss­te ich 25 bis 30 Her­den­schutz­hun­de kau­fen“, sagt der Schä­fer. Bei Prei­sen von et­wa 4 000 Euro und Un­ter­halts­kos­ten von rund 1 000 Euro pro Hund und Jahr sei das nicht be­zahl­bar. Die Län­der un­ter­stüt­zen die Schä­fer beim Kauf von Hun­den und Zäu­nen, die Un­ter­halts­kos­ten muss je­der selbst zah­len. Das lo­ka­le Pro­blem der Bun­des­län­der, in de­nen der Wolf bis­lang hei­misch ist, kann bald ein na­tio­na­les wer­den. Denn die Wöl­fe könn­ten sich in vie­len Re­gio­nen in ganz Deutsch­land an­sie­deln, sagt Na­bu-Ex­per­te Ba­then. Kay Krog­mann hat al­les pro­biert: Aber selbst ab­schre­cken­de Leucht­strah­ler aus Aus­tra­li­en ver­fehl­ten ih­re Wir­kung. Sei­ne Scha­fe im­mer im Stall zu hal­ten, sei zu teu­er. Ir­gend­wann müs­se er die Not­brem­se zie­hen. „Die Tie­re auf­zu­ge­ben, ist für mich der ab­so­lu­te Hor­ror, aber im­mer noch bes­ser, als wenn der Wolf sie zer­fleischt“, sagt der 35-Jäh­ri­ge. Mit­ar­bei­ter kön­nen in der Re­gel nicht den Ar­beit­ge­ber da­für haft­bar ma­chen, wenn ih­nen im Job Wert­sa­chen ge­stoh­len wer­den. Das gilt je­den­falls, wenn sie die­se nicht zwin­gend mit sich füh­ren müs­sen. So ent­schied das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, nach­dem ei­nem Kli­nik-Mit­ar­bei­ter 20 000 Euro teu­rer Schmuck ab­han­den ge­kom­men war.

Schä­fer Kay Krog­mann liebt sei­ne Tie­re – trotz­dem denkt er ans Auf­hö­ren. Fo­to: avs

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