„Vie­le pro­bie­ren neue Din­ge aus“

An der Töp­fer­schei­be wird wie­der ge­dreht

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Re­bec­ca Kriz­ak

Nach Stri­cken, Ba­cken und Gärt­nern kommt jetzt: Töpfern. „Wir stel­len fest, dass das In­ter­es­se wie­der da ist“, sagt Al­f­red Schließ­ler vom Ver­ein der Ke­ra­mi­ker in Ba­denWürt­tem­berg. Auch Werk­stät­ten in Nie­der­sach­sen und Ber­lin be­rich­ten von ei­ner hö­he­ren Nach­fra­ge – nach den Pro­duk­ten und den Kur­sen, in de­nen die Men­schen selbst Hand an­le­gen wol­len. Ver­al­tet und an­ge­staubt, da­zu ein Hauch von Öko-Selbst­fin­dungs­trip – so wur­de das Töpfern spä­tes­tens seit den 80er Jah­ren von vie­len ge­se­hen. Jetzt aber er­klä­ren im Netz plötz­lich jun­ge Men­schen, war­um es für sie das Größ­te ist, ei­nen täu­schend echt aus­se­hen­den Kür­bis zu for­men. „Be­vor ich an­ge­fan­gen ha­be, dach­te ich, Töpfern sei so ei­ne Sa­che für al­te Frau­en“, er­zählt An­na Ma­ria Pahl­ke. Jetzt sitzt die 18-Jäh­ri­ge im Ate­lier von De­lia Rauls in Braun­schweig und schich­tet Ton­wüls­te über­ein­an­der, um dar­aus ei­nen Kopf ent­ste­hen zu las­sen. An ein Al­te-Frau­en-Hob­by den­ke sie schon lan­ge nicht mehr. „Töpfern ist für vie­le im­mer noch ei­ne Ablen­kung vom grau­en All­tag – es hat sich aber ver­än­dert“, meint Kurs­lei- te­rin De­lia Rauls. „Für mich ist es ei­ne tol­le Er­fah­rung, den Ton zu rie­chen, ihn an­zu­fas­sen. Aber so ei­ne Öko-So­cke – das will ich be­wusst nicht sein.“Statt­des­sen ste­hen bei der In­dus­trie­de­si­gne­rin mo­der­ne For­men und Far­ben im Mit­tel­punkt. „Die Men­schen möch­ten wie­der et­was ha­ben, in das sie ih­re Ener­gie flie­ßen las­sen kön­nen“, meint sie. Das sieht auch Zu­kunfts­for­scher Ul­rich Rein­hardt von der Fach­hoch­schu­le West­küs­te in Hei­de so. „Wir de­fi­nie­ren uns sehr stark über das, was wir in un­se­rer Frei­zeit tun. Man ist nicht mehr nur der For­scher, der Bä­cker, die Jour­na­lis­tin. Man will mehr sein.“Und das mög­lichst in­di­vi­du­ell. „Wenn al­le das­sel­be Han­dy ha­ben, su­che ich et­was, mit dem ich mich ab­gren­zen kann. Et­was Ein­zig­ar­ti­ges, in das ich mei­ne Krea­ti­vi­tät ste­cke.“Das Töpfern ha­be die gan­ze Ge­sell­schaft er­reicht. „Der kon­ser­va­ti­ve und spie­ßi­ge Touch ist ver­schwun­den. Die Leu­te sind be­reit, rich­tig viel Geld für ihr Hob­by und in Pro­duk­te zu in­ves­tie­ren.“– „Vie­le pro­bie­ren heu­te ganz neue Din­ge aus – mit For­men oder Ma­te­ria­li­en“, sagt auch Schließ­ler vom Ke­ra­mik-Ver­ein in Ba­den-Würt­tem­berg. „Die Mög­lich­kei­ten an neu­en Aus­drucks­for­men lockt die Men­schen wie­der in die Werk­stät­ten.“

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